Egger und die Bruchpiloten

Lange behielt der Widnauer Dani Egger sein Hobby lieber für sich, jetzt schreibt er Bücher darüber: Der Marketingfachmann beschäftigt sich mit Flugzeugabstürzen im Zweiten Weltkrieg. Dabei lassen ihn Maschinen eigentlich kalt.

Adrian Vögele
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Buchautor Dani Egger mit Originaluniformen eines US-Bomberpiloten, der in der Schweiz gelandet war. (Bild: Thomas Hary)

Buchautor Dani Egger mit Originaluniformen eines US-Bomberpiloten, der in der Schweiz gelandet war. (Bild: Thomas Hary)

Er sieht ein bisschen aus wie Hollywoodschauspieler Tom Hanks. Dazu passt seine offene, lockere Art. Wenn Dani Egger zwischen historischen Pilotenuniformen posiert, wähnt man sich eher auf einem Filmset als an einem Ort der Geschichte. Die Schicksale, von denen er unverblümt erzählt, gäben ohnehin ganze Drehbücher her. Flugzeugabstürze und Notlandungen in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs – mit diesem exotischen Thema befasst sich der Widnauer in seiner Freizeit.

Dabei ist der 56-Jährige alles andere als ein klassischer Historiker. Er ist selbstständiger Unternehmer für Marketing und Events, kommt also aus einer Branche, die sich eher um den Glanz der Gegenwart kümmert als um düstere Kapitel der Vergangenheit. Im Gespräch – es findet nicht etwa im Studierzimmer statt, sondern in einer belebten Bar – setzt Egger noch einen drauf: «Ich interessiere mich nicht besonders für Technisches, und für Waffen schon gar nicht.» Auch die politischen Dimensionen des Zweiten Weltkriegs, die oft diskutierte Frage der schweizerischen Neutralität, lässt er beiseite. «Dafür gibt es kompetentere Leute als mich.»

Krieg, Crash, Langeweile und unverhofftes Glück

Aber was fasziniert Dani Egger dann an all diesen amerikanischen und britischen und deutschen Maschinen (englisch: Warbirds), die damals in der Schweiz niedergingen, oft schwer mitgenommen vom Luftkrieg über dem Dritten Reich? «Mich interessieren die Menschen hinter diesen Vorfällen – und die Geschichten nach der Landung oder dem Crash.» Die Tatsache, dass ein erst 19-Jähriger als Kommandant am Steuer eines viermotorigen US-Bombers sass. Das Glück, das manche Besatzungen hatten, wenn sie etwa im Rheintal haarscharf an der Grenze notlandeten und dem Naziregime knapp entgingen. Ihr Kampf gegen die Langeweile als Internierte in Davos, Wengen und Adelboden. Die teils intensiven Kontakte mit der hiesigen Bevölkerung: Eine Schweizerin folgte nach dem Krieg einem Piloten in die USA – gegen den Willen ihrer Familie – und heiratete ihn. Später besuchte er mit ihr die Ostschweiz und delektierte sich an St. Galler Bratwurst und Crèmeschnitten. «Das sind herrliche Anekdoten», sagt Egger. «Mir ist wichtig, dass man nicht nur das Tragische dieser Abstürze und Landungen sieht.»

Notgelandeter US-Bomber vom Typ Boeing B-17 Flying Fortress am 16. März 1944 in Diepoldsau. (Bild: pd)

Notgelandeter US-Bomber vom Typ Boeing B-17 Flying Fortress am 16. März 1944 in Diepoldsau. (Bild: pd)

Die abgestürzten und gelandeten Maschinen zogen viele Schaulustige an, wie diese Boeing B-17 in Diepoldsau. (Bild: pd)

Die abgestürzten und gelandeten Maschinen zogen viele Schaulustige an, wie diese Boeing B-17 in Diepoldsau. (Bild: pd)

Schon als Kind kam Egger, der in Uzwil aufgewachsen ist, mit seinem ersten Warbird in Berührung: In St.Gallen-Winkeln stand während längerer Zeit ein US-Bomber, der aus dem Zugersee geborgen worden war. «Den sah ich jeweils auf der Zugfahrt nach St. Gallen.» Ende der 90er-Jahre stiess er in den USA auf eine erste Publikation über die internierten Flieger. In der Schweiz fand Egger Gleichgesinnte, die bereits grosse Mengen an Informationen zu den Abstürzen zusammengetragen hatten, und kniete sich ins Thema hinein. «Ich behielt das Hobby lange Zeit eher für mich – es geht nun mal um den Krieg, und das weckt bei vielen Leuten negative Assoziationen», sagt Egger. Doch schliesslich packte ihn der Ehrgeiz, all dieses Material, das abseits der gängigen Geschichtsbücher verstreut lag, zu sammeln, zu ordnen und zugänglich zu machen. Mit Hilfe der Fachexperten Werner Schmitter, Rolf Zaugg und Theo Wilhelm publizierte er zunächst eine Broschüre über die Abstürze und Notlandungen im Rheintal. Im Jahr 2013 dann folgten eine umfangreiche Webseite und das erste Buch, in dem Egger alle Warbird-Ereginisse in der Ostschweiz zusammentrug, samt Zitaten von Zeitzeugen aus der Region. Bei diesem Buch ging es für den Marketingfachmann Egger ebenso um den Prozess wie um den Inhalt: «Ich wollte ein solches Projekt einmal von A bis Z selber durchziehen – bis hin zum Verkauf.»

Ein zweites Buch – und Besuch aus den USA

1500 Exemplare liess Egger von seinem ersten Buch drucken, nahm die Bestellungen persönlich entgegen, verpackte die Bücher eigenhändig und brachte sie zur Post. «Eine Riesen-Knochenarbeit! Ich hatte die grosse Nachfrage völlig unterschätzt», gibt er freimütig zu. Irgendwann waren alle Exemplare weg, das Buch ist nun vergriffen.

Inzwischen ist Dani Egger eine Art wandelndes Kompetenzzentrum für Warbird-Ereignisse in der Schweiz – und legt jetzt sein zweites Buch vor. Das reich bebilderte Werk behandelt die 241 Notlandungen und Abstürze fremder Flugzeuge in der ganzen Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Auch der Alltag der internierten Besatzungen wird thematisiert. Apropos: Diesen Frühling erhielt Egger Besuch von einer Texanerin. Ihr Vater gehörte zur Besatzung genau jenes Bombers, der in den Zugersee stürzte und später in St. Gallen-Winkeln ausgestellt war. «Ihr Vater hat nie darüber gesprochen. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie seine Geschichte erfuhr», sagt Egger. «Die Erinnerung wachhalten: Darum geht es mir.»

www.warbird.ch/buch