Die Waadt ist urban geworden

LAUSANNE. Der Kanton Waadt, Gast an der diesjährigen Olma, hat wunderbare Landschaften und eine traditionsreiche Landwirtschaft. Doch den Ton geben heute die städtischen Gebiete an. Zugezogen sind nicht nur viele Menschen aus aller Welt, sondern auch potente Unternehmen.

Denise Lachat
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Die Bilderbuch-Seite der Waadt: Die Weinberge des Lavaux. (Bild: ky/Andrée-Noelle Pot)

Die Bilderbuch-Seite der Waadt: Die Weinberge des Lavaux. (Bild: ky/Andrée-Noelle Pot)

Derart unvermittelt erschliesst die Waadt ihre landschaftliche Pracht dem Zugreisenden, dass manch einem das Herz übergeht beim Anblick der Rebberge und des blauen Sees: Bei der Ausfahrt aus dem SBB-Tunnel in Chexbres, wo die weltberühmten Terrassen des Lavaux in den Lac Léman stürzen, wird es regelmässig still im Abteil. Kein Wunder, sagt der Schweizer Volksmund, dass Deutschschweizer exakt an dieser Stelle ihr Retourbillett fortwerfen und sich zum Bleiben entschliessen. Geblieben sind viele, nicht nur Deutschschweizer, sondern auch Fremde aus aller Welt, ermuntert durch die offene, tolerante Art der Einheimischen.

Anziehung mit Schattenseiten

Die Waadt ist ein kosmopolitischer Kanton, in dem 160 verschiedene Nationalitäten zusammenleben und der Anteil der ausländischen Bevölkerung fast 29 Prozent erreicht. Und ihre Anziehungskraft ist noch gestiegen, seit die Schweiz und die EU die Personenfreizügigkeit besiegelt haben. So vermeldet das kantonale Statistikamt, dass sich ein Fünftel der in die Schweiz zugezogenen Ausländer in der Waadt niedergelassen hat, mehr als anderswo im Land.

Die Offenheit dieses Kantons spiegelt sich eindrücklich auch in der Politik: So wurde der Hauptort Lausanne mit seinen 39 Prozent Ausländern lange von sieben Stadträten regiert, deren vier nicht aus Schweizer Familien stammen, sondern aus Italien, Ägypten, Spanien und Frankreich. Und die Vielfalt wird weiterwachsen, nachdem die neue Kantonsverfassung auch über 80 000 Ausländern in der Waadt das aktive und passive Wahlrecht in ihren Gemeinden zugesteht.

Die grosse Anziehungskraft der Waadt hat indes ihre Schattenseiten. Verstopfte Autobahnen und überbesetzte Züge zeigen, dass die Infrastruktur am Genfersee mit der Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung nicht Schritt hält. Die Petition für eine dritte Autobahnspur sowie die nachdrückliche Forderung nach einem durchgehenden dritten Gleis zwischen Lausanne und Genf zeugen ebenso davon wie verärgerte Pendler, denen der tägliche Kampf um einen Sitzplatz zum Hals heraushängt.

Was im Grossen gilt, stimmt auch im Kleinen. Ein Beispiel bietet das kleine Städtchen Rolle am Genfersee, das in jüngster Vergangenheit mit einem spektakulären Zuzug von internationalen Schwergewichten wie Yahoo von sich reden machte. Denn in den nächsten zwei Jahren werden eine Verdoppelung der heute rund 2000 Arbeitsplätze sowie eine Zunahme der Bevölkerung von 5000 auf 7000 Personen erwartet. Gemeindepräsident Daniel Belotti sagt: «Dieses Wachstum müssen wir zunächst einmal verdauen.» Jetzt werden Pläne für eine Umfahrungsstrasse und für eine Buslinie gewälzt.

Reiches kulturelles Leben

Der Waadtländer Chansonnier, Dichter und Kabarettist Jean Villard Gilles (1895–1982) sagt es in einem seiner Gedichte: «On a un bien joli canton.» Vom Reiz der Waadt liessen und lassen sich Schriftsteller ebenso betören wie Manager internationaler Firmen. Medtronic in Tolochenaz gehört zu den spektakulärsten Beispielen erfolgreicher internationaler Unternehmen, die ihren Sitz am Genfersee eingerichtet haben; innert weniger Jahre ist das Personal von 45 auf 800 gewachsen. Es sind Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung, von denen die Waadt gerne mehr hätte. Denn die in diesem Jahr erstmals erhobenen Zahlen zum Bruttoinlandprodukt zeigen, dass die Waadt im vergangenen Jahrzehnt zwar überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze geschaffen hat, punkto Wertschöpfung aber hinter dem nationalen Mittel herhinkt.

Arbeitsfrieden und günstige Steuerkonditionen allein erklären nicht, warum sich so viele internationale Unternehmen am Lac Léman niederlassen. Die Schönheit dieses ungemein vielfältigen Kantons spielt eine ganz wesentliche Rolle im Standortwettbewerb. Denn wer Lebensqualität sucht, kommt in der Waadt voll auf seine Rechnung. Zwischen See und Gletscher finden sich unzählige Erholungsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten.

Hinzu kommt ein reiches kulturelles Angebot, das sich längst nicht nur auf die Hauptstadt Lausanne konzentriert. Auch in den vielen kleinen Städten und Städtchen lassen die Waadtländer Literatur, Theater, Tanz und Musik von beachtlicher Qualität blühen; sie pflegen ihre Traditionen an Schützenfesten und experimentieren gleichzeitig auf der Theaterbühne. Wo beim Aufzählen beginnen? Bei Charles Ferdinand Ramuz, dem Waadtländer «Übervater» der frankophonen Literatur, bei Jacques Chessex, dem einzigen Prix-Goncourt-Träger der Schweiz, oder eben bei Gilles, der in Paris Erfolge feierte? Und dabei die von Maurice Béjart begründete Balletttradition nicht vergessen oder den Rapper Stress, dessen Songs sich begeisterte Deutschschweizer Jugendliche aufs Natel laden.

Tiefgreifende Veränderung

Die Waadt hat so viele im In- und Ausland bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht, dass man ihr den stolzen Spruch «y en a point comme nous» (so wie wir ist keiner) leichten Herzens nachsieht – er ist ohnehin fast immer selbstironisch gemeint.

Es ist allerdings nicht lange her, da wurde der Kanton Waadt in der übrigen Schweiz nicht mehr richtig ernst genommen, wie der freisinnige Waadtländer Finanzdirektor Pascal Broulis betrübt feststellen musste. Permanent war der Kanton wegen seiner katastrophalen Finanzlage in den Schlagzeilen, dann folgte die Krise um die abgewiesenen Asylsuchenden. Kurz, den Waadtländer Regierungsräten wurde von ihren Kollegen in anderen Kantonen bedeutet, sie sollten endlich Ordnung schaffen bei sich. Darob geriet sogar der sprichwörtliche Waadtländer Gleichmut ins Wanken: Es war eine schmerzliche Erfahrung für den drittgrössten Schweizer Kanton, der stets einen Sitz im Bundesrat belegt hatte. Jean-Pascal Delamuraz galt plötzlich als letzter Vertreter einer Zeit, als die Waadt dem Bund noch als Schlüsselkanton für die Romandie galt.

Diese Durststrecke ist heute überwunden, die Finanzen sind saniert, und das angeknackste Selbstbewusstsein der Waadtländer ist wieder intakt. Richtig Schub gewonnen hat es kürzlich dank der Eröffnung der Lausanner U-Bahn, welche die Mobilität in der Grossregion grundlegend verändern wird. Vier Tage lang haben die Waadtländer ihre sonst eher beschauliche Hauptstadt in einen quirligen Festort verwandelt. Man kann den Stolz auf den lächelnden Gesichtern durchaus verstehen. Immerhin beschlossen die Waadtländer die Investition in das Grossprojekt zu einer Zeit, als die Finanzlage noch miserabel war.

Bereits träumt die Waadt von den nächsten Wahrzeichen: einem Kunstmuseum am See und einem 80 Meter hohen Messeturm. Es sind dies die äusseren Zeichen einer tiefgreifenden Veränderung, die den früheren Bauernkanton schon vor Jahren erfasst hat. Der behäbige, urfreisinnige, von der Landwirtschaft und einer fast autarken Industrie geprägte Kanton ist urban geworden. Über 75 Prozent der Bevölkerung leben heute in den städtischen Gebieten. Umso weniger lassen sich die Waadtländer Schnoddrigkeiten von den Nachbarn aus Genf gefallen: Als Stadtrat Patrice Mugny (Grüne) die Waadt jüngst als «rupestre» (was etwa so viel wie hinterwäldlerisch heisst) etikettierte, erntete er geharnischte Reaktionen.

Politische Gewichte verschoben

Als Folge der Urbanisierung verschieben sich die Gewichte innerhalb der politischen Blöcke: Rechts ist die SVP gewachsen, links haben die Grünen zugelegt. In Lausanne belegen die SP, die Grünen und die PdA inzwischen sechs von sieben Regierungssitzen. Diese links-grüne Welle hat nicht nur die Hauptstadt, sondern weite Teile des Kantons erfasst. Und erstmals hat die Veränderung der Waadtländer Gesellschaft auch auf die Vertretung im Bundeshaus abgefärbt; linke und rechte Parteien halten in der Bundesversammlung je gleich viele Sitze.

Übrigens: Falls sich die Deutschschweizer wundern sollten, dass die Waadt mit Joseph Zisyadis den einzigen kommunistischen Nationalrat der Schweiz stellt: Extremismus wird in diesem behäbigen, auf Ausgleich bedachten Kanton erfolgreich eingemittet, und ein Hitzkopf ist auch der Pfeife rauchende Hobbykoch Zisyadis nicht.

Keiner der Waadtländer Politiker verkörpert den Ausgleich derzeit wohl besser als der freisinnige Finanzdirektor Pascal Broulis, oder anders gesagt: Kaum ein anderer Politiker spiegelt die Vorliebe der Waadtländer für ausgewogene Kompromisse klarer als der beliebte Zentrumspolitiker, der mit dem besten Resultat aller Kandidaten in der Regierung bestätigt worden ist. Denn die Waadtländer sind in der Regel, wie sie gerne lachend von sich selbst erzählen, «ni pour, ni contre, bien au contraire»: weder dafür noch dagegen, ganz im Gegenteil.

Ausdruck der Urbanität: Neueröffnete Lausanner Métro. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

Ausdruck der Urbanität: Neueröffnete Lausanner Métro. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

Stolz auf Traditionen: Empfang für den Grossratspräsidenten. (Bild: ky/Dominic Favre)

Stolz auf Traditionen: Empfang für den Grossratspräsidenten. (Bild: ky/Dominic Favre)

Attraktiv für Welt-Firmen: Die erfolgreiche Medtronic in Tolochenaz. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Attraktiv für Welt-Firmen: Die erfolgreiche Medtronic in Tolochenaz. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

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