«Ein Fingerhut eines Insektizids genügt, um alle Insekten in einem kleinen Bach zu töten»: Pestizide belasten Gewässer im Kanton St.Gallen

Viele kleinere Fliessgewässer im Kanton St.Gallen sind in einem schlechten Zustand. Schuld daran trägt nicht nur die Landwirtschaft.

Marcel Elsener
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Bedenkliche Wasserqualität: Gewässerschutzchefin Vera Leib nimmt eine Probe am Albertswilerbach in Gossau.

Bedenkliche Wasserqualität: Gewässerschutzchefin Vera Leib nimmt eine Probe am Albertswilerbach in Gossau.

Bild: Benjamin Manser

Im Albertswilerbach an der Gemeindegrenze von Gossau zu Niederbüren wurden in den letzten Jahren immer wieder einmal tote Fische gefunden. Ein Grund, warum ihn das St.Galler Amt für Wasser und Energie (AWE) als vorbelasteten Bach im vergangenen Jahr detailliert auf Mikroverunreinigungen untersuchte und am Dienstag an seinem Lauf die Medien informierte. Zwar gab es da keine toten Fische zu sehen, doch auch keine lebendigen – ein Beleg für die ungenügende Wasserqualität des Bachs, die unter Rückständen von Pflanzenschutzmitteln leidet.

Michael Eugster, Amtsleiter Amt für Wasser und Energie (AWE).

Michael Eugster, Amtsleiter Amt für Wasser und Energie (AWE).

Bild: Benjamin Manser

Die Hunderten Bäche und kleinen Flüsse machen drei Viertel des Fliessgewässernetzes im Kanton St.Gallen aus und erfüllen wichtige ökologische Funktionen für Ökosysteme und die Biodiversität: So helfen Eintagsfliegen, Flohkrebse oder Schnecken, organisches Material zu zersetzen und Jungfische zu ernähren, die wiederum Vögeln als Futter dienen. Kleinste Verunreinigungen durch Pestizide (Herbizide, Insektizide, Fungizide usw.), Arzneimittel oder Industriechemikalien können diesen Wassertierchen schaden. Oder, wie es AWE-Leiter Michael Eugster vor Ort zuspitzte:

«Ein Fingerhut eines Insektizids genügt, um alle Insekten in einem kleinen Bach zu töten.»

Erhöhtes Risiko in allen untersuchten Bächen

Jährlich untersucht das Amt eine Handvoll Bäche auf solche Mikroverunreinigungen, 2019 waren es nebst dem Albertswilerbach der Kirchtobelbach (Waldkirch), der Loobach (Niederbüren) und die Länderenaach (Widnau). In allen vier Bächen zeigte sich von Frühling bis Herbst ein erhöhtes bis sehr hohes chronisches Risiko für die Gewässerorganismen, am schlechtesten ist die Wasserqualität im Kirchtobelbach. Von 119 untersuchten Spurenstoffen wurden insgesamt 72 Stoffe nachgewiesen, darunter 10 besonders giftige: neun Pestizide sowie die Chemikalie PFOS, die für Feuerlöschschaum mittlerweile verboten, aber noch für die Galvanik gebraucht wird.

Während anderswo harte Verbauungen und Industrie-, Siedlungs- und Verkehrsflächen die Gewässer beeinträchtigen, ist es bei den jüngst untersuchten Bächen vor allem die landwirtschaftliche Nutzung; im Einzugsgebiet des Albertswilerbachs beträgt sie 90 Prozent der Landnutzung. Die von biologischen Untersuchungen bestätigten, teils schwerwiegenden ökologischen Defizite sind laut Vera Leib, Abteilungsleiterin Gewässerqualität, «ernst und erfordern Massnahmen».

Landwirtschaft beim Entwässern zu Sorgfalt angehalten

Der Kanton wolle mit Hilfe dieser Messkampagnen die Landwirte im Dialog für einen möglichst sorgsamen Umgang mit Pflanzenschutzmitteln sensibilisieren, sagte Amtsleiter Eugster. Dass die Zusammenarbeit funktioniert, belegen erste Verbesserungen: Als Beispiel nannte er einen Rheintaler Bauer, der die Spritzen seines Sprühgeräts hochklappt, wenn er über den Zapfenbach fährt – wenige Tropfen hatten das dortige Bachwasser merklich verschlechtert.

Peter Nüesch, Präsident des St.Galler Bauernverbandes, sagt:

«Wir sind bereit, unsere Aufgaben zu machen, und wir müssen besser aufpassen. Aber die Industrie und die Hobbygärtner sind auch gefordert. Oft handelt es sich bei Mitteln für Fassaden- oder Holzschutz um ähnliche Stoffe.»
Peter Nüesch, Präsident des St.Galler Bauernverbandes.

Peter Nüesch, Präsident des St.Galler Bauernverbandes.

Bild: Benjamin Manser

Die Landwirtschaft sei für die Produktion von Obst und Gemüse auf Pflanzenschutzmittel angewiesen, doch habe sie die Menge der eingesetzten Mittel bereits um 30 Produzent reduzieren können. Nicht zuletzt im Hinblick auf die voraussichtlich im Frühling 2021 zur Volksabstimmung kommenden Agrar-Initiativen (Pestizide, Trinkwasser) wird laut Nüesch ein Aktionsplan Pflanzenschutz mit 51 Massnahmen umgesetzt.

Dem Schutz der Bäche dient vor allem eine saubere Entwässerung auf den Bauernhöfen: So müssen Rückstände von Spritzwagen in den Güllekasten oder in Schächte fliessen, die ans Abwassersystem der Kläranlagen angeschlossen sind. Nebst erhöhter Sorgfalt würde allerdings auch eine Verhaltensänderung in der Gesellschaft helfen, ergänzte Michael Eugster, nämlich dass Konsumenten nicht nur blitzblank gepflegtes Obst und Gemüse kauften.

Grössere Flüsse wie Steinach oder Glatt entwickeln sich positiv

Die kleinen Fliessgewässer sind gemäss den Messungen im Kanton zu 60 Prozent in einem schlechten Zustand und erfüllen die Anforderungen der Gewässerschutzverordnung nicht. Die gute Nachricht der amtlichen Gewässerschutzleute betrifft die grösseren Flüsse: Dank der ausgebauten Kläranlagen sank der Eintrag von Nährstoffen wie Stickstoff, Phosphor und Nitrat so deutlich, dass Grenzwerte nur noch im einstelligen Prozentbereich überschritten werden. Im jüngsten Bericht heisst es:

«Die Steinach und die Glatt, ehemals die grössten Sorgenkinder im Kanton, sind heute biologisch mehrheitlich in einem guten Zustand.»

$Den Rückgang der Nährstoffbelastungen belegt der Bioindikator Kieselalgen. Demnach weisen die St.Galler Flüsse und Bäche eine gute bis sehr gute Wasserqualität aus: Lediglich sieben Prozent der Messstellen genügen den gesetzlichen Anforderungen nicht. Defizite fanden sich vor allem bei kleineren Bächen mit hohem Abwasseranteil. Hingegen sind mit Sicht auf den zweiten Bioindikator, die wirbellosen Wassertiere, über 40 Prozent der Gewässerabschnitte als mässig bis schlecht eingestuft.

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