Die Zahl der Verschuldeten in der Ostschweiz steigt - Zahlen, Fakten und Tipps

Wie in der gesamten Schweiz nimmt auch in der Ostschweiz die Zahl der Überschuldeten zu. Der typische Schuldner ist männlich, über 40 und geschieden. Aber auch viele junge Erwachsene in der Ostschweiz haben mit Schulden zu kämpfen.

Text: Katharina Brenner, Grafik: Martina Regli
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Kann eine Person ihre Schulden nicht begleichen, kommt es zum Pfändungsvollzug – in über 90 Prozent der Fälle zur Lohnpfändung. (Bild: Thomas Trutschel/photothek.net)

Kann eine Person ihre Schulden nicht begleichen, kommt es zum Pfändungsvollzug – in über 90 Prozent der Fälle zur Lohnpfändung. (Bild: Thomas Trutschel/photothek.net)

Zwei Drittel der Betriebenen in der Ostschweiz sind Männer. Weil sie in Familien häufig Vertragspartner sind. Und weil geschiedene Männer die grösste Risikogruppe sind. Die «NZZ am Sonntag» titelte kürzlich: «Typischer Schuldner: Mann, 40, geschieden». Auch in der Ostschweiz führen Scheidungen und Unterhaltszahlungen neben Arbeitslosigkeit am häufigsten zu Schulden. Eine weitere Risikogruppe sind Alleinerziehende. Die 20- bis 30-Jährigen sind altersmässig die zweitgrösste Schuldnergruppe in der Ostschweiz. Wer keine Lehre angefangen oder mehrere abgebrochen hat, ist am meisten gefährdet. Auszug aus dem Elternhaus und übermässiger Konsum sind weitere Gründe.

In der Stadt St.Gallen werden die 25- bis 30-Jährigen am häufigsten betrieben – vor allem wegen Krankenkassenprämien und Steuern. Diese Forderungen sind in allen Altersgruppen am verbreitetsten. In der Stadt St.Gallen wurden 2017 Pfändungen für 60 Millionen Franken vollzogen – 23 Millionen Franken an Gläubiger ausbezahlt, für 37 Millionen Franken Verlustscheine ausgestellt. Einheitliche Angaben dazu, wer in der Ostschweiz für welchen Betrag und warum gepfändet wird, gibt es nicht. Anfragen bei Betreibungsämtern zeigen aber Tendenzen auf.

Quelle: Ostschweizer Betreibungs- und Konkursämter

Quelle: Ostschweizer Betreibungs- und Konkursämter

Pfändungsvollzüge steigen an

Eine Person wird betrieben, weil sie eine Rechnung nicht bezahlt. Kann sie die Schulden nicht begleichen, kommt es zum Pfändungsvollzug, in über 90 Prozent der Fälle zu einer Lohnpfändung. Dem Schuldner bleibt ein Existenzminimum. Die Zahl der Pfändungsvollzüge ist ein Hinweis für die Zahl der Überschuldeten. Diese steigt in der Ostschweiz wie auch gesamtschweizerisch seit Jahren.

Quelle: Bundesamt für Statistik

Quelle: Bundesamt für Statistik

Privatkonkurse nehmen ab

Ein Privatkonkurs ist angebracht, wenn die Schulden so hoch sind, dass sie in keinem Verhältnis mehr zum Einkommen stehen. Im Kanton St.Gallen wurden letztes Jahr 54 Privatkonkurse eröffnet. Der tiefste Stand im Kanton, sagt Konkursamtsleiter Urs Benz. Dieser Rückgang sei nicht wirklich zu erklären. Es habe keine Praxisänderung gegeben.

«Bei den Verlockungen unserer Konsumgesellschaft könnte man meinen, dass die Zahl der Privatkonkurse eher zunehmen würde.»

Auch im Thurgau und in Ausserrhoden ist die Tendenz deutlich abnehmend. Schweizweit wurden 2017 hingegen die meisten Privat- und Firmenkonkursverfahren eröffnet seit 2008. Innerrhoden hatte 2017 nur einen Privatkonkurs und keinen in den Jahren davor. Der Innerrhoder Betreibungs- und Konkursamtsleiter Johannes Wagner geht davon aus, das habe damit zu tun, «dass sich die Leute kennen und man nicht wie in einem grösseren Ort in der Anonymität versinken kann». Was in der Ostschweiz zunimmt, sind überschuldete, ausgeschlagene Erbschaften. Dies dürfte unter anderem damit zu erklären sein, dass immer mehr Personen zu Lebzeiten Schulden hatten, sagt Urs Benz. Firmenkonkurse nehmen in der Ostschweiz tendenziell ab. Im Kanton St.Gallen stieg die Zahl jedoch von 388 im Jahr 2016 auf 408 im Jahr 2017 an.

Quelle: Bundesamt für Statistik

Quelle: Bundesamt für Statistik

Junge Erwachsene suchen vermehrt Rat

Die grösste Gruppe der Schuldner sucht am häufigsten Rat in den Schuldenberatungen der Caritas St.Gallen/Appenzell und der Caritas Thurgau: alleinstehende Männer zwischen 41 und 50. In der Ostschweiz fanden letztes Jahr insgesamt 764 Beratungen statt – vor Ort, am Telefon, online. Lorenz Bertsch, Leiter der Schuldenberatung Caritas St.Gallen/Appenzell sagt:

«Wir beraten vor allem Personen, die im Tieflohnsegment arbeiten.»

Für Familien mit mehreren Kindern werde es immer schwieriger. Und die Zahl der 18- bis 25-Jährigen, die Rat suchen, steige an. Im Bereich Prävention müssten deshalb dringende Schritte eingeleitet werden, so Bertsch.

Wie sich Schulden vermeiden lassen

Thomas Knill von der Fachhochschule St.Gallen ist Experte für Sozialhilfe und Armut. Seine Ratschläge gegen Verschuldung:

  • Kostenbewusstsein entwickeln: Das Erstellen eines Budgets hilft, Fixkosten transparent zu machen. Es kann sinnvoll sein, die Aufwände gewisser Posten über einen Zeitraum aufzuschreiben. Bei den Kosten für auswärtiges Mittagessen und ÖV weichen Schätzungen gerne ab.
  • Auf Kreditkarten verzichten: Kreditkarten belasten die Bezüge erst am Ende des laufenden Monates. Demgegenüber belasten Bargeld und EC-Karten das Konto unmittelbar. Diese beiden Zahlungsarten fördern damit das Kostenbewusstsein.
  • Auf Ratenzahlungen verzichten: Ratenzahlungen und Kredite verursachen in aller Regel Zinskosten in teilweise zweistelliger Prozenthöhe. Zudem greift man auf Geld zu, das man erst in der Zukunft erhält. Das schränkt einen in seiner Flexibilität ein.
  • Geld zurückhaltend ausleihen: Vor allem junge Erwachsene leihen häufig Geld an Freunde und innerhalb der Familie aus. Was wohl in den meisten Fällen kein Problem ist, kann bei zu hoher Häufigkeit und Höhe der Beträge zu erheblichen Problemen führen.
  • Bei Abos aufpassen: Gerade in knappen finanziellen Verhältnissen ist bei bindenden Abos Zurückhaltung geboten. Hier ist aber zu beachten, dass gerade Prepaid-Abos teils höhere Nutzungskosten verursachen als ein massgeschneidertes Abo.

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