«Es ist eine Hexenjagd, hinter der ein Plan steckt»: Neue Vorwürfe im Streit um St.Galler Sozialfirma Business House

Die St.Galler Sozialfirma Business House verdächtigt ihren ehemaligen Geschäftsleiter, Hunderttausende Franken veruntreut zu haben. Die Stiftungsgründerin und der entlassene Geschäftsleiter weisen den Vorwurf scharf zurück. Vielmehr habe der Stiftungsrat ein «künstliches Chaos» geschaffen, um mit einer anderen Sozialfirma zu fusionieren.

Marcel Elsener
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Business House Uzwil: Die Sozialfirma bietet an sieben Standorten Arbeitsplätze für Arbeitslose und Ausgesteuerte an. (Bild: Michel Canonica)

Business House Uzwil: Die Sozialfirma bietet an sieben Standorten Arbeitsplätze für Arbeitslose und Ausgesteuerte an. (Bild: Michel Canonica)

Die St. Galler Sozialfirma Business House kämpft aufgrund fehlender Finanzmittel um ihre Existenz; der hauptsächliche Grund sollen laut Stiftungsrat Veruntreuungen des ehemaligen Geschäftsleiters sein. Stimmt nicht – respektive ist vieles anders als dargestellt: Dies sagen die Firmengründerin und langjährige Geschäftsleiterin Hedi Margelisch und der entlassene Geschäftsleiter, der aus naheliegenden Gründen anonym bleiben will. Der Stiftungsrat hat gegen ihn Strafanzeige erhoben, seit Anfang Jahr ermittelt die St. Galler Staatsanwaltschaft wegen der «unerklärlichen Geldabflüsse auf mehreren Konten», die nach seiner Freistellung im Oktober 2017 festgestellt worden waren.

«Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen», sagt Hedi Margelisch, die sich für den entlassenen Geschäftsleiter einsetzt. «Wenn jemand so ungerecht behandelt wird, braucht er Unterstützung.» Die Erwachsenenbildnerin und frühere LDU-Stadt- und Kantonsparlamentarierin, die das Arbeitslosenprojekt 1994 gegründet hat und bis 2016 in der Geschäftsleitung tätig war, spricht von einer «Phantomsuche». Der angebliche Betrüger sei ein «Bauernopfer» in einer laufenden Umstrukturierung mit dem Ziel, Business House mit einer anderen Sozialfirma wie der Dock-Gruppe oder Caritas zu fusionieren, wie sie vermutet:

«Es ist eine Hexenjagd, hinter der ein Plan steckt.»

Bis zum Abgang «fehlte kein Franken»

«Das Naheliegendste wäre, miteinander zu reden und Missverständnisse bei der komplexen Buchhaltung zu klären», sagt Margelisch. «Doch die Stiftungsräte wollten dies nicht, sie haben einen anderen Plan. Sie begünstigten ein künstliches Chaos, um Kündigungen zu provozieren und hernach eine saubere Lösung zu präsentieren. Und sie wollen sich profilieren, nicht zuletzt auch für eine politische Karriere.»

Der entlassene Geschäftsleiter sei vorverurteilt und unverhältnismässig behandelt worden, so hätten ihn «in Wildwestmanier vier Polizisten mit gezogener Pistole morgens um sechs Uhr» in seiner Wohnung aufgesucht, sagt die Business-House-Gründerin. Jemanden ohne stichhaltige Beweise derart in schwere existenzielle Not zu bringen, dürfe nicht passieren. Eigentlich hätte sie keinen Grund, sich für den Mann einzusetzen, denn er habe 2016 im Auftrag des Stiftungsrates mitgeholfen, sie aus der Geschäftsleitung zu manövrieren. «Doch buchhalterisch arbeitete er immer vorbildlich und bilanzsicher.» Hedi Margelisch hat mit ihrem früheren Mitarbeiter Buchhaltungen und Aktenberge studiert und ist mittlerweile überzeugt, dass an den Vorwürfen gegen den Mann nichts dran ist. «Ich gehe davon aus, dass das Strafverfahren eingestellt und er vollständig rehabilitiert wird.»

Kein Geldabfluss, sondern verpasste Einnahmen

Der entlassene Geschäftsleiter, von den Vorwürfen sichtlich gezeichnet, beteuert, dass seine ­Geschäftsführung und die Finanzen – will heissen die sieben Buchhaltungen der Betriebe und die Stiftungsrechnung – bis zu seinem Abgang im Oktober 2017 in Ordnung gewesen seien. «Es fehlte kein Franken», sagt er und verweist auf Revisorenberichte und Referenzen etwa seitens der SVA. Noch im Juni 2017 habe die Stiftung 1,1 Millionen Franken ­liquide Mittel ausgewiesen, die Jahresrechnung durch Revision und Stiftungsrat sei ohne jede Einwände vonstatten gegangen. «Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen», sagt der Mann.

Wohin aber ist der laut Stiftungsrat «hohe sechsstellige Betrag» verschwunden? Das fehlende Geld sei nicht abgeflossen, sondern «nicht eingenommen worden, weil man das System nicht verstand und vermutlich Rechnungen an den Kanton und die Gemeinden nicht stellte», meint der frühere Buchhalter. Nach der Freistellung, die wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Stiftungsrat erfolgte, habe er angeboten, seiner Nachfolge einen Monat die komplizierte Systematik der Abrechnungen mit Backoffice, kantonalen Stellen, Gemeinden und so weiter zu zeigen. «Doch man liess mir keine Möglichkeit, meine Buchhaltung zu erklären.» Gerade weil die Spesen von Projektleitern stets bar ausbezahlt wurden, sei das Prinzip «Keine Buchung ohne Beleg» eisern eingehalten worden; abgesehen vom knapp bestückten Postscheck-Spesenkonto habe er bei keinem Konto über eine Einzelunterschrift verfügt.

Der frühere Geschäftsleiter räumt ein, dass er sich 2016 nach seiner Beförderung zum CEO im Karrierestolz «etwas aufgespielt» habe und wohl einige Leute vor den Kopf gestossen habe. Er könne den Zorn der Angestellten, die zu Lohnkürzungen gezwungen wurden, verstehen. Seiner Ansicht nach dürften die bereits budgetierten Löhne, die vom Kanton rechtskräftig zu Gunsten der Mitarbeitenden verfügt waren, jedoch gar nicht gekürzt werden: «Das ist eine unzulässige Zweckentfremdung.» Ein Teil des Zwists zwischen Stiftungsrat und früherer Geschäftsleitung gehe auf den umstrittenen Systemwechsel beim Kanton zurück: Die Stiftung zog einen Streit mit dem Volkswirtschaftsdepartement über die Vergütung von Arbeitsintegrationsplätzen bis vor Bundesverwaltungsgericht.

Der Stiftungsrat habe nicht nur diese Sache, sondern auch immer mehr Kompetenzen der Geschäftsleitung an sich gerissen und «fragwürdige Hierarchien» eingeführt, sagen der frühere Buchhalter und die Stiftungsgründerin. Zur «kopflosen» Vorgehensweise passe das Misstrauen, auch rückwirkend. Die 2017 in Gang gesetzte «Phantomjagd» gipfle in der Revision aller Rechnungen durch zwei externe Berater, dem Treuhandunternehmen PWC und zwei Anwälten – bis 2005. «Was das nur kostet», enerviert sich Hedi Margelisch. «Abgesehen davon, dass man die Geschäftsleitung und den früheren Stiftungsrat desavouiert.»

Im erzwungenen Umbau geht viel Know-how verloren

Die Stiftungsgründerin sieht ihr in den 1990ern von der Regierung begrüsstes Pilotprojekt gefährdet. Nun werde aus machtpolitischen Motiven und mit bürokratischem Eifer ein privates Angebot in Frage gestellt, das den arbeitslosen und ausgesteuerten Menschen möglichst viel Würde und einen gewissen freiheitlichen Spielraum gelassen habe. «Die forcierte Konkurrenzsituation unter den Sozialfirmen ist nicht das Problem», sagt Margelisch. «Aber unsere Idee, letztlich unser Erfolg, jeden Gewinn in das Projekt zu reinvestieren und echte Arbeitsplätze zu schaffen, wird angekratzt.» Der befürchtete Umbau oder gar die Auflösung des Projekts Business House ist auch ein Grund, warum sich der entlassene Geschäftsleiter nicht an die Schweigepflicht hält. Er habe den Aufhebungsvertrag nicht unterschrieben, weil er «mit den Vorgängen nicht einverstanden» sei. Und er verweist auf den Wortlaut der Trennung im angeblich «gegenseitigen» Einvernehmen: «Die Stiftung befindet sich in einem Prozess der Reorganisation und Neuausrichtung auf zukünftige Anforderungen in den von ihr betreuten Aufgabengebieten. Die Neuausrichtung soll auch durch neue Personen gestaltet und repräsentiert werden.» Eine vielsagende Passage, meint Hedi Margelisch und kritisiert, dass durch «erzwungene Entlassungen viel Know-how verloren» gegangen sei. Ihre «Gralsfrage» lautet: «Wem dient dieses Vorgehen?»

Ob die Vorwürfe berechtigt sind, wird sich Ende September zeigen, wenn Stiftungsratspräsident Felix Bischofberger über die neue Struktur informieren will.

Grundbuchsperre nach Beschwerde aufgehoben

Derweil kann sich der frühere Buchhalter über einen Teilerfolg zu seinen Gunsten freuen. Die sogenannte Grundbuchsperre wurde aufgehoben, weil die Anklagekammer des Kantons seiner Beschwerde gegen diese Verfügung stattgegeben hat. Die Staatsanwaltschaft hatte den angestrebten Verkauf des Stockwerkeigentums gestoppt, um allfällige Vermögenswerte beschlagnahmen zu können. Ist die Aufhebung ein Hinweis darauf, dass keine Anklage erhoben wird? Die Untersuchung gegen den Beschuldigten wegen des Verdachts der Veruntreuung laufe nach wie vor, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Der unter Verdacht entlassene Geschäftsleiter hofft unterdessen auf vollständige Rehabilitierung. Er wird seinerseits gegen den Stiftungsrat wegen Ehrverletzung Anzeige erstatten.

Sozialfirma in Not: Business House stopft Loch in der Kasse

Die St. Galler Stiftung Business House ist wegen einer Veruntreuung in Geldnot geraten. Dank Massnahmen wie einer umstrittenen Lohnreduktion kann sie ihre Betriebe wohl retten. Die Staatsanwaltschaft rechnet mit einem langen Verfahren.
Marcel Elsener