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DIESELSKANDAL: Die institutionalisierte Trickserei

Bei Lastwagen, die der Zoll in Au aus dem Verkehr zieht, werden die Abgassysteme mutwillig manipuliert. In Dieselautos ist der lottrige Umgang mit dem Zusatzstoff AdBlue schon vorinstalliert. Das könnte sich jetzt ändern – und Dieselfahren teurer machen.
Madeleine Staeheli Toualbia
Die Flüssigkeit AdBlue ist ein künstlicher Harnstoff, der den Schadstoffausstoss von Dieselmotoren reduziert. Allerdings ist der Zusatz nicht ganz billig. (Bild: Marijan Murat/DPA)

Die Flüssigkeit AdBlue ist ein künstlicher Harnstoff, der den Schadstoffausstoss von Dieselmotoren reduziert. Allerdings ist der Zusatz nicht ganz billig. (Bild: Marijan Murat/DPA)

Madeleine Staeheli Toualbia

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Keine Lastwagen mehr, welche die Luft verpesten: Das ist das gemeinsame Ziel von Fahrzeugverbänden und Behörden. Mehrere Diesellastwagen, die Spezialisten der Eidgenössischen Zollverwaltung in den vergangenen Wochen an der Grenze in Au (SG) aus dem Verkehr gezogen haben, hatten die Ad-Blue-Einspritzung abgeschaltet. Die Vorrichtung dient der Abgasreinigung. Mit der Abschaltung sparen Lastwagenbesitzer die Kosten für die Flüssigkeit AdBlue, die den Diesel weniger schädlich macht. Die Zollbeamten hinderten die Wagen an der Weiterfahrt. Die betroffenen Lastwagenfahrer übergaben sie der Kantonspolizei St. Gallen. Die Lastwagen kamen in eine Werkstatt. Die Chauffeure müssen zudem mit Verzeigungen und «erheblichen Bussen» rechnen, meldet das Zollinspektorat Au.

Von 200 bis 250 manipulierten Abgasreinigungen in der Schweiz im Jahr 2017 deckte der Zoll in Schaffhausen allein im ersten Halbjahr 57 Abschaltungen auf. Die Sanktionen für Lastwagen gelten bisher nicht für Personenwagen. Während Fahrer in Lastwagen illegale Abschaltgeräte einbauen oder die Einstellungen des Bordcomputers manipulieren, waren die Tricksereien bei Personenwagen im seit 2015 andauernden Dieselskandal schon ab Werk Teil der Technik. Bei Verstössen gegen Grenzwerte mit illegalen Abschaltungen hat die Schweiz bisher mit einem Zulassungsstopp von Importfahrzeugen reagiert.

VCS-Präsidentin kritisiert den Bund

Für Evi Allemann, Präsidentin des Verkehrsclubs Schweiz (VCS) und Berner SP-Nationalrätin, gehen diese Massnahmen zu wenig weit, wie sie auf Anfrage der «Ostschweiz am Sonntag» erklärt: «Obwohl der Bund grundsätzlich die Möglichkeit hätte, einzugreifen, wenn bestimmte Automodelle zu viele Schadstoffe ausstossen, nimmt er seine Verantwortung nicht wahr.» Das Bundesamt für Strassen (Astra) hätte zahlreiche Möglichkeiten gehabt, von dieser Regelung Gebrauch zu machen, sagt die Nationalrätin. In einer Motion fordert die VCS-Präsidentin, der Bund solle die neue Abgasnorm ohne Übergangsfrist zum frühestmöglichen Zeitpunkt einführen. Drei Vorstösse der Politikerin im Zusammenhang mit manipulierten Dieselabgasen und Grenzwerten sind im eidgenössischen Parlament hängig.

Hinter dem Zulassungsstopp steht die Regelung mit der EU, dass die Schweiz die Abgasnormen der Autohersteller aus deren Herkunftsland übernimmt. Das Astra hat zwar im Jahr 2015 einen Zulassungsstopp für beanstandete Fahrzeugmodelle des VW-Konzerns verhängt, der noch immer teilweise gültig ist. Der Bundesrat sah aber in einer Mitteilung vom April 2017 mit Verweis auf die EU-Emissionsverordnung Abschaltungen bei Autos nicht als «grundsätzlich gesetzeswidrig» an, da sie den Motor schonten.

Illegale Abschaltungen, sogenannte «Defeat Devices», hat VW bereits 2015 eingestanden. Mittlerweile prüft das deutsche Kraftfahrtbundesamt (KBA), das für Zulassungen zuständig ist, vermutlich illegale Ad-Blue-Abschaltungen aber auch beim Daimler-Konzern bei Automodellen der zurzeit saubersten Euro-6-Norm. Auch BMW hat manipuliert, obwohl der Konzern bis vor kurzem versicherte, die Abgasreinigung sei gesetzeskonform. Illegale Abschaltungen sind auch von weiteren Herstellern bekannt.

Ein Drittel aller Neuzulassungen ist manipuliert

Der VCS, der Schweizer Konsumentenschutz, die Krebs- und Lungenliga sowie die Ärzte für Umweltschutz kritisieren die lasche Praxis der Autobauer: Sogar dort, wo die Abgasreinigung vermeintlich gesetzeskonform sei, werde mittels häufiger automatischer Abschaltungen in vielen alltäglichen Fahrsituationen das System ausgehebelt, erklären sie in einer Mitteilung. Auf Anweisung des Bundesgerichts hatte die Bundesanwaltschaft (BA) gegen VW-Generalimporteurin Amag und gegen VW Ende 2016 die bisher einzige Strafuntersuchung eröffnet. Die «aufwendigen und ressourcenintensiven Prozesse» seien noch nicht abgeschlossen, erklärt Walburga Bur, Sprecherin der BA. «Zudem hat die BA im Rahmen des laufenden Strafverfahrens Deutschland um Rechtshilfe ersucht.»

In der Schweiz waren laut Astra bisher allein bei den Volkswagen-Marken VW, Audi, Seat und Skoda rund 180 000 Fahrzeuge mit illegalen Abschaltungen auf der Strasse unterwegs. Das entspricht einem Drittel aller Neuzulassungen, einschliesslich Benzinmotoren im vergangenen Jahr. Mit einem Software-Update oder einer Nachrüstung soll bei Dieselautos die Abgasreinigung mit dem künstlichen Harnstoff AdBlue korrekt funktionieren. Gemäss Fachkreisen steigt der Ad-Blue-Verbrauch deshalb markant.

Das Mineralölunternehmen Agrola, mit 419 Tankstellen nach Avia die Nummer zwei im Schweizer Markt, baut nun ein Ad-Blue-Tankstellennetz für Autos auf. Bisher muss AdBlue im Behälter gekauft werden. «Zurzeit betreiben wir 46 Ad-Blue-Zapfsäulen für PKW», teilt Alexander Streitzig, Vorsitzender der Geschäftsleitung, auf Anfrage mit. «Da die Nachfrage in diesem Jahr stark steigen wird, sind weitere Tankstellen in Planung.» Dazu verfügen die meisten Dieselautos, die dieses Jahr neu zugelassen werden, über einen SCR-Katalysator mit Ad-Blue-Reinigungssystem, der die gesetzliche Euro-6-Norm garantieren kann. BMW möchte alle neuen Dieselmodelle schon im Frühjahr mit Ad-Blue-Tanks auf den Markt bringen. «Die SCR-Technologie wird für die meisten Dieselmotoren die Technologie der Wahl bleiben oder werden», sagt Christian Bach, Abteilungsleiter Fahrzeugantriebssysteme bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa).

Mehr AdBlue kostet zusätzlich

Die Dieselfahrer müssen deshalb tiefer in die Tasche greifen. Durch AdBlue verteuert sich das Fahrvergnügen bei einem Durchschnittspreis von rund 20 Franken je 10 Liter AdBlue um bis zu 30 Rappen je Liter und 100 Kilometer. Firmen- auto.de gibt im April 2017 noch an, AdBlue sei bei einer Wartung alle 20000 bis 30000 Kilometer nachzufüllen. Das entspreche 0,1 Litern je 100 Kilometer. Der Verbrauch wird inzwischen in der Fachpresse nach oben korrigiert. Christian Bach hält gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag» fest: «Bei einem Dieselverbrauch von 6 Litern je 100 Kilometer resultiert ein Ad-Blue-Verbrauch von 0,3 Litern je 100 Kilometer. Mit 10 Litern AdBlue kann man in diesem Fall rund 3500 Kilometer weit fahren.» Weitere Fachleute gehen von einem höheren Verbrauch von 0,4 Litern bis zu mehr als einem Liter aus.

Damit dürfte Biodiesel, der noch bis ins Jahr 2020 nicht besteuert wird und kein AdBlue benötigt, auch mit künftiger Besteuerung konkurrenzfähig werden. Dass AdBlue die Zahl der Neuwagenkäufe beeinflusst, glaubt Dino Graf, Leiter Kommunikation bei Amag, nicht: «Der Ad-Blue-Verbrauch ist abhängig vom Nutzungsprofil des jeweiligen Fahrzeugs. Wir gehen nicht davon aus, dass dies eine relevante Grösse bei der Kaufentscheidung ist.»

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