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«Wir haben Angst vor einer Überreaktion»: HSG-Professoren fürchten um ihre Freiheiten

Als kantonale Wirtschaftsuniversität spielt die HSG auch in der Spitzenliga der europäischen Business Schools mit. Doch nach den jüngsten Skandalen sehen Professoren ihr Erfolgsmodell durch die Politik bedroht.
Michael Genova
Die Hälfte ihres Budgets erwirtschaftet die Universität St. Gallen selbst. (Bild: Michel Canonica)

Die Hälfte ihres Budgets erwirtschaftet die Universität St. Gallen selbst. (Bild: Michel Canonica)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Selbstkritisch, reflektiert und lernbereit – so präsentierte sich HSG-Rektor Thomas Bieger kürzlich am Dies academicus. Und er gelobte Besserung. Mit einer Reihe von Massnahmen werde die Universität St. Gallen Spesenbezüge und Nebenverdienste von Professoren neu regeln. In seiner Rede beschwor Bieger aber auch die unternehmerischen Freiheiten der HSG-Institute. Sie seien nötig, damit eine öffentliche Hochschule wie die HSG auch künftig mit privaten Universitäten mithalten könne.

Auf dem Rosenberg wächst zurzeit die Unruhe. Die Professoren fragen sich vor allem eines: In welcher Weise werden die politischen Parteien Einfluss auf die zurzeit laufende Überarbeitung des Universitätsgesetzes nehmen? Werden die Politiker eine radikale Einschränkung der Drittmittelfinanzierung fordern oder gar eine Zentralisierung der relativ unabhängigen Institute?

Professoren wittern Angriff auf ihre Autonomie

Diese Fragen stellt sich auch Christoph Lechner, Professor für Strategisches Management und Direktor am Institut für Betriebswirtschaft. Für ihren Umgang mit Spesengeldern sei die HSG zu Recht gerügt worden. Lechner sagt:

«Wir haben aber auch Angst vor einer Überreaktion»

Die Fehler der Vergangenheit dürften nicht dazu führen, dass die Autonomie von Instituten und Professoren zu stark beschnitten werde. Problematisch wäre aus seiner Sicht, wenn Institute künftig nicht mehr Drittmittel generieren dürften und Professoren auf ihre Nebentätigkeiten verzichten müssten. «Dadurch würden die Wurzeln des Erfolgsmodells HSG beschädigt», sagt Lechner. Die HSG könnte im internationalen Wettbewerb der Wirtschaftsunis nicht mehr mitspielen.

Der wichtigste Pfeiler des viel zitierten Erfolgsmodells ist das besondere Finanzierungssystem der HSG: Die Hälfte des Jahresbudgets von rund 240 Millionen Franken kommt von Kantonen und Bund, die andere Hälfte finanziert die HSG selber (siehe Grafik). Die Institute müssen einen Teil ihrer Einnahmen durch Weiterbildungsangebote, Forschungskooperationen oder Gutachten für Unternehmen erwirtschaften. Übertragen auf Lechners Lehrstuhl bedeutet dies: Die öffentliche Grundfinanzierung sichert sein Professorengehalt sowie das Gehalt von zwei Assistentinnen oder Assistenten. Für die Löhne seiner weiteren fünf Mitarbeitenden in der Weiterbildung muss er selber aufkommen.

Es sei dieser hohe Anteil der Selbstfinanzierung, der die überregionale Ausstrahlung erst ermöglicht habe, argumentiert die HSG. Christoph Lechner sagt es noch deutlicher: «Der Kanton St. Gallen hat eine Universität, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann.» Das Finanzierungsmodell ist letztlich dafür verantwortlich, dass die HSG seit Jahrzehnten in zwei Welten zu Hause ist – dass sie zu einer Universität mit zwei Seelen geworden ist.

Im Wettbewerb mit den reichsten Privatunis

Auf der einen Seite ist die HSG eine kantonale Wirtschaftsuniversität, die allen Schweizer Studierenden mit einer Matura ohne Aufnahmeprüfung offensteht. Sie ist in den vergangenen Jahren so rasant gewachsen, dass am Platztor in St. Gallen ein neuer Campus entstehen soll, über den die Bevölkerung in zwei Wochen abstimmt. Auf der anderen Seite ist die HSG eine Kaderschmiede, die in der Spitzenliga der europäischen Business Schools mitspielt.

Wer verstehen will, in welchem Spannungsfeld sich die HSG dabei bewegt, muss einen Blick in die jährlichen Rankings der «Financial Times» werfen. Dort belegt die HSG zurzeit den vierten Rang der besten europäischen Business Schools – und ist die einzige öffentlich-rechtliche Hochschule in den Top Ten. Es ist ein Kampf mit ungleich langen Spiessen: Private Business Schools haben finanziell ganz andere Möglichkeiten. Sie können begehrten Professoren mehr bezahlen als die HSG, haben eine bessere Grundausstattung der Lehrstühle und sind mit neuen Ausbildungsprogrammen meist schneller auf dem Markt. Zum Vergleich: Die private Harvard Business School hat ein Stiftungsvermögen von 3,8 Milliarden US-Dollar.

Wäre es nicht besser, die Universität St. Gallen würde sich der Logik dieses Wettbewerbs entziehen, der auf lange Frist kaum zu gewinnen ist? «Die HSG wäre dann noch eine zweite Fachhochschule, die sich primär um die Region kümmert», gibt Lechner zu bedenken. Und für viele Arbeitgeber wäre sie ohne internationale Ausstrahlung weniger attraktiv. Man habe sich bewusst für den Spagat entschieden: zwischen regionaler Verankerung und internationalem Anspruch. Damit dieser Spagat allerdings gelinge, brauchten die Professoren Freiheiten.

Lechner meint damit auch die Freiheit, in der Privatwirtschaft Nebentätigkeiten auszuüben. Er sitzt im Verwaltungsrat der Helvetia Versicherung und war 18 Jahre beim Lebensmittelunternehmen Hügli im Verwaltungsrat tätig. Natürlich bedeute eine solche Tätigkeit auch ein zusätzlicher Verdienst, sagt Lechner. Doch viel wichtiger sei der Praxisbezug.

«40 Prozent der Beispiele in meinen Vorlesungen kommen aus meinen Verwaltungsratsmandaten.»

Ausserdem könne er durch die Tätigkeit in der Privatwirtschaft sein Beziehungsnetz ausbauen, was wiederum hilfreich sei für die Beschaffung von Drittmitteln.

Freiwilliger Verzicht auf VR-Präsidien

Doch Nebentätigkeiten in der Wirtschaft bergen auch Risiken und können den Ruf der HSG beschädigen. Dies hat der Fall von Lechners Kollegen Johannes Rüegg-Stürm gezeigt, der für seine Arbeit als VR-Präsident von Raiffeisen heftig kritisiert wurde. Die Alternative könne jedoch nicht sein, ganz auf solche Tätigkeiten zu verzichten, findet Lechner. Er plädiert für eine Selbstbeschränkung. «Als Professor kann man nicht gleichzeitig Verwaltungsratspräsident bei einem grösseren börsenkotierten Unternehmen sein», sagt er. Das sei zeitlich nicht zu bewältigen. Leichter vereinbar seien hingegen Mandate als gewöhnliches Verwaltungsratsmitglied.

«Die HSG braucht eine gute Mischung zwischen öffentlicher und privater Finanzierung», sagt Axel Lehmann, Chef der UBS Schweiz und ehemaliger HSG-Absolvent. Auch er warnt davor, wegen der Spesenaffäre das «hybride Modell» in Frage zu stellen. Im Wettbewerb mit internationalen Business Schools könne die HSG allerdings nur erfolgreich sein, wenn sie sich auf einige Leuchtturm-Projekte konzentriere. Gelungen sei ihr dies zum Beispiel beim Master für strategisches internationales Management, wo sie die weltweite Rangliste anführe. Darüber hinaus könnte sich die HSG künftig auf Themen konzentrieren, in denen die Schweiz traditionellerweise stark sei: auf das Innovationsmanagement, auf die Finanzwirtschaft oder auf kulturelle Fragen der grenzüberschreitenden Unternehmenstätigkeit.

SP fordert Korrekturen am Modell HSG

Die politische Diskussion im Kanton St. Gallen steht noch bevor. Für die SP ist klar, dass grundlegende Änderungen und Korrekturen am «Modell HSG» zwingend nötig seien. «Es gibt zahlreiche andere renommierte Universitäten, die mit weniger unternehmerischen Freiheiten als die HSG ausgestattet sind und sehr erfolgreich sind», sagt Co-Fraktionspräsidentin Laura Bucher. Es sei natürlich erfreulich, dass an der Universität St. Gallen viele Drittmittel erwirtschaftet würden. «Aber es ist wichtig, dass die Lehr- und Forschungsfreiheit nicht angetastet wird.» Diese Gefahr bestehe bei einem hohen Drittmittelanteil eher. Darüber hinaus will die SP auch die Nebentätigkeiten der Professoren unter die Lupe nehmen. Diese müssten klaren Regeln unterliegen und vor allem transparent offengelegt sein, sagt Bucher. «Und wir verlangen, dass eine Ablieferungspflicht gewisser Zusatzeinnahmen an die Universität geprüft wird.»

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