Diebstähle in Ostschweizer Hofläden häufen sich: Funktioniert das Vertrauensprinzip noch?

Seit August bedienen sich Langfinger vermehrt in Hofläden, wie die Polizei meldet. Kässeli werden geplündert und Früchte oder Eier gestohlen. Dennoch sollen Hofladen-Automaten kein Ersatz werden.

Janine Bollhalder und Sabrina Manser
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Bei Langfingern sind vor allem Früchte wie Himbeeren oder Kirschen beliebt.

Bei Langfingern sind vor allem Früchte wie Himbeeren oder Kirschen beliebt.

Benjamin Manser (30. Juli 2019, Engelburg)

16 Hoflädeli-Diebstähle hat die Kantonspolizei St.Gallen seit Anfang August im Raum Fürstenland sowie im Grenzgebiet zwischen St.Gallen und dem Thurgau feststellen müssen. Die Täter schlagen laut der Mitteilung nachts zu; ihre Ziele sind Hofläden oder freistehende Verkaufskassen.

«Es wurden jeweils bis zu mehreren hundert Franken entwendet», sagt Mediensprecher Hanspeter Krüsi von der Kantonspolizei St.Gallen. Die Höhe der Sachschäden bewegen sich im ähnlichen Bereich. Die Täter würden hauptsächlich die Kassen plündern und selten Lebensmittel stehlen.

Kameras schrecken die Diebe nicht ab

Der Walser-Hof in Roggwil ist im Frühjahr mehrmals bestohlen worden. Jetzt sei es wieder besser geworden, denn die Saison sei vorbei, sagt Roman Walser. Denn: «Oft werden hochwertige Früchte wie Himbeeren oder Chriesi gestohlen.» Trotz der zahlreichen Diebstähle ist es für Walsers keine Option, den Laden zu schliessen. Roman Walser sagt:

«Wir leben von der Direktvermarktung, darum machen wir weiter.»

Sie hätten nun Kameras installiert, jedoch würden diese wenig abschrecken. Der Bauer erklärt: «Wir erstatten immer Anzeige und verhängen ein Hausverbot.» Ein Automat als Alternative komme für das Ehepaar nicht in Frage: «Der Aufwand ist sehr hoch, was das Auffüllen und die Kosten betrifft, und es ist unpersönlicher.»

Erfahrung mit Diebstählen hat auch die Familie Dudli aus Niederglatt gemacht. «Wir sind vorletztes Jahr zweimal bestohlen worden», sagt Rita Dudli. Mitgenommen wurden Eier, Honig, Most und teures Fleisch. Kaputtgemacht wurde nichts. Das Hoflädeli werde videoüberwacht, doch nicht die Kamera sorgte dafür, dass die Täter festgenommen wurden: «Am folgenden Abend haben wir sie auf frischer Tat ertappt», berichtet Dudli. Kurz zuvor hätten die Diebe bereits an anderen Orten zugeschlagen. Ihre Tour endete aber auf dem Hof Ochsenweid der Familie Dudli.

Einbrüche haben nichts mit Corona zu tun

Dass die aktuelle Häufung der Hoflädeli-Diebstähle genau in die Zeit der Coronakrise fällt, ist gemäss Mediensprecher der Kantonspolizei ein Zufall. Er sagt:

«Die Taten haben nichts mit der Pandemie zu tun.»
Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen

Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen

Bild: PD

Leider weiss Krüsi aus Erfahrung, dass Taten wie diese in unregelmässigen Abständen immer wieder vorfallen.

Gemäss Krüsi stecken hinter Vergehen dieser Sorte Täter, welche dringend Geld brauchen. Es handle sich dabei um Einzeltäter, weniger um eine Bande. Sie begehen so lange Straftaten wie etwa einen Hoflädeli-Diebstahl, bis sie von der Polizei dingfest gemacht werden können.

Empfehlungen zum Schutz vor Diebstählen

Die Polizei rät dazu, Hoflädeli über Nacht zu schliessen und die Kassen zu leeren. Freistehende Kassen sollen ausserdem offen präsentiert werden, um Sachschäden zu vermeiden. Die Installation von Überwachungskameras wird empfohlen. Um Diebstählen weiter vorzubeugen, bietet der Schweizer Bauernverband die Zahlungsmethode Twint an, wie die «Thurgauer Zeitung» berichtete.

Das Prinzip des Vertrauens funktioniert noch

Bauernverbände zeigen sich trotz der Diebstähle zuversichtlich. Daniel Thür, der Leiter Kommunikation des Verbands Thurgauer Landwirtschaft, sagt:

«Das Prinzip des Vertrauens, auf dem die Hofläden beruhen, funktioniert mit wenigen Ausnahmen noch.»

Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes, schliesst sich dem an. Es gäbe schon Leute, die nicht ganz so ehrlich seien. Widmer sagt: «In den letzten drei Monaten gab es – so viel wir wissen – nicht vermehrt Einbrüche.»

Der Geschäftsführer sagt weiter: «Ich glaube nicht, dass es wegen der Diebstähle bald nur noch Hofläden-Automaten geben wird.» Diese seien zum Teil sinnvoll. «Bei einer hohen Frequenz von Besuchern setzen die Bauern auf einen Laden mit persönlichem Kontakt», sagt Widmer. Ausserdem wäre es schade, wenn es nur Automaten geben würde.

«Hofläden haben einen gewissen Reiz und Charme.»

Kassen mehrmals leeren und Kameras installieren

Einige Hofläden in der Ostschweiz haben auf die digitale Zahlungsmethode Twint gewechselt, um sich unter anderem vor Diebstählen zu schützen. Nicht alle machen es so. Stattdessen werden die Kassen regelmässig geleert, wie es auch die Polizei empfiehlt. Diesen Ratschlag befolgt auch das Team vom Bubentaler Hof in Flawil. Erfahrungen mit Diebstählen im Hoflädeli des Betriebs hat Köchin Anita Kuratli bisher nicht gemacht. Sie sagt:

«Wir haben schon seit geraumer Zeit eine Videoüberwachung installiert und schliessen den Hofladen über Nacht ab.»

Ausserdem sei immer jemand im oder in der Nähe des Hoflädelis.

«Glücklicherweise sind wir bisher verschont worden», sagt auch Daniel Lehner, der Frick’s Hoflädeli mitsamt dem dazugehörigen Betrieb in Oberbüren übernommen hat. Dass sich bislang noch kein Dieb in sein Hoflädeli getraut hat, schiebt Lehner auf die gute Lage an der Hauptstrasse – zu beleuchtet für zwielichtige Streiftouren. Und: Das Hoflädeli wird bedient.