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Eine Gemüserüsthalle bringt ein ganzes Dorf in Aufruhr: Diepoldsau probt den Aufstand

Der Gemeinderat Diepoldsau erhält die rote Karte von der eigenen Bevölkerung. Stein des Anstosses im Streit um Kraut und Rüben ist eine 100 Meter lange Gemüserüsthalle. Nun wird gar das Referendum angedroht.
Christoph Zweili
10 500 Fahrzeuge fahren täglich beim Zoll Diepoldsau über die Grenze, davon sind vier Prozent Schwerverkehr. (Bild: Ralph Ribi)

10 500 Fahrzeuge fahren täglich beim Zoll Diepoldsau über die Grenze, davon sind vier Prozent Schwerverkehr. (Bild: Ralph Ribi)

Stefan Britschgi ist der «König der Bauern» in «Tipilzou», wie es im knorrigen Dialekt der Einheimischen heisst. Der Zwetschgenkreisel bei der A13-Ausfahrt leitet die Autofahrer hinüber zur Brücke, die zum «Dorf im Rhein» führt – eine Anspielung auf die Insulaner, die eigentlich bereits ausserhalb der Schweiz wohnen. Über 20 000 Fahrzeuge zwängen sich täglich durch dieses stählerne Nadelöhr, weil eine Querspange zwischen der Schweizer und der Vorarlberger Autobahn noch immer fehlt. Die Hälfte davon ist Durchgangsverkehr, der an manchen Tagen zurück bis auf die Autobahn staut.

Stefan Britschgi.

Stefan Britschgi.

In diesem Dorf ist FDP-Bauer Britschgi aufgewachsen und zur Schule gegangen – und hier setzt er sich für die Öffentlichkeit ein: Seit 18 Jahren als Gemeinde- und seit 2006 auch als Kantonsrat. Britschgi gilt als Macher – ein Mann vieler Worte ist er nicht. Im Süden der Rheininsel baut er auf seinem Fahrmaadhof auf 32 Hektaren Fläche Gemüse an – angrenzend an das Naturschutzgebiet am Alten Rhein. Zehn Mal grösser ist allerdings die Anbaufläche, die er aus seiner Schaltzentrale heraus organisiert. Über 60 Landwirtschaftsbetriebe ­zwischen Haag und Rheineck stehen bei ihm unter Vertrag, für sie macht er Pflanzpläne, mit seinem Maschinenpark erntet er ihre Produkte und verpackt sie für die Grossverteiler Migros und Coop verkaufsfertig auf dem eigenen Hof – bis zu 250 Personen sind im Nebenerwerb für ihn tätig.

«Weisses Gold» als Türöffner für übrige Produkte

Im 6400-Seelen-Dorf ist das Milchvieh praktisch verschwunden, stattdessen regiert die «Königin des Gemüses», die weisse Spargel. Angesichts der billigeren Importprodukte hatte Britschgi anfangs dafür zwar noch ein Kopfschütteln geerntet, heute liegt das «Weisse Gold» aber als Renner in den Verkaufsregalen. Die Spargeln waren der Türöffner für das restliche Sortiment: Der 56-Jährige baut mit seiner Frau auch Kartoffeln, Rüebli, Spinat, Bohnen, Zucchetti, Erdbeeren, Sellerie, Randen, Lauch und Quitten an. 2012 übernahm der Rheintaler die ehemalige Gemüsezentrale Rebstein, die er seither unter dem neuen Namen Pro Verda AG weiterführt: 50 Personen sind mit der Aufbereitung von Gemüse und der Weiterleitung in den Frischmarktsektor beschäftigt.

Diese Entwicklung eines Netzwerks aus einer Hand hat lange funktioniert: Die Nachfrage nach regionalem Gemüse ist gross, Britschgi blickt auf Jahre ungebrochenen Wachstums zurück. Und er hatte anfangs ein Luxusproblem: Er konnte nicht so viel anbauen, wie er hätte verkaufen können. Nun aber stösst er in der Landwirtschaftszone an Grenzen. Ein weiterer Ausbau sprenge den Rahmen des Raumplanungsgesetzes, beschied ihm der Kanton vor einem Jahr, als er ein Projekt für eine Gemüserüsthalle auf seinem Grund einreichte. Eine Interessengemeinschaft «Keine Industrie im Naherholungsgebiet» befürchtete, durch den Betrieb der Halle auf dem Fahrmaadhof würde auf das nahe Wohnquartier deutlich mehr Verkehr zukommen – in einem Gutachten war von 72 Fahrten pro Tag die Rede – eine Zahl, die im Dorf nicht wenige bezweifeln. Es gab fast 70 Einsprachen. Der Gemüsebauer zog das Projekt zurück.

Aufgegeben hat er nicht. Bis 4. Juli lag nämlich erneut eine Bauanzeige bei der Gemeinde öffentlich auf, für eine Gemüserüsthalle im Industriegebiet in der Nähe des Sieber-Kieswerks: 100 Meter lang, 40 Meter breit und 14 Meter hoch wie die Visiere andeuten. Britschgi war während des Baubewilligungsverfahrens in den Ausstand getreten, um nicht in einen Interessenkonflikt zwischen Bauherr und Gemeinderatsmitglied zu geraten. Das kaufen ihm die Dorfbewohner allerdings nicht alle ab. «Die bestehende Industriezone nur für einen einzelnen Betrieb erweitern, das geht wohl nur für einen Gemeinderat», monieren sie. Für den Kanton wäre der neue Standort allerdings bewilligungsfähig. «Rund um Diepolds-au ist Fruchtfolgefläche. Wir können nicht wie bei einer Neuansiedlung eine regionale Lösung suchen», sagt Kantonsplaner Ueli Strauss-Gallmann. «Für die Erweiterung des Fahrmaadhofs muss es eine lokale Lösung geben, sonst würgen wir diesen heimischen Betrieb ab.» Wer nun aber glaubt, dass sich die Wogen mit dem zweiten Gesuch geglättet hätten, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil: Zum ersten Mal in der Gemeindegeschichte wurde innert der Auflagefrist eine Sammeleinsprache mit knapp 400 Unterschriften eingereicht, zusammengetragen innert ein paar Tagen.

Kein Kommentar seitens der Gemeinde

Gemeindepräsident Roland Wälter weilt derzeit in den Sommerferien, und Gemeinderatsschreiberin Andrea Hanselmann bestätigt auf Anfrage lediglich, dass es Einsprachen gegeben hat. Mehr will sie mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht sagen – der Gemeinderat tage am 14. August das nächste Mal: «Dann wird man weitersehen.» Gemeinderat Britschgi, befragt zum eigenen Projekt, reagiert äusserst nervös am Telefon: «Ich sage nichts. Ich will mir nicht selber schaden.» Er kenne den ­derzeitigen Stand des Verfahrens nicht. Auch ein befragter zweiter Gemeinderat schüttelt den Kopf: «Kein Kommentar!» Das ist typisch für Diepoldsau: Hier regelt man die Dinge unter sich – anders als in Altstätten, wo es ständig Krach gibt, wie es auf der Rheininsel heisst.

Der Tenor in den Leserbriefen im «Rheintaler» ist allerdings deutlich – die Autoren fühlen sich verraten. Da werde einem einzelnen Gemeinderat der Hof gemacht, heisst es etwa. Die gleiche Behörde, die sich seit Jahren am Verkehrsaufkommen auf der Hauptstrasse störe, zeige sich unsensibel, was den Mehrverkehr durch Lastwagen, Traktoren mit Anhänger und Personenwagen angeht, die der Umzug der Gemüsezentrale von Rebstein nach Diepoldsau bringen werde. Der Alte Rhein, eingefasst von Hallen und Industrie? Das kommt bei breiten Teilen der Bevölkerung nicht gut an. «Selbst Bauern staunen, wie einfach 8000 Quadratmeter Fruchtfolgefläche für eine Gemüserüsthalle umgezont werden können», heisst es vorwurfsvoll in einem weiteren Leserbrief. Der einzig richtige Standort für eine Industriehalle liege in einem Industriegebiet nahe der Autobahn, weit weg von den Wohnquartieren.

«Wir wollen nicht noch mehr Industrie»

Tragisch: In den 1960er-Jahren hatte Diepoldsau vehement für einen Anschluss an die damals noch einspurige A13 gekämpft. 60 Jahre später leidet das Dorf unter den Folgen des wachsenden Durchgangsverkehrs auf dem kürzesten Weg zwischen A13 und A14. Ende Mai hatten 400 Bürgerinnen und Bürger auf einem Podium in der Mehrzweckhalle in Diepoldsau zusammen mit Vertretern der St. Galler und der Vorarlberger Regierung nach Auswegen aus dem Verkehrsdilemma gesucht.

Visiere an der Werkstrasse zeigen die Dimensionen der geplanten Gemüserüsthalle in der Nähe des Zolls Diepoldsau (im Hintergrund). (Bild: Hanspeter Schiess)

Visiere an der Werkstrasse zeigen die Dimensionen der geplanten Gemüserüsthalle in der Nähe des Zolls Diepoldsau (im Hintergrund). (Bild: Hanspeter Schiess)

Wenige Tage später machte die Gemeindebehörde die Pläne für eine Umzonung des Landwirtschaftslands an der Werkstrasse publik. Das verstehen die Mitglieder einer Interessengemeinschaft nicht. «Wir wollen im Dorf nicht noch mehr Industrie», sagt Roman ­Tinner. Man kennt den 77-Jährigen: Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. «Lenkt die Gemeindebehörde diesmal nicht ein, entscheidet die Interessengemeinschaft über ein Referendum.» Die Hauptstrasse in Diepoldsau gehört heute zu den meistbefahrenen im Kanton St. Gallen. Tinner wehrt sich nun auch in einer persönlichen Einsprache gegen den zusätzlich erwarteten «übermässigen Mehrverkehr». Der Betrieb der Rüsthalle führe zu einer unzulässigen Übernutzung in der Zone – daher sei ein Sondernutzungsplan nötig. «Ein Baubewilligungsverfahren genügt diesmal nicht.»

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