Ein Dorf kann es kaum glauben

AADORF. Aadorf am Tag nach der Verhaftung des katholischen Pfarrers. Im Ort war der 40jährige Priester als nette und freundliche Person bekannt.

Stefan Borkert
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Die katholische Kirche von Aadorf. (Bild: Stefan Borkert)

Die katholische Kirche von Aadorf. (Bild: Stefan Borkert)

Bagger graben vor der katholischen Kirche Aadorf. Das Bild hat Symbolcharakter. Die Kirche ist eine Baustelle geworden, in deren Baugrube zum Vorschein kommt, was im Verborgenen passiert ist. Kaum ist die Baustelle überquert, sieht man auf dem Kirchenvorplatz zwei Fernsehteams mit ihren Kameras hantieren. Überhaupt sind viele Journalisten und Journalistinnen heute in Aadorf unterwegs.

Manche überschreiten ethische Grenzen, interviewen Kinder. «Bad news are good news», sagt ein junger Mann ironisch, der ebenso wie der alte Herr auf der anderen Seite des modernen Dorfzentrums die Nase voll hat vom Medienrummel.

Einer wie Gemeindeammann Bruno Lüscher wünscht sich sicher ähnlich viele Presseleute in seiner Politischen Gemeinde mit ihren 8000 Einwohnern, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung Aadorfs geht.

Traurig, sehr traurig

Doch es geht nicht um Zahlen und Fakten, sondern um das hochemotionale Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, begangen durch den katholischen Gemeindepfarrer. Immer noch geschockt sagt eine junge Familie mit Kindern, sie könne es kaum glauben. Sie reden mit einer Fernsehjournalistin, wollen aber nicht gefilmt werden.

Verständlich, denn die Familie ist privat bekannt mit dem angeschuldigten Pfarrer. Er war bei ihnen zu Hause ein gerngesehener Gast. Dass er sich für Kinder im vorgeworfenen Sinn interessiert haben soll, konnten sie nie feststellen. Über die Strasse unterhalten sich eine ältere Italienerin und ein Italiener. Ja, sie haben es beide aus dem Fernsehen erfahren. Gekannt hätten sie den Pfarrer schon, aber nur flüchtig, denn sie seien nicht so fleissige Kirchgänger, sagt die Dame entschuldigend. Traurig sei das, sehr traurig, sagt eine Mutter im Supermarkt und eilt zur Kasse.

An den Stammtischen hört man das übliche Gemisch aus Wut und Vorsicht, das schnell in eine Generalabrechnung mit der Kirche und dem Papst umschlägt. Es sei noch nichts bewiesen, sagt ein Pensionär. Ein Handwerker, der gerade von der Baustelle kommt, stimmt zu.

Vielleicht zu freundlich

In der Bäckerei, wo der katholische Pfarrer zwei- bis dreimal die Woche einkaufte, schüttelt eine Kundin den Kopf und bemerkt, es sei ja auch schrecklich, was die Eltern jetzt durchmachten, bezahlt und verlässt den Laden.

Die freundliche Verkäuferin kann es ebenfalls kaum glauben. Nett und freundlich sei der Herr Pfarrer gewesen. In der Gemeinde habe man ihn sehr gern gehabt. «Vielleicht war er auch zu freundlich», sagt sie nachdenklich. Aber der Vertrauensbruch, den der Pfarrer begangen habe, wiege doppelt. Er habe das Vertrauen der Eltern missbraucht und das Vertrauen der Kinder, die zu einem Pfarrer auch als moralische Instanz aufsähen. Schräg hinter der Kirche ist ein Spielplatz.

Nein, nein, sagt eine junge Mutter und fängt ihr heranrutschendes Kind auf, sie habe keine Bedenken, ihre Kinder hier spielen zu lassen. Mit dem Pfarrer habe sie nichts zu tun. Sie sei nicht in diesem Verein und empfehle ausserdem, dass der Zölibat endlich aufgehoben werde. Was sie mit anderen eint, ist, dass sie alle sich auch um das Wohlergehen der Opfer sorgen.

Derweil kümmert sich Dekan Daniel Bachmann darum, dass das Pfarreileben weitergehen kann. Interviews lehnt er kategorisch ab. Auch die Berufskollegne des Verhafteten müssen das Geschehene zuerst verkraften.

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