Ein bisschen Heim, ein bisschen Wohnung: Wie der Kanton St.Gallen in der Alterspflege Millionen sparen will

Der Kanton St.Gallen will betreutes Wohnen fördern. Doch die neue Wohnform stösst auch auf Vorbehalte.

Michael Genova
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Eine rollstuhlgängige Wohnung mit Dienstleistungen: Für viele ältere Menschen ist dies eine attraktive Alternative zum Pflegeheim.

Eine rollstuhlgängige Wohnung mit Dienstleistungen: Für viele ältere Menschen ist dies eine attraktive Alternative zum Pflegeheim.

Bild: Getty

77 Jahre sind eigentlich kein Alter, findet Herr Bucher. Zwar unterstützt ihn seine Tochter gelegentlich bei Behördengängen und beim Einkaufen, doch seine Mahlzeiten kocht er sich noch alleine. Nur das Treppensteigen bereitet ihm zunehmend Mühe – die langen Jahre auf dem Bau haben Spuren hinterlassen. Er würde gerne in ein Angebot für betreutes Wohnen umziehen: eine Einzimmerwohnung mit Lift und Reinigungsservice. Bloss: Herr Bucher kann sich mit seiner AHV-Rente die höheren Mietkosten nicht leisten. Deshalb zieht er notgedrungen in ein Pflegeheim – obwohl er sich geistig und körperlich noch fit fühlt.

Das Beispiel ist fiktiv, doch es steht stellvertretend für das Dilemma vieler älterer Menschen. Ende 2017 wohnten im Kanton St. Gallen 1012 AHV-Beziehende mit einer Pflegestufe zwischen null und zwei in einem Heim. Viele von ihnen könnten mit etwas Unterstützung in einer geeigneten Wohnung noch viele Jahre selbstständig wohnen. Doch weil die Ergänzungsleistungen nicht ausreichen, entscheiden sie sich aus finanziellen Gründen für einen Heimeintritt. Auch zum Nachteil des Kantons – denn die Betreuung in einem Pflegeheim ist deutlich teurer. Die St. Galler Regierung schlägt deshalb vor, die Mietkosten für betreutes Wohnen bei den EL künftig anzurechnen. Der Kantonsrat berät die Vorlage in der kommenden Februarsession.

Der Kanton könnte bis zu 15 Millionen Franken sparen

Mit der Gesetzesänderung könnte der Kanton St. Gallen 3 bis 14,8 Millionen Franken pro Jahr einsparen, schreibt die Regierung in ihrer Botschaft. Je nachdem wie viel Personen künftig von einem verfrühten Heimeintritt absehen werden. Doch es gibt nicht nur Sparargumente. Das betreute Wohnen ist für viele Ältere ein attraktiver Mittelweg zwischen der Betreuung zu Hause und dem Gang ins Pflegeheim. Dadurch ist die neue Wohnform auch zu einem interessanten Markt geworden. Gemäss einer Studie mehrerer Dachorganisation aus dem Bereich der Pflege gibt es in der Schweiz zurzeit etwa 16000 Plätze für betreutes Wohnen. Die Familienplattform Ostschweiz listet auf ihrer Website 24 regionale Einrichtungen auf. Die tatsächlichen Zahlen dürften deutlich höher sein. So entstehen in der Ostschweiz zurzeit mehrere Pflegezentren mit integrierten Angeboten für betreutes Wohnen.

Für Betroffene ist die Orientierung zurzeit noch schwierig. Zwar gibt es eine kantonale Pflegeheimliste, doch eine vergleichbare Übersicht für betreutes Wohnen fehlt. Künftig soll es auch für betreutes Wohnen eine offizielle kantonale Liste geben. Anbieter können sich dann für eine Zulassung auf dieser Liste bewerben – die Voraussetzung dafür, dass ein Teil der Kosten von den EL übernommen werden. Wie das Anerkennungsverfahren genau aussehen werde, müsse vom Kanton noch definiert werden, sagt Barbara Widmer von der Abteilung Alter im St. Galler Amt für Soziales.

Betreutes Wohnen: Diese Beratungsstellen helfen weiter

Familienplattform Ostschweiz: Wer gezielt nach Angeboten für betreutes Wohnen sucht, findet bei der Familienplattform Ostschweiz die zurzeit beste Aufstellung entsprechender Anbieter. Zusätzlich findet man auf der Website auch Listen mit Pflegeheimen, Entlastungsdiensten und Alterswohnungen in der Ostschweiz. Der Verein berät Arbeitgeber und ihre Angestellten zum Thema «Vereinbarkeit von Familie und Beruf». Die Erstberatung ist für alle Personen kostenlos.

https://www.familienplattform-ostschweiz.ch/

Pro Senectute: Wer zu Hause alleine nicht mehr zurechtkommt, kann sich von der Pro Senectute beraten lassen. Im Kanton St.Gallen gibt es sechs regionale Beratungsstellen. «Wir schauen mit den Betroffenen immer ihre Gesamtsituation an», sagt Geschäftsleiter der Pro Senectute Kanton St.Gallen. Die Beratungsstelle helfe zum Beispiel auch bei der Suche nach einer barrierefreien Wohnung, wenn eine ältere Person im angestammten Quartier bleiben wolle.

https://sg.prosenectute.ch

Der Schweizer Heimverband Curaviva hat sich auf Bundesebene für eine Förderung eingesetzt und begrüsst deshalb auch das Vorhaben der St.Galler Regierung. «Damit wird die Angebotslücke zwischen ambulant und stationär geschlossen», sagt Markus Leser, Leiter Fachbereiche Menschen im Alter. Betreutes Wohnen entspreche einem wachsenden Bedürfnis von Menschen im Alter und Menschen mit Behinderung, da es maximale Freiheit und bestmögliche Integration im bestehenden sozialen Netz ermögliche. Curaviva betont wie der Kanton die Kostenvorteile. Zwar würden die Pflegekosten aufgrund der demografischen Entwicklung steigen, sagt Leser.

«Das betreute Wohnen dürfte hier im Gegenteil eine dämpfende Wirkung haben.»

Thomas Diener, Geschäftsleiter der Pro Senectute Kanton St.Gallen, hingegen warnt davor, betreutes Wohnen als Allheilmittel zu sehen. «Es ist eine von vielen Angebotsvarianten», sagt er nüchtern. Ihn störe, dass viele bei betreutem Wohnen gleich an ein Bauwerk dächten. Betreuung sei nur bedingt an eine bestimmte Wohnform gebunden. In erster Linie gehe es darum, die Hilfe und Betreuung in der bestehenden Wohnsituation sicherzustellen. «Das ist heute dank Pro Senectute und Spitex schon sehr gut möglich – und könnte noch weiter ausgebaut werden.»

Lukratives Geschäftsfeld für Pflegeanbieter

Diener ist nicht grundsätzlich gegen eine Förderung des betreuten Wohnens. Doch er verweist darauf, dass es auch ein lukratives Geschäftsfeld sei. Er fordert deshalb, dass Anbieter im Einzelfall genau begründen müssten, welche Leistungen sie verrechnen.

«Sonst besteht die Gefahr, dass betreutes Wohnen zu einem relativ luxuriösen Angebot wird.»

Die ambulante Betreuung zu Hause dürfe gegenüber dem betreuten Wohnen nicht benachteiligt werden.

Das Sparpotenzial des betreuten Wohnens ist schwer abzuschätzen. In einer Studie verweist die Age-Stiftung darauf, dass die Förderung des betreuten Wohnens auch eine zusätzliche Nachfrage generieren könnte. So könnten EL-Beziehende, die bisher mit Hilfe der Spitex zu Hause oder bei Verwandten geblieben waren, neu in eine betreute Siedlung einziehen. Barbara Widmer vom St.Galler Amt für Soziales geht davon aus, dass Betagte, die heute bereits im Heim leben, auch mit der neuen Regelung nicht in ein Betreutes Wohnen umziehen würden. Gewisse Personen, die jetzt zu Hause leben, könnten sich aber aufgrund der Neuregelung überlegen, in eine betreute Wohnform umzuziehen. «Dadurch kann es in einer ersten Phase zu Mehrausgaben bei den Ergänzungsleistungen zu Hause führen», sagt Widmer. Dafür komme es mittel- und langfristig zu einer tieferen Kostensteigerung der Ergänzungsleistungen im Heim.

Kanton muss ambulante Angebote massiv ausbauen

Das Aufkommen des betreuten Wohnens steht für den Strukturwandel in der Alterspflege. Einerseits wollen ältere Menschen heute möglichst autonom leben. Andererseits fördert der Staat den Ausbau ambulanter Angebote: aus Kostengründen und wegen der Überalterung der Gesellschaft. Deshalb wird die Nachfrage nach Angeboten für betreutes Wohnen künftig wohl steigen. Genaue Prognosen sind jedoch schwierig. «Über den ganzen Kanton gesehen müsste das heute bestehende Angebot im ambulanten Bereich bis ins Jahr 2035 um 50 Prozent erhöht werden, wenn keine Verlagerung in den ambulanten Bereich erfolgen soll», schätzt Barbara Widmer vom St.Galler Amt für Soziales.

Serie: Wie wir alt werden

In fünf Jahren wird jede fünfte Person in der Schweiz über 65 Jahre alt sein. In 15 Jahren gar jede vierte. Wie gehen wir mit dem Älterwerden um? Als Menschen? Als Familien? Als Gesellschaft?
In einer Serie widmet sich unsere Zeitung dem Thema «Alt werden in der Ostschweiz». Wir treffen Menschen, besuchen Institutionen, sprechen mit Experten – und stellen Fragen: Was kostet das Alter? Wie werden ältere Menschen in Zukunft wohnen? Was hat Demenz mit Kunst zu tun? Werden ältere Menschen in unserer Gesellschaft diskriminiert?