E-TICKET: Zugfahren ohne Billett

Seit einer Woche testen 30 Personen das kontaktlose Ticket der Südostbahn. Bis Mitte 2017 soll die ganze Fahrzeugflotte damit ausgerüstet sein. Damit überflügelt die SOB die SBB.

Christoph Zweili
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Ab Mitte 2017 soll die neue «Be in, be out»-Technologie in allen SOB-Zügen installiert sein. (Bild: Urs Bucher)

Ab Mitte 2017 soll die neue «Be in, be out»-Technologie in allen SOB-Zügen installiert sein. (Bild: Urs Bucher)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Mit 13 Millionen Passagieren ist die Südostbahn 34-mal kleiner als die SBB, mit 550 Angestellten gar 60-mal kleiner als der Branchenprimus SBB. Dennoch tritt ihm die Ostschweizer Privatbahn offen auf dem eigenen Terrain entgegen: Am Gotthard buhlt das Unternehmen schon zum zweiten Mal um die alte Bergstrecke. Auch mit der Ansage, den Rheintal-Express (REX) fahren zu wollen, will die SOB das zwölf Jahre alte SBB-Monopol im Fernverkehr aufbrechen. Und jetzt der dritte Angriff: Nur einen Tag nach der offiziellen Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels zum Fahrplanwechsel 2017/18 ging sie live mit der Testversion ihrer App, die intern «SOB 4.0» genannt wird. Die Absicht ist klar: Das Enfant terrible will der «grossen Schwester» aufzeigen, wie einst die Ticket-Revolution aussehen könnte.

Noch bis Ende Januar 2017 testen 30 ausgewählte Testkunden die Pilotversion der App in den SOB-Zügen, dem Flaggschiff Voralpen-Express zwischen St.Gallen und Luzern, den S-Bahnen S4, S13, S27, S31, S32 und S40 sowie in den Zügen der Appenzeller Bahnen. Sie läuft auf dem Betriebssystem Android, eine Version für iOS soll später dazukommen.

Das System registriert Reisende beim Ein- und Aussteigen automatisch via App-Lösung mit Bluetooth. Sie müssen also weder vor noch nach der Fahrt ein Billett lösen, ihnen wird im Nachgang der günstigste Tarif für die gefahrene Strecke verrechnet. Tarif- und Verkehrsverbünde oder Zonen brauchen sie nicht mehr zu interessieren, die App nimmt ihnen diese Arbeit ab. Auch die Qual der Wahl am Billettautomaten entfällt. Am Monatsende lässt sich die Rechnung für die gefahrenen Kilometer elektronisch begleichen.

Tests machen die App kundenfreundlicher

Zwei Jahre lang hat die drittgrösste Bahngesellschaft des Landes, die seit sechs Jahren vom Innerschweizer CEO Thomas Küchler geführt wird, an diesem «Be in, be out»-System getüftelt. Im Moment noch müssen die Testkunden den Start- und Zielort eingeben, um das Ticket, basierend auf dem eigenen Profil (etwa 1. Klasse oder Halbtax-Abonnement), angeboten zu bekommen. Daneben seien auch Fahrplanabfragen und das bargeldlose Entrichten von Park & Rail-Gebühren für SOB-Parkplätze möglich, heisst es bei der Südostbahn. Ab etwa Februar 2017 wird man mit der App Tickets für die ganze Schweiz lösen können.

Dafür fehle einzig noch die saubere technische Verknüpfung mit der ÖV-Plattform, damit das Zugpersonal die gekauften E-Tickets mit seinen Geräten auch kontrollieren könne. Bis Ende Februar sollen alle SOB-Fahrzeuge mit der neuen Technologie ausgerüstet sein. Ende April wird ein Pilotbetrieb mit der «Be in, be out»-Technik gestartet. Ab Mitte Jahr wird die neue Technologie dann allen Kunden zur Verfügung stehen.

Mit den Erfahrungen der Testpersonen werde die App bis dahin noch einmal stark überarbeitet und kundengerechter ­gestaltet. Ab Sommer 2017 soll dann der Testbetrieb um mehrere hundert Personen erweitert werden – ab diesem Zeitpunkt ist der Download über die normalen App Stores möglich. Bis Ende 2017 sollen weitere Mobilitätsdienstleistungen, zum Beispiel Taxi, Car-Sharing, Bike-Sharing oder Parkingmöglichkeiten auf der Plattform integriert werden.

App in nur elf Monaten entwickelt

Wie teuer die Entwicklung der in nur elf Monaten entwickelten App war, will das Ostschweizer Unternehmen nicht sagen. Die SOB arbeitete aber mit dem Münchner Industrieunternehmen Siemens zusammen, das ­einen Teil der Vorinvestitionen übernahm und in der Aufbauphase den noch nicht kostendeckenden Betrieb bezahlt. Das Projekt sei in hohem Masse abhängig von anderen Vorhaben wie der Einführung der für 2017 geplanten ÖV-Plattform Schweiz mit Tarifinformationen, heisst es bei den SOB: «Verzögerungen in branchenweiten Projekten haben direkte Auswirkungen auf unser Vorhaben.»

Einfach losfahren, ohne zuerst ein Billett kaufen zu müssen. Und das in einem einheitlichen Tarifnetz für das ganze Land, frei von Zonen und für alle Transportmittel. Das gibt es schon – in den Niederlanden. Basierend auf einem Billettsystem, bei dem nur die gefahrenen Kilometer bezahlt werden – entweder vorab wie bei einer Prepaid-Karte oder Ende Monat per Rechnung. Auch in Hongkong oder London sind moderne Chipkarten im Einsatz, wie kürzlich die SRF-Sendung «Eco» berichtete.

In der Schweiz dagegen sind die aktuellen IT-Systeme veraltet – im öffentlichen Verkehr herrscht ein Tarifwirrwarr. Im Dschungel der Zonen und Via-Verbindungen verstehen die Kunden beim Lösen der Zugbillette oft nur Bahnhof.

Kein Wunder, dass die Branche unter starkem Wettbewerbsdruck nach Alternativen sucht: Die SOB ist mit ihrer Idee des «Be in, be out» also nicht allein. Postauto hat ein ­Pilotprojekt in der Nordwestschweiz gestartet. Und in den Regionen Freiburg, Luzern, Zug, Bern-Biel-Solothurn, Thun und Oberengadin macht die App Fairtiq das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereits leichter. Und auch bei der BLS, der nach eigenen Angaben stärksten eigenständigen Privatbahn der Schweiz, macht die App Lezzgo das Ticketlösen über­flüssig.

Verschiedene Transportdienstleister hatten auch schon unter der Führung von SBB-Chef Andreas Meyer über einem alternativen Ticketsystem gebrütet. Am Ende aber gaben vor allem die hohen Kosten, fehleranfälligen Systeme und die Abhängigkeit von den Smartphone-Herstellern den Ausschlag: Die SBB entschieden sich daher vorerst für die Einführung des Swisspass. Jetzt werden sie links überholt.