DNA bestätigt Wolfsriss

Die Vermutungen haben sich bestätigt: Die gerissenen Schafe im Thurgau und im Kanton Zürich gehen auf das Konto eines Wolfes. Ob es ein Tier aus einem Schweizer Rudel war, sollen weitere Untersuchungen zeigen.

Sebastian Keller
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Beim Thurgauer Wolf könnte es sich um ein Tier aus dem Calanda-Rudel handeln. (Bild: Benjamin Manser)

Beim Thurgauer Wolf könnte es sich um ein Tier aus dem Calanda-Rudel handeln. (Bild: Benjamin Manser)

Sebastian Keller

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@thurgauerzeitung.ch

Sein Speichel hat ihn verraten. Die Universität Lausanne untersuchte Proben, die der Wolf an gerissenen Schafen hinterliess. Das Resultat: Die gefundene DNA kann eindeutig einem Wolf zugeordnet werden. Das schreibt die Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung in der gestrigen Mit­teilung. Angezeigt war die ge­netische Untersuchung, weil ­zwischen Ende Februar und Anfang März in den Regionen Hohentannen und Uesslingen mehrere gerissene Schafe aufgefunden worden waren. Auch im Zürcher Weinland gab ein totes Schaf Anlass zu Fragen. Die Rissbilder deuteten auf ein grösseres Tier hin – die Rede war auch von einem grösseren Hund.

«Es handelt sich höchstwahrscheinlich um ein Einzeltier», sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau. Seit dem letzten Riss im Zürcher Weinland gibt es keine Spur mehr vom Wolf in der Region. «Wir haben ak­tuell keine Hinweise, dass sich das Tier noch im Thurgau aufhält.» Das Raubtier, das die Schafe gerissen hatte, könnte aber schon morgen wieder seine Pfoten aufs Kantonsgebiet setzen. Fakt ist: Es handelt sich um den ersten offiziell bestätigten Nachweis des Wolfes nach über 200 Jahren im Thurgau. Der letzte Hinweis auf Wölfe im Kanton datiert aus dem Jahr 1800 in der Region Stammheim-Nussbaumen. «Ich hatte schon vor dieser Bestätigung ­Gewissheit», sagt Urs Maier am Telefon. Drei Schafe hat der Bauer aus Uesslingen verloren. Zwei davon hatte der Wolf angefressen – und sie nicht getötet. «Das waren keine schönen Bilder», erinnert sich Maier. Die Tiere mussten erlöst werden.

Maier betont, dass er nicht gegen den Wolf sei – aber auch nicht für ihn. «Wir leben von und mit der Natur.» Und da gehöre der Wolf ebenso dazu wie der Mensch und die Tiere. Nach dem genetischen Beweis haben Maier und die weiteren Bauern Anspruch auf Schadenersatz. «Sie werden von Bund und Kanton entschädigt», sagt Roman Kistler. Die Höhe richte sich nach dem Wert des Schafes, sagt Reinhard Schnidrig. Er ist Sektionschef Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt. «Im Durchschnitt wird zwischen 400 bis 500 Franken bezahlt.»

«Dem Wolf fehlen Alpen und Wälder»

Der Speichel des Wolfes wird nun genauer an der Universität Lausanne analysiert. Damit soll herausgefunden werden, ob es sich um einen Wolf handelt, der schon anderorts in der Schweiz nachgewiesen wurde, wie es in der Mitteilung des Kantons heisst. Reinhard Schnidrig glaubt nicht, dass sich der Wolf ständig im Thurgau niederlässt. «Für die Rudelbildung fehlen dem Wolf die Alpen und abgeschiedene Wälder.» Beim Wolf, der unlängst durch den Thurgau und den Kanton Zürich gestreift war, könne es sich um ein Tier aus dem Calanda-Rudel im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen und Graubünden handeln. Aber eben genauso gut könne es auch ein Tier aus dem Wallis, Italien, Österreich oder Frankreich sein. «Wölfe legen in einer Nacht bis zu fünfzig Kilometer zurück», sagt Schnidrig. In einer Woche sei es einem Wolf möglich, das Land zu durchqueren. «Wir stellen in jedem Jahr neue Wölfe in der Schweiz fest.»

Der Bund rät den Haltern von Schafen, ihre Tiere mit einem elektrischen Zaun vor dem Raubtier zu schützen. Auch der Kanton Thurgau empfiehlt, die Schutzmassnahmen für Kleintiere wie Schafe und Ziegen im Auge zu behalten. Für Schnidrig ist klar: «Auch im Mittelland müssen wir uns auf durchwandernde Einzeltiere einstellen.»