Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Die Taten passieren im Kanton St.Gallen, aber die Täter können überall sein»: Ein Blick ins Kompetenzzentrum Cybercrime der Kapo St.Gallen

Nirgendwo sonst arbeiten Strafverfolger und Ermittler so eng zusammen. Daniel Burgermeister und Martin Reut, die Köpfe des Kompetenzzentrums Cybercrime im Kanton St.Gallen, gehen auf digitale Spurensuche und verfolgen Verbrechen bis ins Darknet.
Noemi Heule
Staatsanwalt Daniel Burgermeister (links) und Martin Reut, Leiter der Polizeieinheit, sind die Köpfe des noch jungen Kompetenzzentrums Cybercrime. (Bild: Hanspeter Schiess)

Staatsanwalt Daniel Burgermeister (links) und Martin Reut, Leiter der Polizeieinheit, sind die Köpfe des noch jungen Kompetenzzentrums Cybercrime. (Bild: Hanspeter Schiess)

Eine Glaswand trennt Daniel Burgermeister und Martin Reut. Der Staatsanwalt arbeitet auf der einen, der Polizist auf der anderen Seite der Scheibe, beide in Sichtweite. Sie sind die Köpfe des jungen Kompetenzzentrums Cybercrime. Seit September leitet Reut die Polizeieinheit, Burgermeister ist der erste Cyber-Staatsanwalt im Kanton. Die räumliche Nähe zwischen Ermittler und Strafverfolgung ist ein Unikum in der Schweiz. Sie ist nötig, damit sie schnell agieren können im virtuellen Raum. Denn das Internet wandelt sich stetig und mit ihm der Tummelplatz für Betrüger, Erpresser, Hochstapler und Hacker.

Scareware, Spyware, Sextorsion oder Romance Scam heissen nur einige der gängigen Formen von Internetkriminalität. Das Bundesamt für Polizei unterscheidet mehr als 20 Arten sogenannter Phänomene (siehe Zweittext). Ihnen ist etwas gemeinsam: «Es geht eigentlich immer um Geld», sagt Reut. Darin unterscheiden sich die Verbrechen wenig von jenen, die in der realen Welt passieren. Unterschiedlich ist, wie die Verbrecher an das Geld der Geprellten gelangen oder gelangen wollen. Laufend kommen neue Phänomene hinzu oder es werden Formen vermischt. Für die Ermittler heisst das: Sie müssen auf dem Laufenden sein, was im Internet oder in der virtuellen Unterwelt, dem Darknet, vor sich geht. Und das weltweit.

«Ein Phänomen kann in China aufflammen und dann innert weniger Stunden bei uns auftauchen», sagt Reut. Das Internet kennt keine Grenzen. Umso schneller müssen die lokalen Ermittler auf internationale Entwicklungen reagieren. Und sind dafür auf den Staatsanwalt angewiesen, der ihnen den nötigen Handlungsspielraum verschafft.

«Die Taten passieren im Kanton St.Gallen, aber die Täter können überall sein.»

Ein wichtiger Teil seiner Arbeit macht deshalb die Rechtshilfe aus. Damit die Ermittler etwa auf Daten zugreifen können, die bei Pro­vidern im Ausland gespeichert sind.

Fedpol, Europol, Interpol – und die Kapo

Ohnehin ist Kooperation gefragt, genau weil sich das Internet nicht an Grenzen hält – schon gar nicht an Kantonsgrenzen. Für den Staatsanwalt mit Behörden und Gerichten im Ausland, für die Ermittler mit internationalen Polizeibehörden wie Europol oder Interpol sowie mit Kollegen im Inland. «Tritt ein Phänomen in einem Kanton gehäuft auf, leitet die dortige Kantonspolizei die Ermittlungen im ganzen Land», sagt Reut und spricht von Synergien und der Bündelung von Einsatzkräften. Viele Kantone rüsten derzeit gegen Internetkriminalität auf, einige setzen nach Zürcher Vorbild ebenfalls auf Kompetenzzentren (Ausgabe vom 25. Januar).

Auch im Haus der Kantonspolizei gegenüber dem St. Galler Karlstor arbeitet das Cyberteam eng mit anderen Einheiten zusammen, sozusagen als Taskforce für technische Fragen.

«In jedes Verbrechen ist heute irgendwie ein Mobiltelefon involviert»

, sagt Reut. Die Kapo verfüge bereits über genügend Spezialisten, etwa für Betäubungsmittel- oder Sexualdelikte. «Ihnen nehmen wir nicht die Arbeit weg.» Vielmehr springen sie, wenn es darum geht, grosse Datenmengen zu durchleuchten, oder technisches Wissen nötig ist. Kürzlich konfiszierten sie etwa Kryptowährungen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Brieftaschen lässt sich das digitale «Wallet» nicht so einfach speichern und damit sicherstellen.

Träge Gesetze in einer schnellen neuen Welt

Während Martin Reut auf der einen Seite der Glasscheibe gegen die Geschwindigkeit im Internet ankämpft, ist Daniel Burgermeister auf der anderen mit einer trägen Ausgangslage konfrontiert: Nach Phishing, Grooming oder Ähnlichem sucht man im Gesetzeskanon vergeblich. Virtuelle Verbrechen dem geltenden Strafenkatalog zuzuordnen, sei nicht immer einfach. «Da ist mitunter Kreativität gefragt», sagt Burgermeister. Auch schon musste er Fälle fallen lassen, weil sie im Strafgesetz so nicht vorgesehen sind. Dennoch: Die Bezeichnungen hören sich zwar für Laien nach Science Fiction an, dahinter verbergen sich aber oft profane Verbrechen: Erpressung, Betrug, Drohung oder Hehlerei. «Der Tatort hat sich einfach ins Internet verschoben», sagt Burgermeister.

Im Grundsatz unterscheidet sich auch die Arbeit der Ermittler im Internet nicht von jener, wie man sie noch aus Krimis in Schwarz-Weiss kennt: Sie suchen Spuren. Statt Fingerabdrücke sind es IP-Adressen, Geldflüsse, Codes oder Fragmente davon. Statt mit Handschuhen oder gefälschten Papieren verbergen die Täter ihre Identität im Netz mit ausgeklügelten Verschleierungstechniken und Anonymisierungsdiensten. «Irgendwann macht aber jeder einen Fehler», sagt Reut. Und hinterlässt ein Indiz, das die Ermittler auf ihre digitale Fährte führt. Mitunter werden sie auch in die Falle gelockt: Verdeckte Ermittlungen, ähnlich der sogenannten «Aktion Ameise», haben sich ebenfalls ins Netz verlagert. Statt auf Kokainkügelchen auf der Gasse sind sie nun auf Drogenpakete im Darknet aus. Bei allen Ähnlichkeiten stellt das Internet die Ermittler vor neuartige Herausforderungen. Nicht nur, dass sich Kriminelle blitzschnell um die halbe Welt bewegen, genauso schnell schliessen sie sich mit Verbündeten zusammen. Banden bilden sich laut Reut ad hoc, bevor die einzelnen Täter wieder in die Anonymität abtauchen.

Das Duo soll zum Trio werden

Ansonsten sind die Herausforderungen technischer Natur. Am Kompetenzzen­trum sind deshalb nebst Staatsanwalt und Polizisten auch reine Informatiker angestellt. Das Cyberteam der Polizei soll bis Ende Jahr auf 14 Köpfe ausgebaut werden. Voraussetzung ist eine Affinität für Technik. Der 37-jährige Burgermeister, seit 2009 Staatsanwalt, wurde noch unter dem verstorbenen Ersten Staatsanwalt Thomas Hansjakob – ein Vordenker des heutigen Kompetenzzentrums – im technischen Bereich gefördert. Eine klassische Polizeikarriere absolvierte der 50-jährige Reut, bevor er als Leiter zum Kompetenzzentrum stiess.

Seit September arbeiten die beiden Hand in Hand und Tür an Tür. Zusammen waren sie in Mailand bei der Polizia Postale, in Den Haag bei Europol oder besuchten vergleichbare Einheiten in Mannheim, Bamberg oder dem Schweizer Vorreiter Zürich. Bald muss das Duo den Platz mit einer weiteren Person teilen: Per Inserat wird derzeit ein zweiter Cyberstaatsanwalt gesucht.

Internetkriminalität 
hat viele Gesichter

Das Bundesamt für Polizei unterscheidet verschiedene Formen von Internetkriminalität. Mehr als 20 sogenannte Phänomene listet das Amt auf seiner Webseite auf. Eine Auswahl.

Grooming: Erwachsene Täter schreiben in Chat-Rooms Minderjährigen, um an Nacktbilder und intime Details zu gelangen oder ein Treffen zu arrangieren.

Phishing: Über gefälschte Mails oder Webseiten gelangen Kriminelle an Passwörter und persönliche Daten und tätigen im Namen des Opfers Geschäfte.

Police Ransomware: Eine Software blockiert den Computer. Um ihn zu entsperren, verordnet eine vermeintlich behördliche Mitteilung eine Busse.

Romance Scam: Moderne «Heiratsschwindler» täuschen auf Singlebörsen eine Liebschaft vor und fordern Geld.

Scareware: Falsche Antivirus-Programme warnen das Opfer vor Sicherheitslücken. Um sie zu beheben, verlangen sie eine Zahlung.

Sextorsion: Die Opfer werden dazu verführt, vor der Webcam sexuelle Handlungen vorzunehmen. Mit den Aufnahmen werden sie sodann erpresst.

Spyware: Der Computer wird mit einem Programm infiziert, das Daten – etwa Zugangsdaten zu Konten – sammelt und an die Täter übermittelt. (nh)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.