Die vielen Tode des Gidio H.

Zwei Ausserrhoder Gemeinden feiern jeden Aschermittwoch das Hinscheiden des Gidio Hosestoss. In Herisau wird ihm jeweils ein Leckerli zum Verhängnis, in Waldstatt bestimmt ein Schüler die Todesursache der Fasnachtsfigur.

David Scarano
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Gidio, Fasnacht, Umzug, Brauchtum, Brauch, verkleiden, Kostuem (Bild: Martina Basista)

Gidio, Fasnacht, Umzug, Brauchtum, Brauch, verkleiden, Kostuem (Bild: Martina Basista)

HERISAU/WALDSTATT. Er ist ungefähr zwei Meter lang, etwas bleich im Gesicht, aber gut gekleidet. Mit Frack und Zylinder liegt der Unglücksrabe Gidio Hosestoss auf einem Handwagen. Das wichtigste Merkmal ragt aus seinem Mund: ein Leckerli. An diesem ist er elendiglich erstickt – wieder einmal. Der Sohn von Josua Silvester Hosestoss und Lisebös Eulalia Hosestoss, geborene Chuefödle, ist ein Wiederholungstäter und wird damit seinem Namen gerecht. Gidio, ein alter Gassenbubenausdruck, bedeutete so viel wie «Dummkopf». Und als «Gidio» begeht er jedes Jahr den gleichen Fehler: Er kann seiner Naschsucht nicht widerstehen, ein geklautes Leckerli wird ihm zum Verhängnis.

Fröhliche Trauergemeinde

Immer an Aschermittwoch begleiten ihn Herisauer Schülerinnen und Schüler auf seiner letzten Reise. Sein Hinscheiden nehmen sie aber gelassen hin. Der Trauerzug ist kein typischer: Die Kinder und Jugendlichen sind beim lauten und bunten Umzug durch das Dorf ausgelassen. Sie lachen, werfen Konfetti und treiben – wie es sich für die Fasnacht gehört – allerhand Schabernack. Gidio ist ein Fasnachtsbrauch, den nur die Ausserrhoder Gemeinden Herisau und Waldstatt begehen. In diesem Jahr stirbt der Herisauer Gidio zum 169. Mal. Wo die Wurzeln des Brauchs liegen, ist trotz detailreicher Schilderung nicht restlich geklärt. Für Johannes Schläpfer, der 1988 ein Buch zum Thema verfasste, soll eine Begebenheit 1844 in Gossau drei Herisauer dazu inspiriert haben. Ein Neffe des damaligen Posthalters musste einen vergessenen Brief ins benachbarte Dorf bringen. Begleitet wurde er von zwei Söhnen des Gemeindeläufers. In Gossau sah das Trio Männer, die hinter einem Strohmann heulend durch das Dorf zogen. Von diesem Treiben tief beeindruckt, organisierten sie daraufhin einen ähnlichen Umzug durch Herisau. Belege für diese Schilderung gibt es wahrlich nicht. Die erste schriftliche Nennung stammt aus dem Jahre 1872. In einem Zeitungsbericht beschreibt ein Leser das Treiben. Die Waldstätter liessen sich durch die Herisauer anstecken. Waldstatts Gidio ist jünger, er dürfte etwas über hundert Jahre alt sein.

Leichnam auf Leiterwagen

Beim Gidio-Umzug in Herisauer schreitet jeweils eine Guggenmusik-Formation voran. Ihr folgt der Leichnam auf einem Leiterwagen, gestossen unter anderem vom Gidio-Pfarrer, der wie die anderen Protagonisten aus der Oberstufe stammt. Eulalia Fadehäx, wie die Mutter des Verstorbenen häufig auch genannt wird, führt die fröhliche Trauergemeinde an. Begleitet wird sie von Blaariwiibern, die geräuschvoll Tränen vergiessen, sowie von Mitgliedern der Ehrengarde, die alte Waffenröcke, Gewehre oder Degen tragen. Sogenannte Kässeler sammeln in den Reihen der Zuschauer Geld. Der Erlös dient der Finanzierung der bis zu 6000 Leckerlis, die am Ende des Umzugs an alle Teilnehmer verteilt werden. Hinter der Trauergemeinde folgen die Sujetwagen, die vor allem von den Schulen gefertigt werden. Sie nehmen spöttisch zu aktuellen Dorf- und Weltgeschichten Bezug.

Jedes Jahr neue Pfarrperson

Die Gidio-Veranstaltungen in Herisau und Waldstatt unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten. Im Gegensatz zu Herisau sind die Schüler in Waldstatt selber für den Umzug verantwortlich. Cheforganisatorin ist die Gidio-Pfarrperson, die jährlich neu aus dem Kreis der zweiten Oberstufe bestimmt wird. Die Hauptaufgabe der 14-Jährigen oder des 14-Jährigen ist das Schreiben und später das Halten der Trauerrede. Während in Herisau die Todesursache immer die gleiche ist, stirbt der Waldstätter Gidio jährlich auf neue Weise – woran genau, das bestimmt die Schülerin oder der Schüler.

Makabre Anspielung auf Merz

Wie beim Nekrolog lässt sich die Waldstätter Pfarrperson bei der Todesursache ebenfalls von aktuellen Geschehnissen inspirieren. Dabei sind die Schüler mal mehr oder weniger makaber. Nach den Debatten um die unsicheren Zebrastreifen starb Gidio Hosestoss im vergangenen Jahr beim Überqueren einer Strasse. 2009 erlag er einem Herzinfarkt – und dies als Bundesrat. Die Anspielungen auf Hans-Rudolf Merz waren offensichtlich: Nur wenige Monate zuvor hatte der Herisauer Magistrat einen Infarkt erlitten.

Die Todesursache ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Die jugendlichen Pfarrpersonen verraten diese erst am Ende des Umzugs. Woran lässt sie den Waldstätter Gidio Hosestoss wohl diesmal sterben?