Eigenverantwortung und Contact Tracing: Mit dieser Strategie rüstet sich der Kanton St.Gallen für den Corona-Sommer

Während mehrere Kantone die Schutzkonzepte gegen Corona wieder verschärfen, appelliert man in St. Gallen an die Eigenverantwortung der Bevölkerung. Für den Fall, dass die Fallzahlen weiter stark zunehmen, hat die St.Galler Regierung drei Szenarien skizziert.

Janina Gehrig
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In der vergangenen Woche zählte man im Kanton St.Gallen 39 Neuansteckungen, was eine starke Zunahme der Fallzahlen bedeutet.

In der vergangenen Woche zählte man im Kanton St.Gallen 39 Neuansteckungen, was eine starke Zunahme der Fallzahlen bedeutet.

Michel Canonica

Die Meinungen waren gemacht. Im Nachgang zur Medienkonferenz der St.Galler Regierung äusserten sich auf Facebook viele enttäuscht darüber, dass eine zweite Corona-Welle anstehe. Kritisiert wurde auch die Regierung. «Mit anderen Worten wird wiedermal nichts gemacht und abgewartet», schreibt eine Frau. Das Appellieren an die Eigenverantwortung bringe nichts. Oder: «So ist es halt, wenn man zu früh alles lockert.»

Zwar ist die Regierung alarmiert, weshalb sie am Samstag zu einer Medienorientierung in den Pfalzkeller lud. Die Corona-Fallzahlen hätten in den letzten Woche derart stark zugenommen, dass noch vor den Ferien Massnahmen ergriffen werden müssten, um eine zweite Welle zu verhindern, sagte Regierungspräsident und Gesundheitsdirektor Bruno Damann. In der vergangenen Woche zählte der Kanton 39 Neuansteckungen. Diese seien nicht einem Hotspot zuzuschreiben, sondern stark über den ganzen Kanton verteilt.

Drei Szenarien skizziert, falls die Fallzahlen weiter stark zunehmen

Doch so weit wie der Kanton Jura oder das Tessin möchte man hier nicht gehen. Die Jurassier und die Waadtländer müssen ab kommender Woche beim Einkaufen nämlich Schutzmasken tragen und die Tessiner Ausgehlokale dürfen pro Abend nicht mehr als 100 Personen bewirten. Auch wurden Ansammlungen von über 30 Personen wieder verboten. Der St.Galler Regierungspräsident und Gesundheitsdirektor Bruno Damann appellierte in erster Linie an die Eigenverantwortung der Bevölkerung:

«Halten Sie Abstand und die Hygienemassnahmen ein.»

Auch riet er zum Herunterladen der Swiss Covid App, da das Contact Tracing, das Auffinden von Kontaktpersonen infizierter Personen, immer schwieriger werde. Während sich in der ersten Welle vor allem Ältere mit dem Coronavirus infizierten, treffe es jetzt tendenziell jüngere Leute mit einem grösseren Umfeld. Damann erinnerte zudem an die zehntägige Quarantänepflicht für Rückreisende aus Risikoländern. Die Arbeitgeber sollten darauf zu achten, woher ihre Mitarbeiter aus den Ferien zurückkehrten. Am Donnerstag hatte der Bund eine Liste mit 29 Ländern publiziert, in denen das Ansteckungsrisiko als besonders erhöht gilt.

Auf einer zweiten Eskalationsstufe könne das Gesundheitsdepartement lokale Massnahmen ergreifen, etwa einzelne Restaurants, Fabriken oder Schulen schliessen, sagte Damann weiter. Dies sei der Fall, wenn sich Ansteckungen an gewissen Orten häuften. Aber auch, wenn über mehrere Tage 30 bis 40 Neuansteckungen hinzukommen, bis zu 50 Covid-19-Patienten hospitalisiert oder bis zu 12 Personen auf der Intensivstation behandelt werden müssten. Erst, wenn diese Fallzahlen überschritten würden, würde die Regierung in einem dritten Schritt Massnahmen für den ganzen Kanton beschliessen, etwa das Tragen von Masken beim Einkaufen verordnen oder die Clubs wieder schliessen.

Corona-Infoline wird wieder in Betrieb genommen

Weiter informierte Sicherheitsdirektor Fredy Fässler darüber, dass die Regierung einen Corona-Ausschuss gebildet habe. Er, Bruno Damann und Finanzdirektor Marc Mächler würden als Bindeglied zwischen der Regierung und dem kantonalen Führungsstab fungieren. Zudem beschloss man, die Corona-Infoline wieder in Betrieb zu nehmen, ein Zivilschutzaufgebot zu erlassen dem Führungsstab weitere zwei Millionen Franken für die Beschaffung von Schutzmaterial oder weitere personelle Aufwände zu bewilligen. Mehrausgaben von drei Millionen Franken wurden bereits bewilligt.

Mit dieser Strategie sei man für eine sich anbahnende zweite Welle gerüstet. Denn schliesslich, sagte Damann:

«Wir wollen, dass die Regierungsräte auch in die Ferien gehen können. Wir brauchen erholte Regierungsräte für die Herausforderungen der kommenden Wochen.»

Die Personen des Corona-Ausschusses seien die kommenden fünf Wochen auf Pikett.

Drei Personen im Spital und 59 in Quarantäne

Von den 39 infizierten Personen im Kanton St. Gallen befinden sich drei in Spitalpflege, davon zwei auf der Intensivstation. Zudem sind derzeit 59 positiv getestete Personen in Quarantäne. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der ersten Welle sind an einem Tag 44 Neuansteckungen gezählt worden.

Die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz blieb auch am Samstag hoch. Das Bundesamt für Gesundheit meldete 97 Fälle. Dies bedeutet einen leichten Rückgang gegenüber Freitag (134 neue Fälle), Donnerstag (116) und Mittwoch (137).

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