Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Wie das Dorf Heiden seine Auferstehung feiert

Am kommenden Wochenende ist Biedermeier-Fest in Heiden. Die Biedermeier-Zeit steht für den Rückzug ins Private. Trifft das auf die Heidler zu? Zu Besuch in einer Zentrumsregion, die mit ihrem Erbe als Kurort ringt.
Katharina Brenner
Heiden zählte Ende 2017 insgesamt 4197 Einwohner. Die Bevölkerung der Ausserrhoder Gemeinde wächst tendenziell. (Bild: Beat Belser (27. August 2018))

Heiden zählte Ende 2017 insgesamt 4197 Einwohner. Die Bevölkerung der Ausserrhoder Gemeinde wächst tendenziell. (Bild: Beat Belser (27. August 2018))

Wie eine riesige Raupe, die an den Blättern der Linde knabbern will, schiebt sich das Postauto über den zentralen Kirchplatz. Die Häuser sind aus einem Guss. Hier wirkt Heiden wie die Kulisse von Heiden. Dieses Wochenende wird der Platz tatsächlich zur Kulisse: Wenn Heidler am Biedermeier-Fest in Frack und Rüschenkleid schlüpfen.

Warum feiert das Dorf ausgerechnet diese Kulturepoche zwischen 1815 und 1848, die für den Rückzug der Bevölkerung vom Politischen ins Private steht, ja, für Spiessbürgertum? Darum gehe es nicht, sagt Werner Meier auf der zwischen Hecken und Holunder versteckten Terrasse der «Enoteca La Brenta», keine Gehminute vom Kirchplatz entfernt. Bis 2012, zehn Jahre lang, war Meier Gemeindeschreiber in Heiden. Dann wurde er Gemeindepräsident von Lutzenberg. «Wir wollen das Dorf feiern und wie schön es wieder aufgebaut wurde», sagt Meier. Die «Enoteca La Brenta» liegt im «Haus Harmonie», das neben dem Schützenhaus als einziges den Brand 1838 überstand. Innert Kürze wurde das Dorf wieder aufgebaut. Diese Auferstehung feiern die Heidler alle vier Jahre mit dem Biedermeier-Fest – nicht den Rückzug in die eigenen vier Wände.

Vermehrt nutzen, was geboten wird

Trotzdem würde sich Werner Meier wünschen, dass die «Häädler das, was ihnen Heiden bietet, viel mehr nutzen würden». Bei vielen Veranstaltungen und im Kino falle ihm auf, dass relativ viele Auswärtige dabei seien, man aber kaum Leute aus Heiden antreffe. Er bedauert das. Stefan Sonderegger findet es positiv, dass Heiden als Zentrumsgemeinde viele Personen von ausserhalb anzieht. Sonderegger ist Heidler, an Werktagen erreicht man ihn aber in St. Gallen, wo er das Stadtarchiv leitet. Als Historiker stellt er etwas richtig: Heiden gelte zwar als Biedermeier-Dorf, die Architektur jener Epoche sei jedoch klassizistisch. «Biedermeier, das waren Möbel, Kunst und Kleidung dieser Zeit.»

Auch Gemeindepräsident Gallus Pfister wird am Wochenende Frack tragen. Eine Woche vor dem Biedermeier-Fest empfängt er mit hochgekrempelten Hemdsärmeln in seinem Büro im Rathaus. Er nennt gleich mehrere Visionen für Heiden: die Zentrumsentwicklung und drei Bauprojekte: Nord, Bergstrasse und Sonnenberg. Ende 2017 zählte Heiden 4197 Einwohner; die Bevölkerung wächst tendenziell. Mit Abacus-CEO Claudio Hintermann hat Heiden einen po­tenten Steuerzahler gewonnen.

Was den Heidlern zu schaffen macht, ist die ungewisse Zukunft ihres Spitals. Gallus Pfister setzt sich dafür ein, dass Heiden als Spitalstandort bestehen bleibt. Das andere Sorgenkind ist der Tourismus. Die Logiernächte sind innert zehn Jahren um mehr als die Hälfte eingebrochen: von 47 051 im Jahr 2007 auf 21 663 im Jahr 2017. Mehrere Hotelbetriebe wurden geschlossen. Heute ist Heiden bei Tagesausflüglern beliebt. Die meisten kommen aus dem süddeutschen Raum und mit der Rorschach-Heiden-Bergbahn. Bis vor gut 100 Jahren war diese sehr gut frequentiert. Der Berliner Augenarzt Albrecht von Graefe hatte in den 1860er-Jahren den Sommer über in Heiden praktiziert und den Ort international bekannt gemacht. Selbst Kaiser besuchten den Molken- und Luftkurort auf 800 Metern über Meer. Dann brach der Erste Weltkrieg aus und der Fremdenverkehr ein.

Ein Projekt gescheitert, neuer Effort geplant

Gemeindepräsident Pfister möchte als Präsident des Vereins Gesundheitsregion Appenzellerland an das Kurorterbe anknüpfen. Ein Projekt zur Frauengesundheit musste er diesen Sommer aber für gescheitert erklären: Frauen zwischen 40 und 60 nach Heiden locken. «Es war uns nicht gelungen, das Alleinstellungsmerkmal des Anliegens klar herauszustellen und verschiedene Leistungsbringer wie Yogalehrer oder Anbieter von Klangschalenkursen zusammenzubringen.» Doch Pfister hat bereits eine neue Idee: «Wir wollen auf Esoterik und Spiritualität setzen.» Näheres werde man Ende September kommunizieren.

Pfister kam vor drei Jahren als Parteiloser von Wil nach Heiden, trat 2017 der FDP bei. Diese war einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, ist jetzt aber wieder aktiv. Die SP hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Engagiert ist in Heiden auch die Lesegesellschaft Bissau, geführt vom ehemaligen Kantonsrat und Präsidenten des Kurvereins Max Frischknecht. Er holte vor zwei Wochen den Donnschtig-Jass nach Heiden. Ein voller Erfolg. Auf die Frage, ob nicht doch ein bisschen Biedermeier in Heiden stecke, sagt Frischknecht: «Was das Politische angeht, ja.» Die Diskussionen könnten lebendiger, das Interesse grösser sein. Auch Frischknecht führt am Wochenende seinen Frack aus. Im Mittelpunkt zu stehen, sich zu verkleiden, sei aber nicht jedermanns Sache.

«Meine ist es nicht», sagt Cécile Küng. Sie wohnt in Wolfhalden und ist Präsidentin der Genossenschaft Kino Rosental. Das Gebäude wirkt wie ein Wohnhaus, doch seit 1935 werden hier ausgewählte Filme gezeigt. «Regionale laufen am besten», sagt Küng. Das Kino bietet auch Matinées und ein Sprachencafé an. Gut 20 Personen besuchen die Filme durchschnittlich. Küng bedauert, dass kaum Junge kommen. «Sie wollen lieber nach St. Gallen in den Ausgang.» Dieses Wochenende nimmt das Kino seinen Betrieb nach der Sommerpause wieder auf. Es zeigt «Mamma Mia» und «Under the Tree» – ein Nachbarschaftsstreit um einen Baum. Es werden dann sicher auch Bewohner aus den Nachbargemeinden kommen.

Wochenend-Anlass

Biedermeier-Fest Heiden, 1. und 2. September. www.biedermeier.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.