Ein grosser St. Galler Eisenbahn-Politiker

Der neue Gotthard-Basistunnel wird zu Recht gefeiert. Und doch: Geht dabei nicht manches vergessen? Die Eisenbahn in der Schweiz war immer mehr als die spektakuläre, mythisch aufgeladene Gotthard-Linie. Und die Ostschweiz trug das Ihre dazu bei.

Peter Müller
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Daniel Wirth-Sand, gemalt als junger Mann um etwa 1840 – und fotografiert als stolzer Greis. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen)

Daniel Wirth-Sand, gemalt als junger Mann um etwa 1840 – und fotografiert als stolzer Greis. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen)

Der neue Gotthard-Basistunnel wird zu Recht gefeiert. Und doch: Geht dabei nicht manches vergessen? Die Eisenbahn in der Schweiz war immer mehr als die spektakuläre, mythisch aufgeladene Gotthard-Linie. Und die Ostschweiz trug das Ihre dazu bei. Daran beteiligt waren zahllose, längst vergessene Bahnangestellte und Bauarbeiter, aber auch Leute in den Führungsetagen, die dank reichhaltigerem Archivmaterial ein bisschen weniger vergessen sind.

Kaufmann bei den Osmanen

Von einem von ihnen hat das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen kürzlich für 200 Franken ein Porträt ersteigert. Die Gouache-Malerei (7,5 mal 6,5 cm) zeigt den St. Galler Pfarrerssohn Daniel Wirth-Sand um 1840. Er war damals im Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, als Kaufmann tätig – in einer Zeit, in der das Reisen noch ziemlich mühsam war.

Später wurde Wirth-Sand (1815–1901) zu einem der bekanntesten Ostschweizer Exponenten von Wirtschaft und Politik, mit dem Eisenbahnwesen als wichtigstem Tätigkeitsgebiet. Als Präsident und Direktor führte er die Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) eisern und erfolgreich.

Vorkämpfer für Ostalpen-Bahn

Erfolglos war hingegen sein Kampf für den Bau einer Ostalpen-Bahn (Lukmanier/Splügen). Drei Jahrzehnte lang engagierte er sich dafür, konnte sich gegen die Gotthard-Lobby aber nicht durchsetzen. Später erkannte er die Zeichen der Zeit und unterstützte die Idee, die Hauptstrecken des schweizerischen Bahnnetzes zu verstaatlichen. 1902 wurden die VSB Teil der neugegründeten Schweizerischen Bundesbahnen (SBB).

Wirth-Sand hatte die Verstaatlichung noch vorbereiten können, kurz vor der Unterzeichnung der Verträge starb er. Die abgebildete Fotografie zeigt ihn als aufrechten Greis. Eine ehrwürdige, verdienstvolle Persönlichkeit, meinten Zeitgenossen, aber auch etwas aristokratisch und autoritär.

Von Kantons- bis Ständerat

Sein Tod wurde 1901 weit über St. Gallen hinaus zur Kenntnis genommen. Die Nachrufe zeichneten ein Leben nach, dessen Tätigkeitsfülle hier nur skizziert werden kann: Wirth-Sand leitete die Geschicke der Vereinigten Schweizerbahnen während 44 Jahren. Als liberaler Politiker sass er 48 Jahre im Kantonsrat, 10 Jahre im Nationalrat und 5 Jahre im Ständerat. Er gehörte zu den Mitgründern der St. Gallischen Creditanstalt (1854) und der Helvetia-Versicherung (1858). 1856–1860 leitete er die Deutsch-Schweizerische Kreditbank, 1887–1890 war er Verwaltungsratspräsident der Appenzeller-Strassenbahngesellschaft.

Wie dachte Wirth-Sand wohl als alter Mann im Rückblick auf sein Leben – und auf die gewaltigen Veränderungen in Wirtschaft, Technik und Wissenschaft, die in seine Zeit gefallen waren? Er hatte den Siegeszug der Industrialisierung erlebt, den Siegeszug von Eisenbahn, Dampfschiff und Elektrizität, von Telegraf und Fotografie – sogar die Pionierzeit des Kinos. Vielleicht besuchte er auf dem Jahrmarkt noch einen «Kinematographen» und staunte über die bewegten Bilder, die alles Mögliche boten: von witzigen Kurzgeschichten über politische Aktualitäten bis zu Sehenswürdigem aus aller Welt – sogar Aufnahmen von Eisenbahnen.