Dorfbeiz am Leben erhalten

HEIDEN. Die «Linde» in Heiden ist eines der wenigen Schweizer Hotels, die als Genossenschaft geführt werden. Heute ist es nicht mehr aus Heiden wegzudenken – auch wegen vieler Feste und kultureller Anlässe im prächtigen Arvensaal.

Julia Nehmiz
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Der Lindensaal ist einer der schönsten Säle im Appenzellerland. Früher beherbergte er die Post Heiden, heute verschiedene Anlässe und Feste. (Bilder: Urs Jaudas)

Der Lindensaal ist einer der schönsten Säle im Appenzellerland. Früher beherbergte er die Post Heiden, heute verschiedene Anlässe und Feste. (Bilder: Urs Jaudas)

Rhythmisch klackern die Absätze auf das mit Brettern geschützte Parkett. Das Stampfen der Flamenco-Füsse dröhnt durch die Flure. Der altehrwürdige Lindensaal beherbergt zwei Wochen lang einen Flamenco-Workshop. «Das ist das Konzept unserer Genossenschaft», sagt Cornelia Frehner, eine der beiden Geschäftsführerinnen des Hotels Linde, «der Saal soll ein kultureller Ort vielfältiger Couleur sein.»

Und als solcher erhalten bleiben. Heiden erlebt ein Beizensterben, Gasthaus Krone gibt's nicht mehr, das Café ist zu, die Häädlerstube ist bis auf weiteres geschlossen. «Im Zentrum sind wir mittlerweile das einzige Restaurant und Café», sagt Frehner. Auf dem Weg vom Bahnhof zur «Linde» kommt der Besucher an etlichen geschlossenen Läden vorbei. «Wenn wir keine Genossenschaft wären, gäbe es uns nicht mehr.»

Idealisten mit wenig Geld

Damit das Hotel Linde nicht das gleiche Schicksal erfährt, tat sich im November 2003 eine Gruppe Idealisten aus dem Dorf zusammen. Sie wollte die drohende Schliessung des alten Hotels verhindern und es als Treffpunkt, als Begegnungsort erhalten und familienfreundliche Arbeitsplätze schaffen. Da von den Idealisten keiner über ein dickes Bankkonto verfügte, gründeten sie die Genossenschaft Hotel Linde Heiden und wurden die neuen Pächter.

118 Mitglieder zählt die Genossenschaft heute, 5 davon arbeiten aktiv in der Genossenschaft mit. «Jeder ist willkommen», sagt Frehner. In der Genossenschaft Hotel Linde Heiden finden sich ehemalige Heidlerinnen und Heidler, Hotelgäste oder Leute aus dem Appenzellerland. «Früher haben wir Angestellten nahegelegt, in die Genossenschaft einzutreten», sagt Frehner. Es sollten die mitmachen, die das Hotel tragen. Doch man sei davon abgekommen, da einige Angestellte mit Austritt aus dem Arbeitsverhältnis ihren Anteilschein wieder zurückgeben wollten, was laut Statuten nicht möglich sei.

Ohne Hierarchien geht es nicht

Ein Anteilschein kostet 500 Franken – aber «ohne Idealismus macht das keinen Sinn», lacht die 58-Jährige. Die Mitglieder erhalten keine Vergünstigungen oder Dividende, es gehe darum, die Idee zu unterstützen. «Die Genossenschafter werden zur jährlichen Hauptversammlung eingeladen, bei der sie bei einem Nachtessen Informationen zum vergangenen Jahr erhalten», sagt Frehner. Sie selber stiess 2005 zur Genossenschaft, als sie geholt wurde, um die Finanzen zu regeln. Zusammen mit Kasia Strassnig teilt sie sich die Geschäftsleitung. Ist Not am Mann, erledigt sie auch mal den Abwasch.

Anfangs wollten die Genossenschafter alles gemeinsam entscheiden, keiner übernahm jedoch die Verantwortung. Frehner sagt: «Wir haben gemerkt, es geht nicht ohne Hierarchien.» Diese seien flach, die Geschäftsleitung sei offen für Inputs, die letzte Generalversammlung war intensiv. Frehner erzählt: «In den Anfangsjahren wurde die Tischtuchfarbe diskutiert, jetzt prüft die Geschäftsleitung Wünsche und Machbarkeit und entscheidet.»

Das Hotel beschäftigt 15 bis 20 Mitarbeiter, welche sich die 12 Vollzeitstellen teilen. Das Restaurant bietet an sieben Tagen die Woche mediterrane und lokale Gerichte samt Mittagsmenus, Kaffee und Kuchen. Es hat durchgehend geöffnet. Diverse Stammtische und Jassrunden treffen sich regelmässig.

Wenige Jahre wirtschaftete die Genossenschaft gewinnbringend, «doch das Defizit überwiegt bei weitem», sagt Frehner. Erschwerend kam hinzu, dass sich nach dem ersten Genossenschaftsjahr der Koch mit der Kasse davonmachte, «das Geld fehlt uns bis heute». Zudem machen die Wirtschaftskrise und der schwache Euro der «Linde» zu schaffen: «Zum Jahresbeginn wussten wir nicht, wie es weitergehen soll.» Doch der Sommer sei sehr gut – und anstrengend – gewesen, man setze alles daran, die «Linde» als Dorftreffpunkt an sieben Tage die Woche offen zu halten.

Postbüro wird Prachtsaal

Neben Hotel- und Restaurantbetrieb ist der Lindensaal das dritte Standbein. Für Feiern, Hochzeiten, Versammlungen oder Bankette kann der Arvensaal – «einer der schönsten Säle im Appenzellerland» – genutzt werden. In diesem prächtigen Ambiente war früher die Post von Heiden untergebracht.

Zudem organisiert die «Lindenblütengruppe» verschiedene kulturelle Anlässe. Wenn die Flamencofrauen ausgetanzt haben, ist die Ruhe im Lindensaal nur von kurzer Dauer. Diesen Samstag wird im Arvensaal das Melodram «Enoch Arden» von Richard Strauss aufgeführt, mit Suppe, Schauspiel und Musik. Das genossenschaftliche Konzept der vielfältigen kulturellen Angebote geht auf.

www.lindeheiden.ch

Cornelia Frehner (rechts) mit drei ihrer Angestellten im Restaurant. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Cornelia Frehner (rechts) mit drei ihrer Angestellten im Restaurant. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

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