Ein Appenzeller...

Freispiel

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Ein Appenzeller namens Rohr

sah Schäfler, Kasten und Kamor,

wenn er im Chalet Luegisland

am Fenster seines Wohnraums stand.

Jedoch die ländliche Idylle,

die nur des Bauern Schweinegülle

gelegentlich empfindsam störte,

fand Rohr gefährdet, als er hörte,

dass man beim Chalet Land einzone,

worauf demnächst ein Nachbar wohne.

Rohr sprach, das gilt es zu verhindern,

vielleicht kommt gar ein Paar mit Kindern

und einem Köter, welcher bellt.

Ein Anwalt wurde einbestellt,

verbissen ging man vor Gericht,

gerade billig war das nicht,

bis Rohr am Ende unterlag.

Dann ward an einem schönen Tag

dem Rohr korrekt mit einem Plan

ein Bauvorhaben kundgetan;

der Bauherr heisse Winterstein.

Das könnte gar ein Deutscher sein,

sprach Rohr und lief zum Advokat,

mit diesem zum Gemeinderat

und dann erneut zu den Gerichten,

auch diesmal billig zwar mitnichten,

und dennoch war es schliesslich Rohr,

der diesen Bauprozess verlor.

Am Ende zog dann Winterstein

als Nachbar in den Neubau ein,

kam bald mit einem Strauss zu Rohr

und läutete am Gartentor,

doch Rohr, frustriert vom Prozessieren,

beschloss, den Nachbarn zu negieren.

Im nächsten Winter war es kalt,

Rohr hackte Eis, verlor den Halt,

fiel in den Schnee und brach das Bein.

Durchfroren rief er: «Winterstein!»,

und dieser kam auf das Geschrei

mit Decken und mit Tee herbei.

Er liess den Krankenwagen kommen,

da reichte Rohr ihm mitgenommen

die Hand und sprach mit letzter Kraft:

«Gute Nachbarschaft.»

Eugen Auer

Eine Auswahl der Glossen von Eugen Auer ist in Buchform erschienen. «Ein Appenzeller namens ...», Bände 2 bis 4 sowie eine CD, ist im Buchhandel oder unter www.appenzellerverlag.ch erhältlich.