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DISKRIMINIERUNG: Kampf im Alltag dauert an

Wer Vorurteilen ausgesetzt wird, muss zusätzliche Hürden überwinden, um Gleichstellung zu erreichen: ernüchternde Einsichten einer St. Galler Fachtagung.
Sina Bühler
Nur scheinbar lange her: Demonstration fürs Frauenstimmrecht 1969 in Bern. (Bild: Keystone)

Nur scheinbar lange her: Demonstration fürs Frauenstimmrecht 1969 in Bern. (Bild: Keystone)

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

Es geht um Vorurteile, um Rassismus und Sexismus, also um sehr aktuelle Themen. Und um Macht und Demokratie und die Frage, wie Migrantinnen, Migranten und Frauen daran teilhaben können. Das kantonale Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung (KIG) lud jüngst zur St. Galler Fachtagung «Alltagsdiskriminierung». Wie Christina Manser, seit kurzem Leiterin Amt für Soziales, in ihrer Einleitung erklärte, brauche es ein grösseres Bewusstsein und eine Sensibilisierung für alltägliche Diskriminierungen, um etwas ändern zu können. Beim Amt für Soziales ist auch das KIG angesiedelt; es hat den Auftrag, «das friedliche Zusammenleben zwischen der zugewanderten und der bereits länger ansässigen Bevölkerung sowie die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern zu fördern». 150 Fachleute aus Verwaltung, Jugendarbeit, Beratung, Schule und Polizei nahmen an der von KIG-Leiterin Claudia Nef geführten Tagung teil.

Neue Vielfalt der Migration nicht rückgängig zu machen

Rohit Jain ist Soziologanthropologe und forscht an der Universität Zürich zu Migration und Rassismus und indischer Secondo. Er sprach davon, wie Alltagsrassismus das Leben vieler Migrantinnen und Migranten in der Schweiz prägt. «Man muss sich vorstellen, was das mit einer ganzen Generation macht, die mit Plakaten der SVP aufwachsen muss», meinte er. Es seien Vorurteile, welche die Sicht der Schweiz auf Migrantinnen und Migranten nicht nur präge, sondern auch direkte Auswirkungen auf deren Chancen in Bildung und Berufsleben habe. Werde dieser Alltagsrassismus nämlich kombiniert mit strukturellem oder individuellem Rassismus, sprich dem für Migrantinnen und Migranten eingeschränkten Zugang zu demokratischen Rechten und Ressourcen, so führe dies beispielsweise zu Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt oder im Bildungswesen. Für Rohit Jain lautet eine der Lösungen, diese Erfahrungen sichtbar zu machen, im persönlichen Gespräch, in den Medien und in der Politik. Dass es notwendig sei, den Betroffenen eine Expertise zuzugestehen: «Migration und Globalisierung können nicht rückgängig gemacht werden. Es ist wahr, dass Migration die Gesellschaft verändert. Man sollte deshalb die Institutionen so organisieren, dass sie diese neue Vielfalt auffangen können.»

Feministisches Wissen geht immer wieder verloren

«Die Gesellschaft verändert sich», nahm Franziska Schutzbach den Faden ihres Vorredners auf, «und das macht panisch.» Und die Antwort der bisher Privilegierten laute darauf immer: «So wie es ist, ist es gut.» Zur Illustration zitierte die Geschlechterforscherin an der Universität Basel verschiedene Studien, welche die Frage stellten, ob Frauen in der Schweiz diskriminiert würden: «1960 antwortete eine Mehrheit: Nein.» Heute sei es ähnlich, die Hälfte der Befragten, sei nicht der Ansicht, dass es eine Diskriminierung gebe. «Jede Generation behauptet also, es gebe kein Problem. Und ohne Ausnahme war das rückblickend gesehen falsch.»

Auch sie sei als Mädchen mit dem Mythos aufgewachsen, die Gleichstellung der Geschlechter sei längst erreicht, diesen Kampf hätten die Mütter und Grossmütter bereits gewonnen. Dann sei sie erwachsen geworden, Mutter, Forscherin und habe erkannt, dass das feministische Wissen einfach immer wieder unsichtbar gemacht werde. «Es wird ausgelöscht, an den Schulen nicht unterrichtet. Das bedeutet auch, jede Frauengeneration muss wieder von vorne anfangen.» Sie begrüsse auch deswegen die aktuelle Diskussion um sexualisierte Gewalt, denn sie bedeute, dass immer mehr Frauen realisieren, dass sexualisierte Übergriffe und die Diskriminierung, die sie erleben, nicht normal seien.

Die beiden Referierenden waren sich in der anschliessenden Diskussion denn auch einig, dass Betroffene von Diskriminierung ein Anrecht auf eine gewisse Wut darüber hätten. Und wenn auch ein Dialog über Rassismus ein Lösungsweg sein könne, dabei aber nicht vergessen werden dürfe, dass sie oft gar nicht als vollwertige Dialogpartner angesehen würden.

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