Durchzug, Wassereinbrüche, enge Zellen: Am St.Galler Karlstor sind die Verhältnisse sowohl für Polizisten als auch für Häftlinge eine Zumutung

Die Kantonspolizei St.Gallen gewährte auf Einladung der SP einen seltenen Einblick in ihren Alltag in der Notrufzentrale und im Untersuchungsgefängnis. Beide Institutionen brauchen dringend Verbesserungen, die allerdings erst ab 2024 zu erwarten sind.

Marcel Elsener
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So sieht eine pinke Zelle im St.Galler Untersuchungsgefängnis aus – sie soll beruhigend wirken.

So sieht eine pinke Zelle im St.Galler Untersuchungsgefängnis aus – sie soll beruhigend wirken.

Bild: Ralph Ribi

Schreie aus den vergitterten Fenstern hört man an diesem Donnerstagabend auf der Moosbruggstrasse nicht. Passantinnen und Passanten am mittelalterlichen St.Galler Stadttor kennen sie allerdings zur Genüge. Tatsächlich sind die Verhältnisse im Untersuchungsgefängnis am Karlstor zum Schreien, wie Kantonsrätin Monika Simmler zu verstehen gibt. Die Leiterin der Fachkommission Sicherheit & Justiz der SP Kanton St.Gallen hat zur Führung in das Gefängnis und die Notrufzentrale eingeladen. 45 Personen nehmen die seltene Gelegenheit eines Einblicks in die kantonspolizeilichen Einrichtungen wahr. Das Interesse ist gross, weitere Interessierte müssen aus Platzgründen abgewiesen werden.

Im Rundgangspublikum ein Anwohner in Sichtweite des Gefängnisses, der jüngst öfters einen Insassen rufen hörte, dass er eine Dusche brauche. Ein verständlicher Wunsch, wie die Führung zeigt: Zweimal in der Woche nur können die Untersuchungsgefangenen duschen, unter strenger Bewachung in einer Gemeinschaftsdusche. Selbstverständlich sei dies das «äusserste Minimum» und werde regelmässig beanstandet, sagt Harald Düring, Leiter Sicherheitspolizei.

Eine Stunde Luft schnappen und Rauchen im kargen Spazierhof

Die wenigen Duschtermine gehören zu den kleinsten Sorgen der Insassen am Karlstor. Bedrückender sind die fehlenden Möglichkeiten für Arbeit, Kontakte und Bewegung. Letzteres immerhin ist einmal täglich für eine Stunde im kleinen Spazierhof möglich - wobei die meisten Häftlinge das Luft schnappen mit Rauchen verbinden. Im strikten Nichtrauchergefängnis können sie für diese Stunde im Aussenraum je nach Nikotinbedarf fünf oder zehn Zigaretten fassen:

Bild: Ralph Ribi

Die Filter oder die nicht gerauchten Kippen müssen hernach abgegeben werden.

Dass es im kahlen Hof keine Pflanzen gibt (weil diese als Verstecke oder Waffen missbraucht werden könnten), mag eine Besucherin noch verstehen. «Aber wenigstens farbige Wände wären wünschbar.»

Bild: Ralph Ribi

Den Verantwortlichen der Kantonspolizei sind die prekären Haftbedingungen bewusst, doch zumindest bis zur Eröffnung des Neubaus in Altstätten sind kaum Verbesserungen möglich. «Hier 23 Stunden eingesperrt zu sein ist nicht schön», sagt Düring und führt in eine Abstandszelle, Polizeijargon für einen vorübergehenden Warteraum. Der Hafttrakt, wo 17 der 18 Zellen belegt sind, ist aus Gründen der Abendruhe und des Persönlichkeitsschutzes nicht zugänglich. Doch die Abstandszelle entspricht, bis aufs fehlende TV-Gerät und ein Gestell, den festen Zellen. Ihr Farbanstrich Rosa - sogenanntes «cool down pink» - soll Aggression dämmen. Vergangene Woche passierte das Gegenteil: Ein wütender Insasse zertrümmerte, was immer er mit der Faust schaffte.

Harald Düring, Leiter Sicherheitspolizei.

Harald Düring, Leiter Sicherheitspolizei.

Bild: Ralph Ribi

Von Namen und Nationalitäten ist freilich nicht die Rede. Dass die Untersuchungshäftlinge mit ihrer Zellennummer bezeichnet werden - zum Beispiel «Der 21er hat einen Termin beim Doktor» - liegt am ständigen Wechsel und dient dem Personenschutz. In den Zellen sitzen dem Verdacht nach drogenkranke Diebe neben Mördern, Vergewaltigern oder Pädophilen. «Was jemand getan hat, interessiert uns nicht», sagt Düring. «Wir behandeln alle als Menschen, zumal die Unschuldsvermutung gilt.» Eine Ausnahme sind besonders gefährliche Häftlinge.

Bankräuber Rudolf Szabo war auch einmal hier, Ausbrecherkönig Walter Stürm wahrscheinlich nie

Zwar ist einmal einer durch das enge Gitterdach des Spazierhofs entflohen, unglaublich. Es komme aber praktisch nie zu Fluchtversuchen, erklärt Düring, das Karlstor sei «fast ein Hochsicherheitsgefängnis». Ob der Ostschweizer Ausbrecherkönig Walter Stürm einmal im Karlstor in U-Haft sass, weiss der Sicherheitspolizeichef nicht. Vermutlich nicht, und sicher nie ist Stürm in St.Gallen entflohen, das tat er aus Strafanstalten in Arlesheim, Basel, Zürich, Lenzburg, Orbe und mehrmals Regensdorf.

Offen bleibt eine andere Frage: Wo ist die Besenkammer, die Rudolf Szabo in einer Artikelserie über seine Gefängnisjahre beschrieb? Der verurteilte Bankräuber war in den 1990er-Jahren im Karlstor inhaftiert. In Erinnerung blieb ihm ein Untersuchungsrichter, der an der Schreibmaschine nur das «Adler-Zweifinger-System» beherrschte. «Mit Unterbrechungen dauerte es mehr als fünf Wochen, bis er ob der Fülle meiner Delikte seine Protokolle zusammen hatte», schrieb Szabo.

«Was echt nervte, waren seine Kaffeepausen. Während diesen wurde ich in eine umgebaute Besenkammer in der Grösse von knapp eineinhalb Quadratmetern eingesperrt. Dort lernte ich dann den Fliegendreck an den Wänden von Nasenpopel meiner Zellenvorgänger zu unterscheiden.»

Die ominöse Kammer befinde sich nicht am Karlstor, sondern im Untersuchungsamt an der Schützengasse 1, wie Sicherheitsdirektor Fredy Fässler aus seiner Zeit als Anwalt weiss.

Blick in eine Zelle des Untersuchungsgefängnisses.
9 Bilder
Pro Häftling gibt es nur eine bestimmte Anzahl Zigaretten.
Der Spazierhof für die Häftlinge.
Einsatzbereit: Dienstjacken.
Ein Mitarbeiter öffnet eine Zelle.
Blick von aussen in die Zelle.
Die Farbe Pink soll beruhigend wirken.
Das Untersuchungsgefängnis befindet sich beim Karlstor.
Die Notrufzentrale der St.Galler Kantonspolizei.

Blick in eine Zelle des Untersuchungsgefängnisses.

Bild: Ralph Ribi

In Calatravas «Auge» sind bis heute ständig Nachbesserungen nötig

Nach einer knappen halben Stunde ist die Besuchergruppe erleichtert, die engen U-Haft-Räume zu verlassen. Nur um sich, ein paar Gänge und Schleusen um die Ecke, über die anderweitig bedrückende Atmosphäre der Notrufzentrale zu wundern. 24 Grad warm ist es hier, die Luft stickig. «Wir sind froh, wenn wir hier raus können», erklärt Martin Gächter, Leiter Technik & Logistik der Kantonspolizei, unumwunden.

Die Notrufzentrale der St.Galler Kantonspolizei.

Die Notrufzentrale der St.Galler Kantonspolizei.

Ralph Ribi

Die augenförmige Architektur Santiago Calatravas sei wohl «schön und gut fürs Marketing», aber für die Notrufzentrale mit 7x24-Stunden-Betrieb, 33 Mitarbeitenden in vier Gruppen und 125000 Notrufen für Polizei, Feuerwehr und Sanität «ungeeignet», sagt Gächter. 1999 in Betrieb genommen, musste der 16-Millionen-Bau seither ständig nachgebessert werden, etwa mittels Vorhängen und Teppich- statt Parkettböden. Nebst dem Schall bereiteten Temperaturschwankungen (zu warm bei Sonne und im Sommer, zu kalt in der Nacht), Zugluft oder unangenehme Gerüche den Diensthabenden Probleme. Ungünstig auch der Standort am tiefsten Punkt der Moosbruggstrasse über dem Flusslauf der Steinach: Erst kürzlich habe man im Rechnerraum wieder einen Wassereinbruch verzeichnet.

Bibliothek, Führungsräume, Vortragssaal - oder doch ein Hallenbad oder eine Disco?

Im Januar hatte die Regierung beschlossen, eine vorübergehende Ersatzlösung für die Notruf- und Einsatzleitzentrale mit hoher Dringlichkeit voranzutreiben. Spätestens 2024 muss die Kantonspolizei (zusammen mit der Stadtpolizei) das Informationssystem für Notrufe ersetzen, was aus technischen und räumlichen Gründen im bestehenden Bau im Klosterhof nicht möglich ist. Der Kanton prüft derzeit drei Varianten für die Übergangslösung, zwei auf Stadtgebiet, eine in einer Nachbargemeinde. Dort soll die Notruftzentrale bis zur Integration in das neue Sicherheits- und Verwaltungszentrum des Kantons auf dem Armstrong-Areal in Winkeln funktionieren. Das dauert allerdings noch 13 Jahre – bestenfalls. Denn das mehrere Hundert Millionen Franken teure Grossvorhaben benötigt eine aufwändige Planung und demokratische Prozesse inklusive Volksabstimmung.

Am Rundgang der SP interessiert freilich auch die Zukunft des Calatrava-Muschelgerippes, die in den Händen einer Arbeitsgruppe der Regierung liegt. Bibliothek, Führungsräume, Fraktionszimmer für die Politik - denkbar sei vieles, heisst es. Die Vorschläge für eine Disco oder besser noch für ein Hallenbad, wofür Form und Temperatur sprächen, sorgen zumindest für Schmunzeln.

«Die Polizei braucht neue Räume, bessere Infrastruktur und mehr Personal»

Bruno Zanga, Polizeikommandant.

Bruno Zanga, Polizeikommandant.

Bild: Ralph Ribi

Dereinst dürften auch die unwürdigen Untersuchungsgefängnisse an Karlstor und Neugasse ausgedient haben. Die «nicht optimale Infrastruktur» wird von der nationalen Kommission zur Verhütung von Folter stets gerügt. Umso mehr freut sich Polizeikommandant Bruno Zanga über das Lob der Kommission für die Kapo-Mitarbeitenden, die trotz widriger Umstände einen «hervorragenden Job machten».

Die von der Regierung geplanten Verbesserungen betreffen auch die Haftbedingungen, erklärt Sicherheitsdirektor Fredy Fässler. Im Gefängnisneubau in Altstätten, der mit halbjährigem Verzug wegen Altlasten demnächst begonnen wird, sind Kontakt- und Arbeitsmöglichkeiten sowie Gruppenunterkünfte vorgesehen.

Am Ende der SP-Veranstaltung noch ein Hauch von Wahlkampfdampf: Soviele Leute habe sie auf ihrer laufenden Tournee noch nie gezählt, sagt Laura Bucher, Anwältin, Kantonsrätin und Regierungskandidatin. Ihr Fazit nach der Besichtigung und aufgrund der Interpellationen ihrer Ratskollegin Bettina Surber:

«Die Polizei braucht neue Räume, bessere Infrastruktur und mehr Personal.»

Und spätestens am Apéro, wenn etwa über den Frauenanteil bei der Polizei diskutiert wird, zeigt sich, dass die Linken die Polizei merklich anders wahrnehmen als früher. Wie hat Fredy Fässler gesagt: «Vor 20, 30 Jahren schimpfte die SP noch über ein <bürgerliches Machtinstrument>.»