Diese Thurgauerin hat auf Instagram fast eine halbe Million Follower

Ihr Beruf wird immer noch belächelt: Influencerin Michèle Krüsi aus Braunau arbeitet viel und sieht in Instagram mehr als nur eine Werbeplattform.

Janine Bollhalder
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Michéle Krüsi auf dem Fussballplatz der Primarschule Braunau, wo sie einst zur Schule ging.

Michéle Krüsi auf dem Fussballplatz der Primarschule Braunau, wo sie einst zur Schule ging.

Bild: Andrea Stalder

«Eigentlich stehe ich lieber hinter der Kamera», sagt Michèle Krüsi. Eine paradoxe Aussage für die junge Frau aus dem beschaulichen Braunau. Sie trinkt in New York Cocktails, besucht in Paris Kunstgalerien und posiert auf der Tower Bridge – und sie teilt diese Augenblicke mit ihren 473'000 Followern auf der Internetplattform Instagram unter dem Benutzernamen «thefashionfraction».

Die 28-Jährige lädt jeden Tag ein Bild auf die soziale Plattform, das verlange der Algorithmus. Krüsi ist gelernte Polygrafin. Sie wollte sich weiterbilden, besuchte ein Studium in visueller Gestaltung. «Ich habe Montag bis Donnerstag gearbeitet, Freitag und Samstag an der Hochschule studiert und sonntags meine Eltern besucht und gebloggt. Freizeit hatte ich damals keine», sagt Krüsi rückblickend.

Heimliche Leidenschaft wird zum Erfolg

Michèle Krüsi hat vor zehn Jahren heimlich mit dem Bloggen angefangen: «Wenn meine Eltern weg waren, habe ich Kamera und Stativ gepackt und mich vor die Hauswand gestellt.» Sie habe ihre Freude an der Mode teilen wollen. In ihrem näheren Umfeld interessierte sich niemand für das Thema. Im Internet hingegen hat sie viele Gleichgesinnte gefunden:

«Mein Insta­gramprofil gehört inzwischen zu den grössten der Schweiz.»

Als das Bloggen mehr Zeit verlangte, hängte Krüsi Job und Studium an den Nagel. «Es ist mir schwergefallen, zu kündigen», sagt sie, die nie den Traum hegte, Influencerin zu werden und von der selbständigen Tätigkeit zu leben.

Die Bilder von Michèle Krüsi sind bunt und lebendig. Man sieht die 28-Jährige mal mit dem Mund voller Spaghetti, im Bademantel und mit Zeitung auf dem Balkon oder – in einer immer wieder auftauchenden Pose – mit hochgestrecktem Bein, ähnlich einer Ballerina. Krüsi ist sichtbar beweglich und sie scheut sich auch nicht, in Bikini oder Unterwäsche zu posieren. «Das ist doch etwas Natürliches», sagt sie. «Ich will damit den Körper entsexualisieren.»

Krüsi ist auch in ihrem Alltag natürlich unterwegs, zum Interview kommt sie nicht in Designerkleidung gehüllt, sondern ohne Make up, in einem Rollkragenpulli, Jeans und weissen Sneakern. «Die sind immer trendy», sagt sie, merkt dann aber an, dass sie eigentlich keine Ahnung hat, was gerade «in» ist. «Ich trage einfach, was ich will.»

Und das kommt an: Krüsi kann gut von ihren Instagrambeiträgen leben. «Ich verdiene nicht jeden Monat gleich viel, aber ich würde doch sagen, mehr als den durchschnittlichen Schweizer Lohn.» Trotzdem werde ihr Job oft belächelt.

«Man ahnt nicht, wie viel Arbeit hinter einem Beitrag steckt.»
Michèle Krüsi

Michèle Krüsi

Andrea Stalder

Sie sagt: «Mein Tag startet und endet um sieben Uhr.» Einen Tag lang entwerfe sie Konzepte für die Instagrambilder, an einem anderen Tag beantworte sie Mails und den nächsten Tag widme sie dem Fotografieren. An diesem Punkt habe die Selbständigkeit aber auch ihre Vorteile: «Ich mache die Bilder oft mit Influencerkollegen – so verbringe ich Zeit mit Freunden und arbeite.»

Den veröffentlichten Bildern fügt Krüsi stets eine Bildunterschrift hinzu – in Englisch. «Meine Follower kommen hauptsächlich aus der Schweiz, Deutschland und Amerika», sagt Krüsi.

Instagram ist für sie aber keine Werbeplattform – auch wenn die publizierten Werbebeiträge ihr Leben finanzieren.

«Ich will meinen Freunden Tipps geben, kein Produkt aufschwatzen.»

Der Konsum sei es auch, der sie an Instagram störe. «Ich gebe auf den Bildern nicht an, von wo meine jeweilige Kleidung ist. Die Outfits sollen lediglich der Inspiration dienen. Ähnliche Stücke finden sich oft bereits im Kleiderschrank.» Und doch ist es die Kauflust der Follower, die Michèle Krüsis Leben schliesslich finanziert.

Eine lange Partnerschaft pflege sie mit Dyson (Interview zum Thema: siehe Box). Man sieht Krüsi vor dem Spiegel die Haare föhnen, in einem langen lila-orangen Kleid – Vorbereitungen für das Zürich Film Festival. Weiter nach unten gescrollt sieht man Krüsi vor dem Spiegel, in Ballerinaposition – flexibel, wie es der Föhn sei. Dieser liegt am Rande des Bildes, nicht im Fokus. Das ist Krüsi wichtig – es soll nicht werberisch wirken.

Michèle Krüsi zeigt sich auf ihren Bildern mal sexy als Piratenfrau mit Champagner, mal hangelt sie sich wie ein Äffchen auf das Verdeck eines Boots, mal versteckt sie sich hinter Sonnenbrille und Kaffeetasse. Persönlich ist sie aber vor allem natürlich, locker und bodenständig. «Viele Leute sagen, ich sei privat anders als auf Instagram», sagt die gebürtige Thurgauerin. Aber äusserlich erkennt man Krüsi wieder. Das sei es auch, worauf sie Wert lege:

«Natürlich bearbeite ich meine Bilder gewissermassen – etwa die Farben. Aber ich würde mein Aussehen niemals so verändern, dass mich niemand mehr auf der Strasse erkennt.»

Authentizität inmitten Perfektion. Aber diese makellose Scheinwelt Instagrams mache Krüsi schon lange nichts mehr aus. «Ich nehme das nicht mehr so ernst.»

Ihre Kreativität kann Krüsi mit einem Instagramkanal nicht ausreichend ausleben. Frecher und freizügiger zeigt sie sich auf ihrem zweiten Account: Leonessa Lingerie. Hier drehen sich die Beiträge um Krüsis Unternehmen – das Unterwäschelabel Leonessa Lingerie. «Ich habe meine Unterwäsche immer im Ausland eingekauft. In der Schweiz habe ich nur ganz selten etwas gefunden, das mir gefällt und auch bequem sitzt.»

Die Produkte werden in Portugal hergestellt, versandt aber von Krüsi höchstpersönlich: «Meine Wohnung sieht aus wie ein Warenlager. Ich verpacke alles von Hand und bringe es auf die Post», sagt sie. Krüsi hofft, dass ihr «Baby» schnell wächst und ihre Haupteinkommensquelle wird. «Ich hoffe, Leonessa Lingerie ist meine Zukunft – auch, falls Instagram eines Tages das Zeitliche segnet.»

Interview mit Dyson: «Wir sehen Influencer als testende Kunden»

Influencerin Michèle Krüsi pflegt eine langjährige Partnerschaft mit Dyson. Das Unternehmen produziert technische Geräte wie etwa Haartrockner und Staubsauger. Naemi Heiniger von Dyson Schweiz gibt Auskunft über die Zusammenarbeit mit Influencern.

Weshalb hat sich Dyson dazu entschieden, via Influencer Werbung für seine Produkte zu machen?

Naemi Heiniger: Natürlich könnten wir auch über Werbeinserate auf unsere Produkte aufmerksam machen, den Meinungen von Drittpersonen wird allerdings mehr Glauben geschenkt. Wir möchten die Kunden über die Zusammenarbeit mit Influencern sowie auch Bloggern und deren authentische Inhalte erreichen.

Wie funktioniert eine solche Zusammenarbeit?

Dyson Schweiz arbeitet mit den Influencern in Jahreskooperationen. Durch die langjährige Zusammenarbeit entsteht eine Beziehung zwischen Dyson und dem Influencer. Dadurch, dass der Influencer über einen längeren Zeitraum die Produkte präsentiert, gewinnt die Werbung an Glaubwürdigkeit.

Welche Kriterien sind bei der Wahl eines Influencers entscheidend?

Wenn wir Ziele festgelegt haben, suchen wir dazu passende Influencer. Diese sollen zu Dyson passen und sich ihrerseits auch mit der Marke identifizieren können. Wichtig ist, dass die Influencer die entsprechende Zielgruppe abdecken und authentische Beiträge veröffentlichen.

Prüfen Sie die Beiträge der Influencer vor der Veröffentlichung?

Die Beiträge der Influencer, mit welchen wir eine Jahreskooperation haben, werden vor der Veröffentlichung geprüft. Es gibt natürlich auf Personen, die keine Influencer sind und doch Inhalte mit unseren Produkten veröffentlichen. Diese Inhalte prüfen wir dann nicht.

Mit wie vielen Schweizer Influencern arbeitet Dyson?

Dyson Schweiz hat mit elf Influencern eine Jahreskooperation. Es gibt aber auch noch weitere Schweizer Influencer, mit welchen wir gelegentlich zusammenarbeiten.

Rentiert sich die Zusammenarbeit mit Influencern für Dyson?

Sofern die Zusammenarbeit richtig aufgesetzt und durchgeführt wird – ja sehr. Um erfolgreich zu sein, benötigt es jedoch viel Zeit und sollte daher nicht unterschätzt werden.

Wie lange denken Sie, wird es noch profitabel sein, via Influencern Produkte zu bewerben?

Wir sehen Influencer nicht als Werbeplattform, sondern als testende Kunden, die ihre Meinung kundtun und Inhalte zum Produkt kreieren. Durch die lange Zusammenarbeit werden die Influencer zu Markenbotschaftern – ich kann mir vorstellen, dass die Zusammenarbeit in dieser Form noch eine Weile bestehen wird.

Wahrscheinlich wird es eine Veränderung der Social Media Kanäle geben.

Die Branche hat sich aber mittlerweile so etabliert, dass sicher einige Influencer auch in Zukunft relevant bleiben – egal, über welche Plattform sie Inhalte verbreiten. Für die jüngere Generation gehören Social Media und Influencer zum Standard – aber auch diese Generation entwickelt sich weiter und treibt neue Trends an. Es bleibt spannend.

Nachgefragt bei der Webagentur: «Der Trend geht in Richtung Micro-Influencer»

Die Webagentur TreeStones mit Standorten in Luzern und Zürich hilft Unternehmen bei der Entwicklung, Umsetzung und Analyse von Social Media-Strategien. Online Marketing Manager Peter Haas erklärt die Zusammenarbeit von Unternehmen und Influencern.

Wie verdienen Influencer Geld?

Peter Haas

Peter Haas

PD

Peter Haas: Durch Affiliate Marketing: Wenn ein Influencer ein bestimmtes Produkt in einen Beitrag bewirbt, verdient er damit Geld. Dies kann ein festgelegter Betrag sein oder ein gewisser Anteil am Absatz.

Wie können Unternehmen mit Instagram Geld verdienen?

Für Unternehmen gibt es mehrere Möglichkeiten, auf Instagram Geld zu verdienen. Etwa, indem die Unternehmen durch Werbeanzeigen die Nutzer von Instagram auf ihre Webseite holen und so den Verkauf fördern, oder das Unternehmen kann durch Beiträge auf sein Instagramprofil aufmerksam machen und von dort aus auf die Webseite verlinken. Businessprofile – also Instagramprofile mit erweiterten Funktionen – sowie auch Influencerprofile können «Instagram Shopping» einrichten. Damit können die Produkte auf den veröffentlichten Instagrambildern markiert werden und die Nutzer können sich direkt in den Onlineshop klicken.

Auf Instagram können kurzlebige Videos und Bilder – auch Stories genannt – veröffentlicht werden. Wofür sind diese geeignet?

Stories sind Kurzzeit-Aufnahmen, die nur für 24 Stunden einsehbar sind – ausser wenn sie gespeichert werden. Stories werden meist unterstützend zu Beiträgen erstellt und zeigen das Produkt in Aktion oder geben Erfahrungsberichte der Influencer wieder. Die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen ist kurz und auch die Art und Weise, wie wir Inhalte konsumieren, hat sich drastisch verändert. Deswegen sind die Stories sehr beliebt geworden: Sie sind kurz, fesselnd und machen süchtig.

Was braucht ein Influencer aus Ihrer Sicht, um erfolgreich zu sein?

Eine loyale Community ist klar ein Muss. Das Engagement auf dem Profil eines Influencers, also die Likes und Kommentare, muss in Relation mit der Anzahl Follower stehen. Dies bedeutet aber auch, dass Nutzer, die mehr Follower haben, nicht besser sein müssen, als Nutzer mit weniger Followern. Heutzutage ist festzustellen, dass der Trend in Richtung Micro-Influencer geht.

Was sind Micro-Influencer?

Das sind Influencer, die eine verhältnismässig niedrige Anzahl Follower haben – etwa 2000 bis 40000 an der Zahl. Sie können dafür aber von einem sehr hohen Engagement profitieren: Micro-Influencer sind Meinungsmacher, die eine ganz spezifische Gruppe Menschen erreicht. Aufgrund der Verbundenheit zu ihren Anhängern und ihrem Expertenstatus sind Micro-Influencer lukrativer für Unternehmen, welche Influencer Marketing betreiben möchten.

Wie lange denken Sie, wird das Veröffentlichen von Beiträgen auf Instagram den Influencern noch das Leben finanzieren können?

Dass Instagram den Influencern das Leben finanzieren, stimmt in dieser Hinsicht nicht. Influencer leben meist von mehreren Einnahmequellen: Neben dem Bewerben der Produkte ihrer Kunden, bieten Influencer in vielen Fällen auch noch eigene Produkte, Services oder Workshops an. Wie lange sich aber noch mit Beiträgen auf Instagram Geld verdienen lässt, ist schwierig zu beantworten. Die Plattform wird noch solange erfolgreich sein, bis die Nachfrage sinkt – also bis eine neue Plattform aufkommt, die den Nutzern attraktivere Funktionen bieten kann als Instagram.

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