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Drei von vier Thurgauer Kitas nutzen Praktikantinnen aus

In vielen Kinderkrippen arbeiten Praktikantinnen zu tiefen Löhnen und ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Das ruft auch die Arbeitsmarktaufsicht auf den Plan: Die Tripartite Kommission beanstandet drei von vier Krippen.
Kaspar Enz
Oft sind es in Kitas die Praktikantinnen und Praktikanten, die die Kinder betreuen, während das erfahrene Personal sich um Administratives kümmern muss. (Bild: Getty)

Oft sind es in Kitas die Praktikantinnen und Praktikanten, die die Kinder betreuen, während das erfahrene Personal sich um Administratives kümmern muss. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Ganz viele Kitas nötigen junge Frauen zu ein bis zwei Jahren Praktikum vor der Lehre», sagt Christine Flitner, Zentralsekretärin Frauen und Gleichstellung beim VPOD. Praktika zu Löhnen von oft weit unter 1000 Franken im Monat. Mancherorts hätten die Frauen nicht einmal eine realistische Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Für Flitner ist klar: «Das ist verstecktes Lohndumping.» Und dagegen will nicht nur die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes vorgehen.

So will sich dieses Jahr auch die Tripartite Kommission des Kantons St. Gallen der Thematik annehmen. Zehn Krippen sollen zufällig überprüft werden, wie die Kantonsregierung auf einen Kantonsratsvorstoss antwortete. Die Kommissionen bestehen aus Vertretern von Verwaltung, Gewerkschaften und Arbeitgebern, und sie kontrollieren die Einhaltung orts- und branchenüblicher Arbeitsbedingungen im Rahmen der flankierenden Massnahmen zu den bilateralen Verträgen mit der Europäischen Union.

Nur ein Viertel einwandfrei

St. Gallen ist nicht der erste ­Kanton, der sich der Materie ­annimmt. Auf Empfehlung des Bundes nahmen in den letzten zwei Jahren die Tripartiten Kommissionen mehrerer Kantone Kitas unter die Lupe, im letzten Jahr auch im Thurgau. Erste Ergebnisse besprach die Kommission vergangene Woche. 22 Kitas hat sie untersucht. Weitaus die meisten beschäftigen Praktikanten, sagt Daniel Wessner, Leiter des Amtes für Wirtschaft und ­Arbeit des Kantons Thurgau. Nur gerade bei fünf der untersuchten Kitas fand die Kommission nichts zu beanstanden. «Die beschäftigten Praktikanten wurden auf eine Ausbildung vorbereitet und konnten mit einem Ausbildungsplatz rechnen», sagt Wessner. Mit den anderen Kitas habe man ­Gespräche aufgenommen. «Bei neun Fällen konnten die Praktika nicht als solche anerkannt werden, weshalb wir Anpassungen der Löhne zumindest auf das Niveau für Ungelernte verlangt haben.» Die Lohnunterschiede seien hoch. «Es geht von wenigen hundert bis zu rund 2000 Franken pro Monat.» Mit weiteren acht Kitas dauerten die Gespräche noch an.

Allerdings: «Praktika ohne Ausbildungscharakter zu tiefen Löhnen sind nicht unzulässig», sagt Daniel Wessner. Und nach drei Monaten im Praktikum sollte eigentlich klar sein, ob ein Beruf zu einem passt. Aber auch das sei nur eine Richtlinie, kein Gesetz. Die Mittel der Tripartiten Kommission seien eben beschränkt.

Gewerkschaften fordern klare Regeln

Aber es gibt sie: Die Kommissionen könnten die Einführung eines Normalarbeitsvertrags beantragen, der für eine Branche Mindeststandards festlegen würde. Ein solcher NAV könnte eine Lösung sein, sagt Anke Gähme, Regio-Leiterin Ostschweiz der Gewerkschaft Unia. Denn ein GAV sei schwer zu vermitteln. Zwar melden sich auch junge Kinderbetreuerinnen bei der Unia, doch meist zu spät. «Denn wer mit Kindern arbeiten will, tut dies mit Herzblut. Man sucht nicht den Konflikt mit den Arbeitgebern.»

Aber weder Angestellte noch Kitas sind in starken Verbänden organisiert, ein Gesamtarbeitsvertrag deshalb schwer zu verhandeln. Tatsächlich fehle der Branche die Tradition der Sozialpartnerschaft, sagt Christine Flitner vom VPOD. Die Kitas seien eine junge Branche. Und oft fehle das Bewusstsein, dass die Kinderbetreuung ein anstrengender und anspruchsvoller Beruf sei.

Bewusstseinswandel gefordert

Das meint auch Nadine Hoch. Sie ist Geschäftsführerin von Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz. Dass in vielen Kitas Schulabgängerinnen und Schulabgänger ein Jahr oder mehr in Praktika arbeiten, sieht auch sie nicht gerne. «Oft sind sie es, die bei den Kindern sind, ­während die erfahrenen Erzieherinnen sich um Administratives kümmern müssen.» Auch sie plädiert deshalb für einen Bewusstseinswandel. «Kinderbetreuung ist eben nicht etwas, das man als Frau einfach kann.»

Kantone müssen zahlen

Die kantonalen Aufsichts­behörden, oft die Sozialämter, könnten zum Umdenken beitragen, sagt Hoch. «Sie müssen die Betreuungsschlüssel ändern.» Damit legen die Ämter fest, wie viel Personal wie viele Kinder betreuen dürfen. «Zählen Praktikantinnen nicht, werden sie auch nicht eingestellt.» Doch das habe finanzielle Folgen. Bis zu 80 Prozent der Kosten einer Kita seien Personalkosten. Und die würden unweigerlich steigen, wenn auf Praktika verzichtet wird. Das dürfte viele Kindertagesstätten finanziell in Schwierigkeiten bringen. Deshalb müsse die öffentliche Hand einschreiten, sagt Hoch. «Wenn es der Politik mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ernst ist.» Die Eltern würden schon genug beisteuern.

Auch die Ostschweizer Kantone müssten sich an der Subventionierung der Elterntarife beteiligen, fordert Hoch. «Am besten wäre es, wenn Kitas ins Bildungssystem integriert würden», sagt sie. «Denn Bildung beginnt nicht erst mit vier Jahren.»

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