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DIGITALISIERUNG: «Wir halten Emotionen fest»

Filip Schwarz führt in dritter Generation das Thurgauer Fotounternehmen Ifolor. Im Interview verrät er, wie er mit dem Computerhersteller Apple einen Millionendeal abschloss - und was Innovation für ihn bedeutet.
Michael Genova, Zürich
Reflexe-Interview: Filip Schwarz, Chef von iFolor. Fotounternehmen aus Kreuzlingen (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Reflexe-Interview: Filip Schwarz, Chef von iFolor. Fotounternehmen aus Kreuzlingen (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Interview: Michael Genova, Zürich

Filip Schwarz , Apple, die wertvollste Firma der Welt, will mit einem Familienunternehmen aus Kreuzlingen zusammenarbeiten. Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben ehrlich gesagt nicht viel getan. Unsere Mitarbeiter, die für Apple zuständig sind, haben eine Anfrage aus Cupertino im Silicon Valley erhalten. Im ersten Moment dachten wir, es handle sich um Spam, ein Werbe-E-Mail.

Zu schön, um wahr zu sein?

Wir dachten, es sei eine Ente. Wir haben uns dann trotzdem gemeldet. Der Rest ist Geschichte.

Worum geht es bei der Zusammenarbeit?

Apple öffnet seine Foto-App für Drittanbieter. Ifolor ist einer von weltweit fünf Partnern. Ab Herbst werden Kunden direkt aus dieser App heraus unsere Fotobücher, Abzüge oder andere Produkte bestellen können. Wir erhalten dadurch die Chance, von der Marke Apple und deren Verbreitung zu profitieren. Bislang waren wir etwa in England nicht lieferfähig. Mit diesem Projekt können wir unsere Verbreitung relativ einfach auf weitere Länder ausdehnen.

Was bedeutet Ihnen dieser Deal?

An der Entwicklerkonferenz im Juni hat Apple einem weltweiten Publikum unser Logo gezeigt und mehr als eine Stunde über uns berichtet. Im Anschluss durften wir mit auf die internationalen Pressetournee. Mehr Ehre geht eigentlich nicht. Dementsprechend stolz bin ich auf meine Mitarbeiter.

Werden die Bestellungen nun sprunghaft ansteigen?

Wir schätzen, dass wir dank der Zusammenarbeit rund 20 Millionen Franken mehr Umsatz machen werden. Zurzeit liegt unser Jahresumsatz bei rund 150 Millionen Franken.

Sie sind bereits international tätig. In welche Länder wollen Sie expandieren?

Zurzeit sind wir in 11 Ländern lieferfähig, im Herbst werden es 18 Länder sein. Das ist ein schöner Sprung.

Allerdings sind Apple-Geräte nicht überall gleich stark verbreitet.

Ja, das Potenzial ist begrenzt. Apple hat in Europa bei stationären Computern im Durchschnitt einen Marktanteil von rund 10 Prozent, in der Schweiz sind es 23 Prozent. Bei Smartphones ist der Anteil allerdings deutlich höher. In der Schweiz sind rund 50 Prozent aller Geräte iPhones, im Ausland sind es maximal 20 Prozent.

Fotobücher von Apple waren bislang relativ teuer. Müssen Sie nun die Preise erhöhen?

Wir werden nicht teurer. Die Kunden können unsere bestehenden Produkte bestellen. Das hat auch den Vorteil, dass alle Fotobücher im Regal der Kunden dieselbe Grösse haben. Denn nicht überall auf der Welt gilt das A4-Format.

Wo drucken Sie Fotoabzüge und Fotobücher?

Wir drucken in Finnland für den skandinavischen Markt, und in der Schweiz für Deutschland, Österreich, die Schweiz und die umliegenden Länder.

Von Kreuzlingen in alle Welt: Damit sind sie konkurrenzfähig?

Unsere Abläufe sind bereits stark automatisiert. Sonst könnten wir international nicht mehr mithalten. In der Schweiz verdient ein Produktionsmitarbeiter zwischen 4000 und 6000 Franken. In Deutschland würde die gleiche Person zwischen 700 und 900 Euro verdienen.

Ifolor wurde 1961 als Photocolor Kreuzlingen von Ihrem Grossvater gegründet. Was hat sich seither verändert?

Früher haben wir Filme entwickelt, heute entwickeln wir Software. Deshalb ist Apple ja auf uns aufmerksam geworden. Wir drucken unsere Produkte bis heute selber, doch die Technologie hat sich komplett verändert. Der Digitaldruck hat das chemische Verfahren abgelöst.

Der Filmhersteller Kodak existiert heute nicht mehr. Was hat Ifolor besser gemacht?

Wir haben uns am lösungsunabhängigen Kundenproblem orientiert.

Das müssen Sie erklären.

Wir halten Emotionen fest, sodass der Kunde sie wieder erleben und verschenken kann. Dafür steht unsere Firma und daran wird sich nie etwas ändern. Auch in der digitalen Welt haben die Menschen das Bedürfnis, Fotos zu besitzen. Kodak hat zwar die digitale Fotografie erfunden, dachte aber komplett anders. Sie waren in ihrem Kerngeschäft so erfolgreich, dass sie sich nicht vorstellen konnten, dass die digitale Technologie einmal alles dominieren würde.

Gab es firmenintern auch Widerstände gegen die Digitalisierung?

Riesige Widerstände. Normalerweise greift man in einer solchen Phase auf altgediente Mitarbeiter zurück. Das machte Kodak – und scheiterte. Wir hielten uns hingegen an den Grundsatz: Trenne Neues von Altem. Denn die Mitarbeiter, die heute für den Grossteil des Umsatzes verantwortlich sind, haben einen komplett anderen Blick. Zu ­ Beginn ist eine neue Technologie nie ausgereift. Viele Experten schüttelten deshalb den Kopf, als sie die ersten Digitalfotos sahen. Heute fotografieren alle grossen Fotografen mit digitaler Technologie.

Wie haben Sie sich organisiert?

Wir holten ein Expertenteam von aussen ins Unternehmen. Heute stehen wir wieder an einem ähnlichen Punkt. Vor zwei Monaten haben wir einen Direktor für neue Geschäftsfelder eingestellt und überlegen uns, was als Nächstes kommt. Das Geschäft mit digitalen Printprodukte befindet sich in Europa auf dem Höhepunkt. Jetzt geht es wieder um die Grundfrage: Wie will der Kunde in Zukunft seine Emotionen wieder erleben und verschenken?

Warum forschen Sie an dieser Zukunft hier im Zürcher Büro und nicht in Kreuzlingen?

Wir haben im Thurgau sechs Jahre lang versucht, die nötigen Topspezialisten aus den Bereichen Software und Marketing zu rekrutieren. Irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass es nicht geht. Wir brauchen diese Leute jedoch für das Überleben der Firma, deshalb haben wir ein Büro in Zürich eröffnet.

Haben Sie Angst, dass die Menschen irgendwann keine Fotobücher mehr ins Regal stellen?

Nein, davor fürchte ich mich nicht. Möglicherweise ist die Zukunft in fünf Jahren papierlos, vielleicht in zehn Jahren, vielleicht gar nie. Zum Glück haben wir eine gut gefüllte Kriegskasse, die es uns erlaubt, Fehler zu machen. Wenn Sie Angst vor dem Scheitern haben, können Sie gleich aufgeben. Von zehn Ideen wird vielleicht eine erfolgreich sein.

Verraten Sie uns eine Ihrer Ideen?

Da muss ich Sie leider enttäuschen. Nur so viel: Wir wollen den Menschen helfen, die Lagerung ihrer wertvollsten Momente zu vereinfachen. Früher füllte man einen Film mit 24 oder 36 Aufnahmen. Heute kommt man mit Tausenden Fotos aus den Ferien zurück und weiss nicht mehr, welches die besten sind.

Sie haben im Jahr 2015 die Firmenleitung von Ihrem Vater übernommen. Was machen Sie anders?

Ich versuche unternehmerische Grundsätze wie eine straffe Führung mit der neuen Welt zu verbinden. Unter meinem Vater war das Klima strenger. Es bringt jedoch nichts, sich aus Idealismus gegen die Zeit zu wehren. Ein einfaches Beispiel: Heute kommen Mitarbeiter mit kurzen Hosen zur Arbeit. Das hätte es früher nie gegeben. Oder sie können sich ihre Arbeitszeit flexibel einteilen.

Sie bringen zweimal pro Woche Ihre vier Monate alte Tochter mit ins Büro. Dürfen das Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch?

Ja, selbstverständlich. Wir würden sonst viele gute Leute ausschliessen, die nicht für uns arbeiten würden. Als Firma muss man heute offen sein. So will ein Mitarbeiter sein Kind mit ins Büro bringen, ein anderer muss an einem Dienstag bereits um 14 Uhr gehen, arbeitet aber trotzdem 100 Prozent.

Was sagt Ihr Vater zur sich verändernden Firmenkultur?

Wir führen regelmässig Gespräche, dabei reiben wir uns auch aneinander. Das gehört dazu, es gibt immer mehrere Sichtweisen auf ein Problem. Nicht immer ist jedoch richtig, was ich aus eigener Überzeugung tun würde. Deshalb orientiere ich mich stark an den Resultaten. Ich muss spüren, was die Kunden und die Mitarbeiter von mir verlangen. Letztlich zählt immer der Markt.

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