Ein fast normaler Tag in Buchs

Dutzende Flüchtlinge wurden gestern am Bahnhof Buchs erwartet. Polizei und Grenzwache stockten das Personal auf, Journalisten aus der ganzen Schweiz reisten ins Werdenberg. Doch der Ansturm blieb aus.

Roman Hertler
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Am Bahnhof in Buchs werden Flüchtlinge erwartet: sechs Personen werden auf dem Bahnhof Buchs von der Polizei befragt und anschliessend zum Polizeiposten Buchs geführt. Wenn es sich bei den Personen um Flüchtlinge handelt, die Asyl beantragen, werden sie anschliessend nach Altstätten ins Empfangs-und Verfahrszentrum (EVZ) gebracht (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Am Bahnhof in Buchs werden Flüchtlinge erwartet: sechs Personen werden auf dem Bahnhof Buchs von der Polizei befragt und anschliessend zum Polizeiposten Buchs geführt. Wenn es sich bei den Personen um Flüchtlinge handelt, die Asyl beantragen, werden sie anschliessend nach Altstätten ins Empfangs-und Verfahrszentrum (EVZ) gebracht (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Alles ist ruhig. Ein Dutzend Polizisten und Grenzwächter stehen auf dem Perron, daneben eine Handvoll Journalisten. Bahnhof Buchs, es ist 7.30 Uhr. Am Grenzwachthaus hängt eine Gedenktafel: 1956 kamen hier Zehntausende aus Ungarn über die Grenze. Nun werden im Rheintal wieder Flüchtlinge erwartet, die in Budapest den Zug besteigen und ihren Weg Richtung Westen suchen. Heute sind es aber nicht die Ungarn, sondern Syrer, Afghanen, Iraker, Marokkaner, die über den Westbalkan nach Nordeuropa kommen.

«Flüchtlinge nicht erschrecken»

«Seit acht Wochen hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die in Buchs ankommen, etwa verzehnfacht», sagt Hanspeter Krüsi, Sprecher der St. Galler Kantonspolizei. Es sind etwa 200 Flüchtlinge wöchentlich. Polizei und Grenzwache haben ihr Personal entsprechend aufgestockt, denn die Hunderten Flüchtlinge, die bis Montagabend am Budapester Ostbahnhof gestrandet waren, können nun ungehindert weiterreisen.

Wie viele Flüchtlinge an diesem Tag eintreffen werden, wissen die Behörden nicht. Polizeisprecher Krüsi gibt sich entspannt: «Wir erwarten heute keinen besonderen Ansturm. Wir sind hier, um die Flüchtlinge friedlich in Empfang zu nehmen wie in den Wochen zuvor.» Polizisten und Grenzwächter halten sich grösstenteils im Hintergrund. «Wir wollen hier nicht in Massen auftreten und die Leute erschrecken», so Krüsi.

Der Nachtzug von Budapest nach Buchs, der «Wiener Walzer», auf dem die meisten Flüchtlinge vermutet werden, hat Verspätung. Um 8.15 Uhr trifft der erste reguläre Zug aus Österreich ein. Polizisten und Grenzwächter betreten die Waggons. Sie nehmen vier Personen mit, ins Polizeikommando Buchs.

Müde, entspannte Gesichter

Vor dem Polizeigebäude setzen sich die vier Neuankömmlinge hin: Ein Vater und sein etwa zehnjähriger Sohn aus Syrien sowie zwei jüngere Männer aus Marokko und Irak. Sie wirken müde, aber entspannt. Ihre Personalien werden aufgenommen, die Fingerabdrücke werden erfasst und mit der Eurodac-Datenbank abgeglichen. Beim Buben werden die Fingerabdrücke nicht kontrolliert. «Das machen wir bei Kindern nicht», sagt ein Beamter. «Ich bin zum zweiten Mal in der Schweiz», sagt der Marokkaner und zeigt seinen N-Ausweis. «Die Menschen hier sind verglichen mit denen in Ungarn viel freundlicher, auch die Polizei.» Dann ist das Gespräch auch schon beendet. Die Flüchtlinge werden aufgefordert, den VW-Transporter zu besteigen, der sie nach Altstätten ins Durchgangszentrum bringt, wo ihr Asylverfahren aufgenommen wird. «Einsteigen», ruft ein Polizist. «Anschnallen! Du auch, anschnallen!»

Die Ankunft des «Wiener Walzers»

Zurück auf dem Perron haben sich bereits rund zwei Dutzend weitere Medienleute aus der ganzen Schweiz, aus Österreich und Liechtenstein eingefunden. Polizeisprecher Hanspeter Krüsi informiert: «Der <Wiener Walzer> wurde in Salzburg aufgeteilt. Eine erste Wagenkomposition aus Wien kommt etwas nach 10 Uhr. Die vier Waggons aus Budapest folgen gegen Mittag.» Um 10.02 Uhr trifft der nächste Zug ein, die Journalisten bringen sich in Position. Doch es steigen keine Flüchtlinge aus.

25 Minuten später dann ein Hupen. Es ist der erste Teil des «Wiener Walzers». Diesmal sind es sechs Männer, 20- bis 40jährig, Bangladesher und Syrer. Sofort sind sie von Kameras und Mikrophonen umzingelt. Die Worte von Polizeisprecher Krüsi («Wir sind Gastgeber hier») verhallen im Mediengetümmel. Die Männer werden nach einem kurzen Zwischenhalt auf der Polizeiwache, wo sie mit Wasser versorgt werden, ins Durchgangszentrum nach Altstätten transportiert. Ein Mann aus Bangladesh erzählt, dass er seit zwei Jahren auf der Flucht sei, den Kontakt zu seiner Familie habe er verloren. Er zeigt ein Foto seines kleinen Sohnes.

In Regionalzüge umgeteilt

Die Lage auf Perron vier beruhigt sich schnell wieder. Im zweiten Teil des «Wiener Walzers» werden die meisten Flüchtlinge erwartet. Erneut stellt sich Krüsi den Medien: «Soeben erfahre ich, dass der zweite Teil des <Wiener Walzers> in Feldkirch angehalten wurde. Die Flüchtlinge darin wurden in die Regionalzüge umgeteilt.» Der nächste Zug trifft kurz nach 12 Uhr ein. Wieder steigen fünf Personen aus: ein Afghane und ein syrisches Pärchen mit zwei Kleinkindern. Zusammen mit den elf Personen, die schon in der Nacht aufgegriffen worden waren, sind es damit bis Mittag 26 Flüchtlinge. Ein fast normaler Tag in Buchs.

Kaum in Buchs angekommen, werden die Flüchtlinge nach Altstätten gebracht. (Bilder: Urs Bucher)

Kaum in Buchs angekommen, werden die Flüchtlinge nach Altstätten gebracht. (Bilder: Urs Bucher)

Gelandet in Buchs: Flüchtlinge verlassen den Zug und werden von der Polizei in Empfang genommen. (Bild: Urs Bucher)

Gelandet in Buchs: Flüchtlinge verlassen den Zug und werden von der Polizei in Empfang genommen. (Bild: Urs Bucher)