DURCHSCHLAG: Ein Ruck geht durch die Halde

Nach einem Jahr Bauzeit sind die beiden Hälften des Ruckhaldetunnels in St. Gallen verbunden: Gestern wurde der Durchstich gefeiert, 16 Meter unter der Erdoberfläche. Damit naht für die Mineure der Abschied.

Adrian Vögele
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Willkommen auf der anderen Seite: Bauarbeiter und weitere Beteiligte feiern den Durchstich im Ruckhaldetunnel. (Bilder: Michel Canonica)

Willkommen auf der anderen Seite: Bauarbeiter und weitere Beteiligte feiern den Durchstich im Ruckhaldetunnel. (Bilder: Michel Canonica)

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Als neuer Tunnel hat man es in der Schweiz nicht leicht. Sofort wird man mit dem Gotthard verglichen. Erst recht, wenn es um den Durchstich geht. Unvergessen die Fernsehbilder von 2010 aus dem Basistunnel: der gigantische, runde Bohrkopf, der sich durch die letzten Zentimeter Berg frisst, die Ogi-Leuenberger-Umarmung, die orange Masse feiernder Arbeiter aus halb Europa. Eine 57-Kilometer-Röhre unter den Alpen! Die ganze Welt staunte.

Gestern zeigte sich: Auch in kleinerem Massstab lässt sich unter dem Boden Spannung erzeugen. Der Durchschlag im 700 Meter langen Ruckhaldetunnel in St. Gallen wird es zwar nicht auf die Titelseite der «New York Times» schaffen, ist aber dennoch ein magischer Moment. Um 10.30 Uhr steht das Festpublikum, ausgerüstet mit Bauhelmen und Warnwesten, in 16 Metern Tiefe vor der Tunnelbrust. Das farbige Licht und die Musik aus den Lautsprechern mögen theatralisch wirken, doch man ahnt: Hier geht es um mehr als eine medienwirksame Inszenierung. Das hier ist ein uraltes Ritual. Ein Durchatmen für den Menschen. Er hat den Gefahren unter Tage getrotzt, um dem Fels einen Weg abzuringen – mit dem Durchstich wird erst sicht- und greifbar, dass die Mühe nicht vergebens war, dass das Unternehmen gelingt. Daran hat sich seit der Ära der wagemutigen Tunnelpioniere nichts geändert, trotz modernster Bau- und Vermessungsmethoden. Ohnehin ist die Arbeit nach wie vor nicht ungefährlich. Im Gotthard-Basistunnel kamen mehrere Arbeiter ums Leben. In der Ruckhalde gab es bisher keine Unfälle – dafür zu danken, gehört zum Durchstich. Die erste Adresse ist die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Mineure. Doch wo bleibt sie?

Urtier mit Metallarm öffnet die Wand

Von drüben, von der Südseite, ist ein dumpfes Hämmern zu hören. Als begehre jemand mit aller Kraft Einlass. Dann fallen die Scheinwerferkegel auf die Tunnelbrust. Motorengeräusche ertönen. Plötzlich bröckelt die Wand, ein Spalt tut sich auf. Hier malmt sich keine kreisende Scheibe voran, wie damals im Gotthard. Eher kommt es einem vor, als suche sich ein Urtier seinen Ausgang, stochernd, tastend. Ein Metallarm mit Hammer ist am Werk, immer grössere Stücke fallen aus der Wand, bis das Loch mannshoch ist. Drüben im Dunkeln leuchtet ein Scheinwerfer, wie ein Auge.

Der Bann ist gebrochen. Ein Mitarbeiter in Orange nähert sich der Öffnung und gebietet mit einer Handbewegung das Ende des Durchschlags. Der Bagger steht still. Mit grossen Schritten geht der Mann durch das Loch. Kurze Pause, dann kehrt er mit zwei Kameraden zurück, einer trägt die Statue der heiligen Barbara. Sie wird in die Höhe gestemmt wie ein Pokal – und erst jetzt bricht im Tunnel der Jubel aus, das Publikum hinter der Abschrankung applaudiert, immer mehr Arbeiter eilen nach vorn.

Bierdosen werden geöffnet, Gratulationen gerufen, Schultern geklopft. Mitten in der Gruppe steht Anja Preisig, Lokführerin und Mechanikerin bei den Appenzeller Bahnen. Sie ist Tunnelpatin und nimmt – quasi als irdische Vertretung der Schutzpatronin – die Barbara-Statue in Empfang. Die Stimmung unter den Mineuren, Maschinisten und weiteren Arbeitern ist nicht unbedingt ausgelassen, eher feierlich. Gelacht wird trotzdem, Stolz und Erleichterung sind spürbar. Manche stehen lieber etwas abseits und schweigen erst mal, mit glänzenden Augen.

Tunnelbauer Europas sind «eine grosse Familie»

Ein «Meilenstein» sei der Durchstich für die Appenzeller Bahnen, hat Verwaltungsratspräsident Fredy Fässler zuvor in seiner Ansprache gesagt. Und eine Zäsur auch auf persönlicher Ebene. Denn auch wenn der Tunnel noch ausgebaut werden muss und erst im Herbst 2018 fertig sein wird: Für die Tunnelspezialisten naht der Abschied. Viele kommen aus dem italienischsprachigen Raum und aus Österreich. Zu Letzteren gehört Heinz Rautenberg, einer der Poliere auf der Südseite der Ruckhalde. Er arbeitet seit 35 Jahren in der Branche. Wie viele Tunnel er gebaut hat, weiss er nicht mehr genau. «Zwanzig bis fünfundzwanzig.» St. Gallen werde ihm in guter Erinnerung bleiben: «Wir wurden hier sehr freundlich aufgenommen. Das ist nicht überall so.» Auch hätten die Anwohner viel Verständnis gezeigt, gerade auf der Südseite. Technisch sei die Ruckhalde etwa deshalb anspruchsvoll, weil die Gesteinsschicht zwischen Tunneldecke und Erdoberfläche teilweise dünn sei.

An das Reisen von Baustelle zu Baustelle hat sich Rautenberg gewöhnt. «Jeder, der in dieses Metier einsteigt, weiss, dass das dazugehört.» Doch die Abschiede sind nicht für immer. Die Tunnelbaubranche in Europa gleiche einer grossen Familie, sagt der Polier. «Wir sind 5000 bis 6000 Leute. Man trifft auf den Baustellen oft Bekannte, mit denen man bereits früher zusammengearbeitet hat.» Wo sein nächster Auftrag ihn hinführt, weiss Rautenberg noch nicht. Aber es wird bestimmt ein Tunnel sein. Über kurz oder lang.