Skandal um illegale Adoptionen aus Sri Lanka: Welche Rolle spielte der St.Galler CVP-Politiker Edgar Oehler?

Seit 1981 waren die Bundesbehörden über Kinderhandel in Sri Lanka im Bild – und machten dennoch verschärfte Einreisebestimmungen für adoptierte Kinder rückgängig. Auch auf Einwirken des bekannten CVP-Nationalrats.

Adrian Lemmenmeier
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Nationalrat, Unternehmer, Jurist: Edgar Oehler 1990.

Nationalrat, Unternehmer, Jurist: Edgar Oehler 1990.

Bild: Keystone

Sie wussten Bescheid. Was Medienberichte bereits gezeigt haben, ist seit Donnerstag amtlich: Die Schweizer Behörden wussten seit Ende 1981, dass es in Sri Lanka Fälle von Kinderhandel gab. Dennoch wurden die Adoptionen sri-lankischer Babys in der Schweiz nicht gestoppt. Zu diesem Schluss kommt der am Donnerstag publizierte Bericht der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) über die Adoption sri-lankischer Kinder, den das Parlament in Auftrag gegeben hatte. Im Bericht ist von einem «regelrechten Markt» für Adoptionen die Rede. In diesem Markt habe die Nachfrage das Angebot bestimmt: Vermittler suchten Kinder für Eltern – und nicht Eltern für Kinder. Viele Säuglinge wurden mit gefälschten Identitäten zur Adoption freigegeben. Manche wurden in «Babyfarmen» extra für die Adoption gezeugt. Schweizer Paare zahlten bis zu 15000 Franken für die Adoptionsvermittlung. Die leiblichen Mütter erhielten für ihre Kinder nur wenige Dollars.

Alice Honegger arbeitete in Sri Lanka mit dubiosen Kindervermittlern zusammen.

Alice Honegger arbeitete in Sri Lanka mit dubiosen Kindervermittlern zusammen.

Screenshot Rundschau / SON

Der Bericht zeigt allerdings auch, dass der Bund 1983 schärfere Einreiseregeln erliess, um dem Kinderhandel bei Adoptionen zu begegnen. Die umstrittene St.Galler Adoptionsvermittlerin Alice Honegger (siehe Kasten) erreichte aber, dass diese Regeln wieder fallengelassen wurden. Auch dank der Hilfe des einflussreichen CVP-Nationalrats Edgar Oehler.

Alice Honegger braucht prominente Unterstützung

Ab 1983 erhielten Adoptiveltern nur eine Einreisebewilligung für ein Kind aus Sri Lanka, wenn dieses bereits geboren und seine Identität bekannt war. Zuvor war es möglich, eine Blanko-Bewilligung für ein beliebiges Kind zu erhalten. Neu mussten die Paare die Bewilligung vor der Reise beantragen. Damit wollte das Bundesamt für Ausländerfragen Kinderhandel verhindern:

«Wenn sich die zukünftigen Pflegeeltern nach Sri Lanka begeben, ohne zu wissen, ob ihr Kind geboren ist, besteht die grosse Gefahr, dass unter Zeitmangel mit illegalen Geldbeträgen versucht wird, irgendwoher ein Kind zu bekommen»

Das schrieb der stellvertretende Direktor des Amts für Ausländerfragen an den Kanton St.Gallen.

Alice Honegger: Die Vermittlerin

Hunderte Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka hat Alice Honegger begleitet. Allein zwischen 1979 und 1982 vermittelte sie 270 Kinder in die Schweiz. In Colombo arbeitete Honegger mit der Anwältin Rukmani Thavanesan-Fernando zusammen, die einem Netz von Kinderhändlern angehörte. Die Anwältin beglaubigte im sri-lankischen Adoptionsverfahren Dokumente und betrieb selber mehrere Heime, in denen Säuglinge vor der Adoption untergebracht wurden. Gemäss der Einschätzung der Schweizer Botschaft platzierte Thavanesan-Fernando jährlich 250 bis 300 Kinder bei ausländischen Paaren. Das Vermittlungshonorar, das sie pro Kind kassierte, entsprach dabei etwa einem Viertel des Jahresgehalts eines sri-lankischen Ministers, wie ein Schweizer Diplomat vorrechnete.

Adoptiveltern zum Schweigen verpflichtet

Ob und in welchem Umfang sri-lankische Adoptivkinder, die von Alice Honegger vermittelt wurden, Opfer von Kinderhandel oder gar Kindesentführung waren, ist nicht geklärt. Gemäss ZHAW-Bericht gibt es aber Hinweise darauf. So wurden etwa Adoptiveltern von Honegger zur Geheimhaltung verpflichtet. Auch gelangten durch ihre Vermittlung Kinder ohne die Zustimmung ihrer leiblichen Eltern in die Schweiz. Der Bericht kommt zum Schluss, dass der Kanton in seiner Aufsichtsfunktion über Honeggers Adoptionsvermittlung versagt hat.

Bewilligung trotz Bedenken erhalten

Als Alice Honegger 1979 begann, Kinder aus Sri Lanka an Schweizer Paare zu vermitteln, war sie den Behörden bereits bekannt. Sie arbeitete schon 30 Jahre als Adoptionsvermittlerin. Diese Zeit war «geprägt von Auseinandersetzungen mit Behörden auf allen politischen Ebenen», heisst es im Bericht der ZHAW. Trotzdem erhielt sie 1974 vom Kanton St. Gallen die Bewilligung zur Adoptionsvermittlung in der Schweiz und eine Sonderbewilligung für die zwischenstaatliche Vermittlung von ausländischen Kindern. Ab 1973 standen Adoptionsvermittlungsstellen unter staatlicher Aufsicht. Honegger erhielt diese Bewilligung trotz weiteren Beanstandungen bis zu ihrem Tod 1997 immer wieder. (al)

Alice Honegger versuchte, diese Regel rückgängig zu machen. Pflegeeltern müssten vor Ort ein anderes Kind erhalten können, wenn das vorgesehene nicht auf sie anspreche, argumentierte sie gegenüber dem Bund. Als Beschwerden nichts halfen, sprach Honegger beim Direktor des Bundesamtes für Ausländerfragen vor. An diesem Gespräch, das im August 1984 stattfand, nahm auch Edgar Oehler teil. Oehler hat zwischen 1980 und 1984 vier Mädchen aus Sri Lanka über die Vermittlungsagentur von Alice Honegger adoptiert.

Das Treffen war gemäss ZHAW-Bericht folgenreich. Denn das Amt führte danach just jene Praxis wieder ein, die es ein halbes Jahr zuvor verboten hatte, weil es die Gefahr des Kinderhandels als zu gross einschätzte. Adoptiveltern durften wieder über die Botschaft in Colombo eine Einreisebewilligung für ein Kind beantragen, das sie nach sri-lankischem Recht bereits adoptiert hatten. Im Bericht heisst es:

«Die Bundesbehörde beugte sich dem Druck und den Interessen einer Vermittlerin und eines prominenten Politikers, während das Kindswohl bei diesem Entscheid kein Thema mehr war.»

«Das ist offenbar an mir vorbeigegangen»

Als sich Edgar Oehler und Alice Honegger 1984 beim Bund für eine Erleichterung der Einreiseprozedur starkmachten, hatten bereits mehrere Schweizer Medien über Kinderhandel in Sri Lanka berichtet. «Baby-Schmuggel auch nach der Schweiz» titelte etwa der «Tagesanzeiger» im Mai 1982. Weshalb also hat sich Oehler für die vereinfachte Einreise eingesetzt? Handelte er aus persönlichem Interesse? Wie hatten er und Alice Honegger es geschafft, dass das Bundesamt seine Praxis änderte? Bereut er seinen Einsatz vor dem Hintergrund heutiger Erkenntnisse? Edgar Oehler lässt diese und weitere Fragen unbeantwortet. Zu einem Gespräch mit dieser Zeitung ist er nicht bereit. Per E-Mail lässt er ausrichten, er äussere sich nicht mehr zu dieser Sache, er habe gegenüber SRF alles zu diesem Thema gesagt.

Im September hat das Schweizer Fernsehen eine Dokumentation zu Adoptionen sri-lankischer Kinder ausgestrahlt. Edgar Oehler wurde auch dort auf das Gespräch beim Bundesamt für Ausländerfragen angesprochen. Allerdings war damals nur bekannt, dass dieses Treffen stattgefunden hatte. Nicht klar war, worum es genau ging. Der SRF-Journalist fragte Oehler, ob er an diesem Gespräch den Adoptionsprozess habe beschleunigen wollen. Oehler antwortete, er könne sich nicht an Details erinnern. Ebenfalls könne er sich nicht daran erinnern, dass Medien damals schon über Kinderhandel in Sri Lanka berichtet hätten.

«Ich habe nie etwas gehört oder gelesen. Das ist offenbar alles an mir vorbeigegangen.»

Hätte er etwas gemerkt, hätte er reagiert, so Oehler. Im ZHAW-Bericht heisst es zur medialen Berichterstattung über Kinderhandel in Sri Lanka:

«Wer hierzulande eine Tageszeitung oder Wochenzeitschrift las, war im Frühjahr 1982 im Bild.»

Edgar Oehler arbeitete für eine Tageszeitung. Bis 1985 war er Chefredaktor der «Ostschweiz». Ausserdem sass er seit 1971 im Nationalrat.

Adoptivväter stützten Honegger im Kanton

Trotz wiederholter Beanstandungen von verschiedener Seite hatte der Kanton St.Gallen Alice Honegger die Bewilligung zur Adoptionsvermittlung immer wieder erneuert. Für eine kurze Zeit aber schränkte der Regierungsrat ihre Tätigkeit ein. Im «Tagesanzeiger»-Artikel von 1982 über «Baby-Schmuggel» beschrieben sri-lankische Untersuchungsorgane eine Schweizer Vermittlerin, die in ihrer Heimat in der Kinderbetreuung gearbeitet haben soll. Den Behörden war klar, dass es sich dabei um die in Bollingen tätige Alice Honegger handeln musste. Der zuständige Regierungsrat Florian Schlegel (SP) sistierte daraufhin Honeggers Bewilligung für die Vermittlung von Kindern aus Sri Lanka.

Alice Honegger kümmerte sich allerdings nicht um dieses Verbot. Davon profitierte ausgerechnet ein Vormundschaftssekretär, der sich 1982 von Alice Honegger ein Baby aus Sri Lanka vermitteln liess. Als Dank machte sich der Adoptivvater drei Jahre später beim St.Galler Justiz- und Polizeidepartement für Honegger stark. Nicht nur er revanchierte sich für die widerrechtliche Vermittlung eines Kindes. Auch einem Berufsoffizier ermöglichte Honegger die Adoption eines Babys zu einem Zeitpunkt, als sie eigentlich gar nicht vermitteln durfte. Er übernahm im später von Honegger gegründeten Verein Kinder-Fürsorge Haus Seewarte das Präsidentenamt. «Die Beispiele zeigen, dass es Alice Honegger verstand, den beruflichen Leistungsausweis von Adoptivvätern für ihr Vermittlungssystem nutzbringend einzusetzen», heisst es im Bericht.

Und Edgar Oehler? Liess der Kanton Alice Honegger gewähren, weil sie unter dem Schutz des CVP-Politikers stand? «Rien du tout», sagte der Unternehmer im September gegenüber SRF. Er sei schliesslich ein Politiker gewesen, der auch immer wieder angeschossen wurde. Alice Honegger habe er nur dreimal oder viermal getroffen.

Alice Honegger: Die umstrittene Vermittlerin

Beliebt bei den einen, kritisiert von den anderen: Alice Honegger gilt als Schlüsselfigur der Sri-Lanka Adoptionen in der Schweiz. Sie selbst beteuerte stets ihre Unschuld.
Annika Bangerter