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DROGEN: Kokainkonsum in St.Gallen: Den Stoff gibt's nicht nur beim "Chügeli-Dealer"

In St.Gallen wird offenbar viel Kokain konsumiert, wie eine Untersuchung des Abwassers zeigt. Konkrete Gründe kennt die Polizei nicht - ein grosser Teil des Handels spielt sich auch für sie im Verborgenen ab.
Johannes Wey
4,7 Kilogramm Kokain, die über der Hinterachse eines Autos "verbaut" waren. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

4,7 Kilogramm Kokain, die über der Hinterachse eines Autos "verbaut" waren. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Kokainmetropole St.Gallen – das klingt unwirklich. Doch gemessen an den Spuren im Abwasser hat sich St.Gallen (zusammen mit Wittenbach und Teilen von Speicher, die ebenfalls an die ARA Hofen angeschlossen sind) zu einer Kokainhochburg entwickelt – zumindest in der Woche vom 22. bis 28. März 2017, während der die Daten erhoben worden sind. An Werktagen lag die ARA Hofen dabei auf dem vierten Rang nach namhafter Konkurrenz aus Barcelona, Antwerpen und Zürich.

Am Wochenende lag Zürich an der Spitze, nach Barcelona folgte St.Gallen bereits auf Rang 3. Sowohl bei der St.Galler Kantonspolizei als auch bei der Stiftung Suchthilfe kann man sich diesen Anstieg nicht anhand eigener Erfahrungen erklären.

Beim Stichwort Kokain denkt der Zeitungsleser wohl an «Aktion Ameise», «Chügeli-Dealer» und Nigeria. Der Schweizer Handel war lange in der Hand von Gruppen aus Westafrika. Bei der «Aktion Ameise» gehen der Polizei bei Scheinkäufen regelmässig Dealer aus Nigeria ins Netz, welche die Ware abgepackt in «Chügeli» aus Zellophan auf sich tragen, um sie bei Gefahr schnell hinunterschlucken zu können. Seit Anfang Jahr hat die St.Galler Kantonspolizei fünf Festnahmen im Rahmen der Aktion Ameise vermeldet – bei vier davon stammte der Beschuldigte aus Nigeria.

Kokain zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten

Der Eindruck, dass sich der Kokainhandel in St.Gallen aber vor allem auf der Gasse abspielt und nur Angehörige aus der Drogenszene zur Kundschaft zählen, trifft laut Polizeisprecher Gian Andrea-Rezzoli nicht zu. «Bei Ermittlungen zu grösseren Drogenringen stellen wir fest, dass die Abnehmer aus allen Bevölkerungsschichten kommen – vom Jugendlichen bis zum 60-Jährigen.»

Daher gehe man davon aus, dass es bei den Konsumenten eine grosse Dunkelziffer gebe. Denn die Polizei bekomme es zumeist auf der Gasse oder aber im Rahmen von Verkehrskontrollen mit Kokain zu tun. In seinen rund 30 Jahren bei der Polizei, wovon er 10 Jahre in der Betäubungsmittelabteilung beschäftigt war, habe sich die Szene verändert, sagt Rezzoli. «Früher war die Kokain- klar von anderen Drogenszenen getrennt. Heute ist es für einen Dealer wichtig, dass er mehrere Substanzen anbieten kann.»

Die Konsumenten, die nicht auf der Gasse kaufen und so auch nicht in Polizeimeldungen zur «Aktion Ameise» auftauchen, decken sich beispielsweise im Nachtleben oder in Privatwohnungen ein. «Es ist wie beim Weinkauf: Wenn man den Händler seines Vertrauens gefunden hat, bleibt man dabei», sagt Rezzoli. Denn bei Unbekannten wisse man nie, was man bekomme. «Wenn wir bei Hausdurchsuchungen sehen, was für Streckmittel verwendet werden, stehen uns die Haare zu Berge», sagt Rezzoli: Von Mehl und Milchpulver über Trauben- und Puderzucker bis hin zu zerriebenen Tabletten aller Art.

Ein St.Galler Clubbetreiber führt den nun gemessenen hohen Konsum auf HSG-Studenten zurück. "Ich habe schon viel gehört, dass Studenten echt gut konsumieren." Er persönlich sei der Meinung, dass der Konsum in St.Galler Clubs schon grösser war. "Wir selber haben sicher auch viele Konsumenten", räumt er ein. Man versuche aber zu verhindern, dass im Club gedealt werde.

In den vergangenen Jahren hat sich mit Online-Versandhändler im Darknet, dem verborgenen Teil des Internets, ein neuer Vertriebsweg entwickelt. «In diesen Bereich müssen wir Ressourcen investieren. Das Internet organisiert alle Lebensbereiche neu, da ist es nicht verwunderlich, dass das auch den Drogenhandel betrifft», sagt Rezzoli. Ein Beispiel lieferte 2015 die Künstlergruppe Bitnik, die im Rahmen einer Ausstellung über das Darknet einen Computer selbständig online einkaufen liess – und prompt ein Päckli Extasy-Tabletten geliefert bekam. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte die Ware.

Das meiste kommt im Flugzeug

In die Schweiz kommt das aus Südamerika stammende Kokain nach wie vor überwiegend auf dem Luftweg. «Entweder schlucken die Kuriere die Päckchen oder verstecken sie im Gepäck – etwa eingebaut in funktionstüchtigen Rasierschaumdosen. Der Erfindungsreichtum ist gross», sagt Kapo-Sprecher Rezzoli. Die eidgenössische Zollverwaltung hat 2017 landesweit 118 Kilogramm Kokain sichergestellt, 2016 waren es 103. Eine Schätzung über die tatsächlich eingeführte Menge falle «nicht in die Zuständigkeit» der Zollverwaltung, zudem mache man «aus einsatztaktischen Gründen» keine Angaben über Schmuggelrouten, -gruppen und die Bedeutung des Onlinehandels.

Bei der Grenzwachtregion III, zuständig für die Kantone St.Gallen, beide Appenzell, Graubünden, Glarus und das Fürstentum Liechtenstein, spielt Kokain eine untergeordnete Rolle, erklärt Mediensprecher Martin Tschirren. 2017 fanden die Grenzwächter 3 Kilogramm der Droge, 2016 11. «Heroin, das via Balkanroute in die Schweiz kommt, ist an Ostschweizer Grenzübergängen ein grösseres Thema.» Bedeutender sei der Schmuggel an der Nordwest- oder Südgrenze, wo das Kokain vom Atlantik her ankommt, oder eben an den Flughäfen. Die grössten Mengen würden im Tessin festgestellt. Trotzdem komme es vor, dass grössere Mengen Kokain, oft aufwändig in Autos verbaut, gefunden würden.

Dieses Versteck für 4,7 Kilogramm Kokain wurde eigens über der Hinterachse eingebaut. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Dieses Versteck für 4,7 Kilogramm Kokain wurde eigens über der Hinterachse eingebaut. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Dieses Versteck für 4,7 Kilogramm Kokain wurde eigens über der Hinterachse eingebaut. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Dieses Versteck für 4,7 Kilogramm Kokain wurde eigens über der Hinterachse eingebaut. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

300 Gramm Kokain in einem Chipspack. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

300 Gramm Kokain in einem Chipspack. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

27 Kilogramm Kokain waren in der Türschwelle dieses Porsche Cayennes versteckt. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

27 Kilogramm Kokain waren in der Türschwelle dieses Porsche Cayennes versteckt. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Diese 27 Kilogramm Kokain waren in der Türschwelle eine Porsche Cayenne versteckt. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Diese 27 Kilogramm Kokain waren in der Türschwelle eine Porsche Cayenne versteckt. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Kokain spielt an den Grenzen der Grenzwachtregion III eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es zahlreiche Funde, bei denen die Droge einfallsreich versteckt war. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Kokain spielt an den Grenzen der Grenzwachtregion III eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es zahlreiche Funde, bei denen die Droge einfallsreich versteckt war. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Kokain spielt an den Grenzen der Grenzwachtregion III eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es zahlreiche Funde, bei denen die Droge einfallsreich versteckt war, hier in einem Kindersitz. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

Kokain spielt an den Grenzen der Grenzwachtregion III eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es zahlreiche Funde, bei denen die Droge einfallsreich versteckt war, hier in einem Kindersitz. (Bild: PD/Grenzwachtregion III)

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