DIGITALISIERUNG: Parteien fordern Korrekturen bei IT-Offensive

Der Kanton St. Gallen muss die Informatikbildung forcieren: Darin sind sich die Parteien einig. Die 74-Millionen-Vorlage stösst dennoch auf Kritik. Sie nütze den Hochschulen mehr als den Schülern.

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Im St. Galler Kantonsrat herrschte Einigkeit wie selten: Die Motion der drei bürgerlichen Fraktionen für eine IT-Bildungsoffensive wurde ohne eine einzige Gegenstimme angenommen. Auch die Regierung erachtete das Vorhaben als dringend. Der Entscheid liegt ein gutes Jahr zurück. Jetzt geht es um die konkreten Inhalte der 74-Millionen-Vorlage – und die Harmonie trübt sich: In der Vernehmlassung stimmen die Parteien der Offensive zwar nach wie vor grundsätzlich zu, äussern aber zugleich Kritik.

Die Regierung zielt im Entwurf vor allem auf die Hochschulen. Die HSG soll neue Lehrgänge im Bereich Informatik anbieten. An den Fachhochschulen ist ein gemeinsames Kompetenzzentrum für Angewandte Digitalisierung vorgesehen. Die Pädagogische Hochschule St. Gallen soll mit Modellschulen digitale Unterrichtsformen erproben und entsprechende Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer anbieten. 10 der 74 Millionen sind schliesslich noch für die Vernetzung von Bildung und Wirtschaft vorgesehen.

«Berufsbildung ist völlig verloren gegangen»

Aus Sicht der SVP ist das alles zu akademisch. Das Programm vernachlässige die Berufsbildung. «Drei Viertel der Jugendlichen in unserem Kanton machen eine Berufslehre», sagt SVP-Kantonsrat Sandro Wasserfallen. «Doch dieser Bereich ist im Entwurf der IT-Offensive völlig verloren gegangen.» Auch wenn die Lehrpläne in der Berufsbildung auf nationaler Ebene ausgearbeitet würden, habe der Kanton Handlungsspielraum. «So könnte man etwa die Informatik-Weiterbildung der Lehrkräfte intensivieren», sagt Wasserfallen.

Auch die FDP bemängelt, dem dualen Bildungssystem werde zu wenig Rechnung getragen. Die Offensive müsse einen Fokus auf Berufsbildung und Sekundarstufe I legen, schreibt die Partei. Generell wolle die Regierung mit der Vorlage primär neue Forschungsinstitute schaffen. Die FDP ist hingegen der Meinung, dass vor allem in Ausbildung investiert werden muss.

Die Linke mahnt ebenfalls: Die Massnahmen der IT-Offensive müssten in den Schulzimmern spürbar sein. «Die Regierung hat zu wenig transparent aufgezeigt, wie beispielsweise der Wissenstransfer von der Pädagogischen Hochschule zu den Lehrerinnen und Lehrern stattfinden soll», sagt SP-Kantonsrat Daniel Baumgartner. Auch solle der Kanton nicht versuchen, in der digitalen Bildung das Rad neu zu erfinden. «Man sollte auf die Kompetenzen anderer Hochschulen ausserhalb des Kantons zurückgreifen.»

Fehlende Aussensicht

Die FDP vermisst im Entwurf die «unabhängige Sicht» ausserkantonaler Institutionen und erfolgreicher IT-Unternehmen. Es scheine, dass vor allem jene Stellen die Massnahmen ausgearbeitet hätten, die später für deren Umsetzung zuständig wären. Auch die CVP fordert, dass St. Gallen mit anderen Kantonen kooperiert, beispielsweise beim Aufbau der digitalen Lehrmittel. «Bis heute werden etwa Mathe-Lehrbücher auf Vorrat gedruckt, die dann teilweise gar nicht benötigt werden», sagt CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler. «Das ist nicht sinnvoll.»

Die Vernehmlassung zur IT-Bildungsoffensive endete gestern, nun ist die Regierung wieder am Zug. Das Kantonsparlament wird die überarbeitete Vorlage voraussichtlich im Februar beraten, in der zweiten Jahreshälfte soll dann das Volk darüber abstimmen.

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch