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«Du bist kein Mensch mehr»

Mario sitzt in der Strafanstalt Saxerriet eine dreijährige Gefängnisstrafe ab. Er hadert weniger mit seiner Verurteilung als vielmehr mit den in seinen Augen «unbarmherzigen» Abläufen in der Untersuchungshaft.
Brigitte Schmid-Gugler/Salez
Der Gefängnisinsasse Mario sagt, die Unbarmherzigkeit erfasse einen in der Untersuchungshaft in ihrer vollen, würdelosen Ausprägung. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Der Gefängnisinsasse Mario sagt, die Unbarmherzigkeit erfasse einen in der Untersuchungshaft in ihrer vollen, würdelosen Ausprägung. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Auf Anhieb würde man die grosszügige Anlage nicht als Strafanstalt erkennen. Die weitläufigen Wiesen und Äcker liegen in einem frösteligen Februarnebel gegen die umliegenden Dörfer hin, hinter denen sich süd- und westseitig Berge auftürmen. Gegen Osten käme der Rhein, nach Süden vielleicht die Freiheit. Doch dorthin wie in alle anderen Himmelsrichtungen sind bloss Kameras gerichtet.

Der Mann wirkt angespannt, sein Blick ist eher skeptisch, doch auch Neugierde ist dabei. «Wenn die Medien ins Spiel kommen, wird die Sache heikel», beginnt Mario, «denn die haben in der Regel kein Interesse an der Wahrheit und sind nur auf das Negative fokussiert». Als wir am Ende unseres Gesprächs den Raum verlassen, der uns von der Gefängnisleitung zugeteilt worden war, erkundigt er sich beim anwesenden Angestellten, was mit der Wasserflasche und den zwei Gläsern, die für unser Gespräch bereitgestellt wurden, zu tun sei. Danke und nochmals vielen Dank für die Antwort. Respekt und Hochachtung vor den Leuten hier, die diesen oft aufreibenden Job professionell erledigen, «das ist eine der wenigen Möglichkeiten, an diesem Ort Barmherzigkeit zu leben», sagt der Gefangene. Umgekehrt lasse die Art, wie die Insassen behandelt würden, nichts zu wünschen übrig. Dass er seine Strafe hier im offenen Vollzug absitzen könne, sei ein «Lichtblick», denn diese Anstalt biete eine Vielzahl von interessanten Arbeitsplätzen. Jeder Gefangene erhalte ausserdem die Chance des Wiedergutmachungsprozesses, «das heisst, ein Teil des Arbeitsentgelts, das wir erhalten, geht an eine wohltätige Einrichtung.»

Die Gefangenschaft ist das Drama

Dennoch sei der Alltag alles andere als einfach. «Ich erlebe ihn als eine Art Konzentrat dessen, was draussen passiert, mit dem einzigen Unterschied, dass man hier schlecht ausweichen kann. Es gibt Männer, die nichts begreifen, chronische Abweichler, die ewig am Nörgeln sind und ständig auf etwas oder jemandem herumtrampeln. Und es gibt andere, die zuverlässig sind, sich Mühe geben, kooperieren und auch in diesem Niemandsland eine Art würdevolles Leben führen wollen.» Zu letzteren zähle er auch sich. Er sei ein Mensch, der «lösungsorientiert» lebe. Die Institution Gefängnis sei das eigentliche Drama: «Die Menschen, die hier zusammenleben müssen, würden es im Leben draussen nicht unbedingt tun.» Doch es herrschten klare und knallharte Spielregeln, an die man sich zu halten habe. Das Wort «Kuscheljustiz» ärgere ihn. «Wer nicht spurt, riskiert Einschluss in den Bunker.»

Er sei in einer Familie aufgewachsen, die schon die nichtigste Fehlleistung als Vergehen betrachtet habe: «Ein Polizist wohnte im gleichen Haus, und wenn der sah, dass an meinem Töffli eine Lampe kaputt war, wies er mich darauf hin. Für meine Eltern, die solche Szenen hinter dem Vorhang hervor beobachteten, bedeutete es nichts Gutes, dass ich, wie sie es formulierten, schon als Jugendlicher mit dem Gesetz in Konflikt geriet.» Aber das solle keine Erklärung und keine Entschuldigung sein. «Ich habe delinquiert. Hab's selber verbockt und weiss, dass ich das, was ich hier ertragen muss, verdient habe. Einen Menschen in seiner Integrität zu verletzen, dafür muss man bestraft werden. Das sehe ich ein.» Sechs Monate in Untersuchungshaft, seit neun Monaten im Vollzug für sein Vergehen, das er in der Zeitung nicht abgedruckt sehen möchte.

Die bitterste Strafe sei, dass sich ein Grossteil seines früheren Umfelds – Freunde und Familie – bereits zu Beginn der Untersuchungshaft von ihm abgewendet habe. «Doch das Schmerzhafteste überhaupt ist, nicht dort sein zu können, wo ich als Mensch gebraucht werde», sagt Mario. «Dort», das wäre bei der Lebenspartnerin, der Tochter und bei einem «winzigen Umfeld, das mir geblieben ist und bis heute zu mir steht. Indem man sie anfeindet, werden sie am schlimmsten bestraft. Während ich mich in einem geschützten Raum befinde, kümmert sich niemand um sie. Ich begreife nicht, weshalb während der ganzen Untersuchungen bis zum Schuldspruch niemand auf die Angehörigen zuging, ihnen klaren Wein einschenkte und sich deren Fragen stellte.» In seinen Augen sei das «ein krasser Fehler des Rechtsstaates». Die Unbarmherzigkeit erfasse einen wie ein Tsunami, sobald man einmal in die Mühlen der Justiz geraten sei. «Hinauskatapultiert aus einem blühenden Geschäftsleben, hinein in die Untersuchungshaft. Man ist eigentlich kein Mensch mehr. Hat kaum noch die Möglichkeit, sich zu äussern oder Fragen zu stellen. Kein Kontakt mit der Aussenwelt. Niemand schaut dir in die Augen. Eine Stunde frische Luft im Hof. Barmherzigkeit oder Empathie sind inexistent.»

Es sei in seinem Fall zu «Unregelmässigkeiten» gekommen, schildert Mario. In einem frühen Stadium der Untersuchung seien Auszüge aus vertraulichen Akten in «falsche Hände» geraten und über allerlei Kanäle seinen Arbeitskollegen, Verwandten und Bekannten zugespielt worden. Ausserdem habe jemand der Polizei grobe Unwahrheiten über ihn erzählt, habe ihn «denunziert und extrem verleumdet». Dass besagte Person sich später von ihren Aussagen distanziert habe und «Schritt um Schritt zurückgekrebst» sei, habe den angerichteten Schaden für ihn auch nicht mehr beheben können. Zeugen würden bei Einvernahmen viel zu lasch darauf hingewiesen, dass sie sich an die Wahrheit zu halten haben, obwohl ihnen ein Protokoll vorgelegt werde mit den angedrohten Konsequenzen für aufgetischte Lügen.

Er selber habe in der Hoffnung auf eine Entlastung aufgrund der «enormen Vorwürfe» die Einvernahme von vier Zeugen beantragt, was vom Staatsanwalt ohne Begründung ultimativ und kommentarlos abgelehnt worden sei. «Staatsanwälte haben enorm viel Macht, und sie können diese Macht auch missbrauchen.» Sein Pflichtanwalt sei zum ersten Termin gar nicht erschienen und beim zweiten, zeitlich auf eine Stunde beschränkten Treffen, fünf Minuten vor Ablauf herbeigeeilt. Unter Tränen habe er ihm gestanden, momentan so schwierige private Probleme zu haben, dass er sich nicht sofort um den Fall kümmern könne.

Eine Art Befreiung

«Barmherzigkeit, ja, das ist ein dehnbarer Begriff», sagt Mario. Übte er Barmherzigkeit? Hatte er Erbarmen mit dem Opfer? «Nein, im Augenblick des Vergehens gab es das Wort nicht. Doch es gibt eine Wahrheit, und es gibt die Reue; es gibt die Busse und die Hoffnung, dass die Straftat irgendwann gesühnt sein wird.»

Auf die Frage, was dieser Zwangsaufenthalt mit ihm mache, schweigt Mario lange. Dann sagt er, er spüre trotz all der negativen Aspekte seiner Gefangenschaft eine Art Befreiung, dass er angezeigt worden und so alles ans Tageslicht gekommen sei. «Doch um meinen Fehler einzusehen, brauchte es nicht das Gefängnis.»

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