Dusche, Bier und Liebesdienst: Bezirksgericht Frauenfeld verurteilt
79-Jährigen wegen sexueller Handlung mit einem Kind

Der Beschuldigte sass wegen sexueller Handlungen mit Kindern lange Jahre im Gefängnis. Seit seiner Freilassung engagiert er sich für die Rechte von Gefangenen. Jetzt steht er selber wieder vor Gericht. 

Ida Sandl
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Das Bezirksgericht Frauenfeld verurteilte einen 79-Jährigen wegen sexueller Handlung mit einem Kind. (Bild: Reto Martin).

Das Bezirksgericht Frauenfeld verurteilte einen 79-Jährigen wegen sexueller Handlung mit einem Kind. (Bild: Reto Martin).

Er ist kein gewöhnlicher Beschuldigter: Der 79-Jährige engagiert sich seit Jahren für die Rechte von Gefangenen. Am Montag stand er selber vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Angeklagt der sexuellen Handlung mit einem Kind, Ausnützung der Notlage und der Verabreichung gesundheitsgefährdender Stoffe. Alles soll er mehrfach begangen haben.

Passiert sind die Vorfälle im März und April 2016: Das Opfer war damals 15 Jahre alt und gerade aus dem Heim getürmt. Der Jugendliche war verdreckt, hatte Hunger und keine Idee, wo er hin sollte. Am Bahnhof Frauenfeld traf er auf den Beschuldigten, seinen ehemaligen Nachbarn. Zu ihm war er schon als Kind gerannt, wenn er Streit mit seinen Eltern hatte, was oft der Fall war. Der Beschuldigte nahm den Jugendlichen mit in seine Wohnung, wusch seine Kleider und liess ihn duschen. Sie hätten viel Bier getrunken. Jeder etwa neun Halbliter-Dosen innerhalb von drei bis vier Stunden.

Angewidert eine Flasche Kirsch geleert

Dabei sei er vorher schon betrunken gewesen, sagt der mittlerweile 18-Jährige vor Gericht. Ein schmaler junger Mann mit Dächli-Kappe. Während er befragt wird, muss der Beschuldigte den Gerichtssaal verlassen. Er berichtet, wie es angefangen habe. Erst eine Massage, dann die Küsse. Später habe er den Beschuldigten mit den Händen und oral befriedigt. Gewalt sei nicht im Spiel gewesen, er habe sich aber gedrängt gefühlt. Danach sei er so angewidert gewesen, dass er eine Flasche Kirsch geleert habe.

Etwa einen Monat später wiederholt sich das Ganze. Der Jugendliche ist erneut auf Kurve, hat ein paar Nächte auf der Strasse verbracht, ist betrunken und weiss nicht wohin. Warum er wieder zum Beschuldigten gegangen sei, fragt der vorsitzende Richter Christian Koch. Antwort: «Aus Verzweiflung.» Ein zweites Mal kommt es zu sexuellen Handlungen. Details will der Jugendliche vor Gericht nicht ausbreiten: «Das ist mir sehr unangenehm.» Danach sei er abgestürzt, habe noch mehr Alkohol und Drogen konsumiert. Er habe angefangen, sich exzessiv zu schneiden.

Es steht Aussage gegen Aussage

Erst zweieinhalb Jahre später gesteht der Jugendliche einem Psychologen die Missbräuche; der rät ihm zur Anzeige. Inzwischen ist es viel zu spät, um Beweise zu sichern. Jetzt steht Aussage gegen Aussage. Der Beschuldigte bestreitet sämtliche Vorwürfe. «Das sind Märli.» Er betritt mit einer Krücke den Gerichtssaal, wirkt gesundheitlich angeschlagen. Er habe zwei künstliche Kniegelenke, Arthrose und Herzprobleme. Im Kopf sei er aber wach. Der Junge sei bei ihm gewesen, habe sich gewaschen und etwas gegessen, dann sei er gegangen. Das zweite Mal habe er ihn gar nicht mehr in die Wohnung lassen wollen. Doch er sei nicht gegangen, sondern im Liegestuhl auf dem Sitzplatz eingeschlafen. Auf keinen Fall habe er ihn angerührt oder Alkohol zum Trinken gegeben.

Die Staatsanwältin glaubt dem Mann nicht. Seine Aussagen seien widersprüchlich, die des Jugendlichen dagegen spontan und glaubhaft. Er erinnere sich an Details, die sie überzeugen. Zum Beispiel, dass er sich im Schlafzimmer am offenen Fenster gestossen habe. Staatsanwältin:

«Er schildert die Vorfälle, ohne zu übertreiben und ohne den Beschuldigten übermässig zu belasten.»

Der Beschuldigte sass wegen sexueller Handlungen mit Kindern bereits lange Jahre im Gefängnis und war deswegen auch schon verwahrt. «Er ist schon früher nach diesem Muster vorgegangen.» Die Staatsanwältin beantragt eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, dazu eine ambulante Therapie. Zehn Jahre lang soll der Beschuldigte keine Tätigkeit ausüben, die einen regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen beinhaltet.

Sein Mandant sei unschuldig und sofort aus der Haft zu entlassen, hält der Verteidiger dagegen. Für die 247 Tage, die er ungerechtfertigt gesessen sei, stehe ihm eine Genugtuung von 61 600 Franken zu. Es sei unglaubwürdig, dass der Jugendliche ein zweites Mal Hilfe bei einem Mann suche, der ihn kurz zuvor sexuell missbraucht habe. Für die Unschuld seinen Mandanten spreche auch, dass auf seinem PC kein pornografisches Material gefunden worden sei.

8000 Franken Genutuung für das Opfer

Das Gericht folgt vollumfänglich den Anträgen der Staatsanwältin und spricht den Angeklagten in allen Punkten schuldig. Es hat keinen Zweifel, dass sich die Übergriffe so zugetragen haben, wie das Opfer sie erzählt. Der Beschuldigte muss dem Jugendlichen eine Genugtuung von 8000 Franken bezahlen, dazu die Gerichts- und Verfahrenskosten.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.