«Diese Situation ist absurd»

Die EU will die Schweiz beim Studentenaustausch und in der Forschung nur noch als Drittstaat behandeln. Dies verunsichert auch die Ostschweizer Hochschulen.

Richard Clavadetscher
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Unsicherheit herrscht zurzeit bei den Studierenden, ihren Eltern, aber auch bei Partnerhochschulen von Schweizer Lehrstätten. (Bild: ky/Martial Trezzini)

Unsicherheit herrscht zurzeit bei den Studierenden, ihren Eltern, aber auch bei Partnerhochschulen von Schweizer Lehrstätten. (Bild: ky/Martial Trezzini)

Dass die Schweiz nach Annahme der SVP-Initiative beim Studentenaustauschprogramm Erasmus+ und beim Forschungsprogramm Horizon 2020 von der EU als Drittstaat behandelt wird, löst in der Forschergemeinde und bei den Schweizer Hochschulen allgemein Sorgen aus. Stimmen von Rektoren in der Ostschweiz belegen dies. Dass die Zukunft von Erasmus+ zurzeit offen ist, macht etwa Sebastian Wörwag, Rektor der FHS St. Gallen, Kopfzerbrechen: «Es ist eine schwierige Situation, da sie Unsicherheit bei unseren Studierenden, ihren Eltern, aber auch bei unseren Partnerhochschulen schafft.»

«Hochschulen in Verantwortung»

Betroffen seien sowohl Studierende der FHS St. Gallen, die ein Austauschjahr in einem EU-Land absolvieren, als auch ausländische Studierende, die an die FHS kommen wollten, so Wörwag. Er sieht die Hochschulen in der Verantwortung, dass Studierende ohne Unterbruch ein Austauschsemester absolvieren können. Noch aber sei zu klären, wer die Stipendien künftig bezahle. Wörwag nennt als eine Möglichkeit, dass das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Kosten übernähme. Geschehe dies nicht, müssten die Hochschulen selber in die Bresche springen.

Nicht anders sieht es Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG). Die PHTG hat rund 15 Partnerhochschulen, mit denen sie Studenten austauscht. Allein aus dem Studiengang für Primarlehrer hätten sich für das Herbstsemester 2014/15 zwanzig Studierende für ein Erasmus-Semester angemeldet. Ohne Erasmus+ sei der Austausch jetzt zwar nicht beendet, aber es müssten nun mit jeder Partnerinstitution die Bedingungen separat ausgehandelt werden, so Sieber. Mit Erasmus sind Austauschstudenten die Studiengebühren am Gastort erlassen worden, und es gab einen Beitrag an die Mehrkosten im Auslandaufenthalt.

Die PHTG ist zudem in einer speziellen Situation, da sie einzelne Studiengänge wie die Sekundar- und Gymnasiallehrerausbildung mit der Universität Konstanz anbietet. Entsprechend erschüttert hätten die Konstanzer Partner das Abstimmungsergebnis zur Kenntnis genommen, sagt Rektorin Sieber. Immerhin sei der Wille da, die Kooperation weiterzupflegen.

Auch Rektor Wörwag hat solche Rückmeldungen aus dem Ausland. Die Situation sei «absurd», weil nun «bestens funktionierende Kooperationen aufs Spiel gesetzt» würden, findet er. Wörwag sagt aber auch: «Die EU hat sich nicht die Bildung ausgesucht, um die Schweiz abzustrafen. Erasmus+ ist direkt an die Personenfreizügigkeit gebunden, und deswegen ist der EU-Entscheid in sich konsequent.»

Was die Partnerhochschulen im Ausland betrifft, geht es der FHS St. Gallen nicht anders als der PHTG: Karin Pfister ist Leiterin International Office des Fachbereichs Wirtschaft. Sie sagt, man versuche alles, um die Stipendienfinanzierung sicherzustellen und den Studierenden das Austauschsemester zu gewährleisten. Aber es müssten in ihrem Fachbereich nun rund 30 Verträge mit Partnerhochschulen in der EU neu verhandelt werden, denn alle bestehenden Verträge seien Erasmus+-Verträge. Diese seien nun in Verträge mit einer neuen Klausel zur Finanzierung umzuwandeln. Insgesamt muss die FHS St. Gallen gar 62 Verträge anpassen.

HSG: 400 Studierende in Erasmus+

Etwas anders sieht die Situation bei der Universität St. Gallen, der HSG, aus. Die HSG pflegt ein internationales Netzwerk von über 170 Partnerhochschulen. Insgesamt profitieren laut Marius Hasenböhler, Leiter Kommunikation, jährlich über 800 HSG-Studierende von einem Studentenaustausch, während wiederum über 600 Gaststudenten von den Partnerschulen aus aller Welt an die HSG kommen. Davon sind rund 400 Studierende (je 200 HSG-Studenten und ausländische Gaststudenten) im Erasmusprogramm eingeschrieben.

Da die Schweiz hier nun als Drittstaat eingestuft wird, sind die monatlichen Stipendien in der Höhe von 300 Franken pro Student ab Herbst zurzeit nicht mehr gesichert. Weil die HSG direkte Abkommen mit 170 Partner-Universitäten hat, sei der Austausch von Studierenden «mit Kenntnisstand heute» indes nicht direkt betroffen, so Hasenböhler. Er empfiehlt deshalb Studierenden, die einen Austausch planen, «dies unbedingt auch weiterhin» zu tun.

Beim Forschungsprogramm Horizon 2020 wird die Schweiz nun ebenfalls als Drittstaat behandelt. Für PHTG-Rektorin Sieber ist auch dies problematisch, denn ein Zuschlag für EU-Forschungsprojekte liege für ihre Schule im Bereich des Möglichen. «Die Problematik ist, dass auch laufende Projekteingaben gefährdet sind, da die Finanzierungen nicht sichergestellt sind. Damit wird der Zugang zu internationalen, hochstehenden Forschungsnetzwerken erschwert», sagt Rektor Wörwag. Die HSG erhielt aus solchen Projekten 2012 rund eine Million Franken. Man gehe zurzeit davon aus, dass der Bund diese Mittel durch geeignete Anschlussprojekte ersetze, so Hasenböhler.

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