Fachgremium gegen sexuelle Übergriffe im Bistum St.Gallen: «Die Verletzungen verjähren nie»

2002 wurde das Fachgremium gegen sexuelle Übergriffe im Bistum St.Gallen gegründet. Jeder einzelne Fall sei für die Betroffenen eine Katastrophe, sagt Georg Schmucki. Er war der Mann der ersten Stunde und hat 16 Jahre lang im Gremium gearbeitet.

Interview: Silvan Lüchinger
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Georg Schmucki, Gründer des Fachgremiums: «Jedes Gespräch wird protokolliert.» (Bild: Benjamin Manser)

Georg Schmucki, Gründer des Fachgremiums: «Jedes Gespräch wird protokolliert.» (Bild: Benjamin Manser)

Georg Schmucki, das Fachgremium wurde 2002 gegründet – mit der üblichen Ostschweizer Verspätung?

Im Gegenteil. Das Bistum St. Gallen hat hier Pionierarbeit geleistet. Es war die erste Fachstelle dieser Art in der Schweiz.

Was gab den Anstoss zur Gründung?

Kurz vor Ostern 2002 wurde im Sarganserland ein Pfarrer wegen schweren Missbrauchs zweier Buben verhaftet. Als das Bistum den Fall an die Öffentlichkeit trug, stürzte eine Flut von Medienanfragen und Reaktionen auf die Bistumsleitung ein. Der damalige Bischof Ivo Fürer fragte mich, ob ich bereit sei, als Ansprechperson zu wirken.

Warum gerade Sie?

Ich war damals auch als Gefängnisseelsorger tätig und hatte Erfahrung im Umgang mit Opfern und Tätern.

Die Bistumsleitung war überfordert, Sie allein nicht?

Es haben sich rasch weitere Betroffene gemeldet – und ich habe gemerkt, dass das allein nicht zu bewältigen war. Darum habe ich Fachleute beigezogen. Drei Frauen, alle nicht im Dienst der Kirche stehend – und nicht alle katholisch. Dazu kam ein Vertreter des Bistums. Erst das war die eigentliche Gründung des Fachgremiums.

Wie viele Fälle hat das Gremium seither bearbeitet? Wie viele Per­sonen waren betroffen?

Ich weiss beides nicht auswendig, und wenn ich es wüsste, würde ich keine Zahlen nennen. In Zahlen lassen sich unendliche Fantasien interpretieren. Nur so viel: Jeder einzelne Fall ist für die Betroffenen eine Katastrophe.

Wie sieht das Verhältnis Männer/Frauen aus?

Auf der Täterseite hatten wir ausschliesslich mit Männern zu tun. Auf der Opferseite dürften es eher mehr Buben und männliche Jugendliche gewesen sein. Vereinzelt sind auch erwachsene Frauen an uns gelangt.

Wie läuft die Bearbeitung eines Missbrauchsvorwurfes konkret ab?

Wir versuchen, mit Betroffenen sofort Kontakt aufzunehmen. Wir schlagen einen neutralen, geschützten Ort vor, der auch für das Opfer gut erreichbar ist. Dabei sind wir immer zu zweit.

Werden die Gespräche aufge­zeichnet?

Jedes Gespräch wird protokolliert. Erst wenn dieses Protokoll gegengelesen, korrigiert und unterzeichnet ist, geht es ins Fachgremium. Einsicht in diese Protokolle hat auch der Bischof.

"Wenn ein Siloballen platzt, dann
stinkt es gewaltig.»

Wer entscheidet, welche Konsequenzen ein Täter zu tragen hat?

Das Fachgremium stellt Antrag an den Bischof, respektive die kirchlichen Anstellungsbehörden. Beispielsweise, dass ein Täter nicht mehr eingesetzt werden darf, wo er berufsbedingt mit Kindern zu tun hat. Das gilt auch, wenn eine Tat strafrechtlich verjährt ist. Bischof Ivo und Bischof Markus haben unsere Empfehlungen immer ernst genommen und umgesetzt.

Wie geht es weiter, wenn ein Fall strafrechtlich relevant ist?

Wenn Minderjährige betroffen sind, schalten wir nach Rücksprache mit den Erziehungsberechtigten die Polizei ein. Erwachsene Opfer fordern wir auf, sich an die Polizei zu wenden.

Wo finden die Gespräche mit Tätern statt?

Ebenfalls an einem neutralen, geschützten Ort. Falls der Täter nicht mehr lebt, finden wir mit Hilfe des Personalregisters heraus, wer seinerzeit in der entsprechenden Pfarrei gearbeitet hat und als Täter in Frage kommt.

Gibt es so etwas wie eine materielle Wiedergutmachung?

Es gibt keine materielle Wiedergutmachung. Die Bischofskonferenz hat aber einen Genugtuungsfonds eingerichtet, an den das Fachgremium im Auftrag der Betroffenen Antrag stellt. Ganz eindrücklich war etwa der Fall eines 80-jährigen Mannes, der sich 70 Jahre nach der Tat an uns gewandt hat. Vorher hatte er mit niemandem über seinen Missbrauch geredet. Er erhielt aus dem Fonds eine Genugtuungssumme. Im Verlauf der Aufarbeitung hat er auch erstmals die Gerichtsakten zu seinem damaligen Peiniger gelesen.

Wie sieht die Entwicklungskurve der Fallzahlen seit 2002 aus?

Die Kurve zeigt eine Wellenbewegung, je nach Aktualität in den Medien. Zuerst steigt sie an, flacht dann ab und zeigt nachher wieder Ausschläge nach oben. Als nach der deutschen Internatsdiskussion auch Fälle aus der Schweiz bekannt wurden, gab es einen solchen Buckel. Ebenso nach Bekanntwerden der Schicksale vieler Heimkinder. Ich habe das auch schon mit Siloballen verglichen: Der Mensch kann enorm viel einpacken und verdrängen, aber wenn der Ballen platzt, dann stinkt es gewaltig.

Warum ist der Missbrauch im ­kirchlichen Umfeld vor allem ein katholisches Problem?

Vertreter der evangelischen Kirche sagen mir, das Problem gebe es dort auch. Die hierarchisch organisierte katholische Kirche bietet eine stärker beachtete Projektionsfläche. Der letzte und der vorletzte Papst haben das noch verstärkt, weil sie ständig über Sexualmoral geredet und einen hohen Anspruch aufgebaut haben.

Spielt der Zölibat eine Rolle?

Auch. Der Zölibat kann eine sinnvolle Lebensform sein. Wichtiger ist: Verzicht auf Sexualität, Unterdrückung der Sexualität lässt sich kombinieren mit Macht. Ein katholischer Priester handelt als Stellvertreter Christi (in persona Christi). Das ist eine enorme Versuchung, Macht auszuüben. Der Zölibat ist für beziehungsschwache Leute, die vielleicht sogar Angst vor der Sexualität haben, eine Möglichkeit, in diesen Stand zu fliehen.

Die katholische Kirche hat bis heute ein zwiespältiges Verhältnis zu Körperlichkeit und Sexualität.

So lange kein Wechsel von Leibfeindlichkeit zu Leibfreundlichkeit stattfindet, so lange eine sexualitätsfeindliche Moral gepredigt wird, so lange ist es auch heuchlerisch, wenn es im Nachhinein heisst: «Es tut uns leid.»

Würde die Zulassung von Frauen zum Priestertum etwas ändern?

Männerbünde führen oft zu Exzessen. Das geht über die Priesterkaste hinaus und lässt sich auch im Militär oder im Sport beobachten. Ob Frauen im Priesterberuf an der Anzahl Missbräuche etwas ändern würden, weiss ich nicht. Auf jeden Fall müssen Beziehungsfähigkeit, Gemeinschaftsfähigkeit als Kriterien für die Zulassung zum Priesterberuf mehr Gewicht erhalten. Unabhängig von Zivilstand und Geschlecht.

Was tut das Bistum in Sachen ­Prävention?

Alle Kandidatinnen und Kandidaten für den Seelsorgeberuf führen ein Gespräch mit einem Psychologen. Es gibt ein Präventionskonzept für alle Seelsorgenden und ein spezielles für die Jugendseel­sorge. Viele in der Seelsorge Tätige sind hellhörig geworden und melden sich bei uns, wenn Beobachtungen und Wahrnehmungen sie verunsichern.

Reicht das?

Es gibt in unserer Gesellschaft tatsächlich immer noch die Scheu, vermeintlich jemanden anzuschwärzen. Wichtig ist: Wenn jemand unsicher ist, dann soll er sich an uns oder an andere Fachleute wenden. Sie unterstehen wie das Fachgremium der Schweigepflicht.

Was haben die letzten 16 Jahre mit Ihrem Priesterbild gemacht?

Ich bin noch nüchterner geworden. Noch skeptischer gegenüber klerikalem Getue und Selbstbeweihräucherung in der Männerkirche. Vielleicht aber auch menschennaher: Der Täter bleibt ein Täter, aber er ist immer auch ein Mensch.

Was bleibt der prägendste Eindruck von der Tätigkeit im Fachgremium?

Wie tief die Verletzungen bei den Opfern gehen. Wie lebenszerstörend und glaubenszerstörend Übergriffe sind, und wie lange es dauert, bis Betroffene darüber reden können. Ich verharmlose die kirchlichen Fälle nicht. Aber der Fokus darauf ermöglicht es, von Missbrauch in anderem Umfeld abzulenken. Nach wie vor passieren die meisten Übergriffe im Familien- und Freundeskreis.

Begeisterter Berggänger

Georg Schmucki (1942) war 2002 Gründer und bis Ende August Mitglied des Fachgremiums gegen sexuelle Übergriffe im Bistum St. Gallen. Als Priester war er vorwiegend in der Region St. Gallen tätig, zuletzt in Uzwil und Umgebung und vorher während vieler Jahre in Rorschach. Heute lebt der nach wie vor begeisterte Berggänger und Skitouren­geher wieder in St. Gallen. Dem Bistum steht er weiterhin für Aushilfen zur Verfügung. Nach wie vor gefragt ist Georg Schmucki zudem als Heiratspriester und bei Beerdigungen. (lü)