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Die umständliche Zählung von Jägern

Justizgeschichten
Rolf Vetterli

Die st. gallischen Jagdreviere werden alle acht Jahre neu vergeben. Wurde ein Gemeindegebiet in mehrere Reviere aufgeteilt, so ist die eine Hälfte für einheimische und die andere für auswärts wohnhafte Jäger bestimmt. Um ein solches Revier für Auswärtige bemühten sich zwei Gruppen. Es wurde der Jagdgesellschaft zu­geschlagen, die es schon bisher gepachtet hatte. Sie besorge ihre Aufgaben gut, während man bei der eben erst gegründeten Gesellschaft nicht wisse, wie die sich verhalten würde. Das Volkswirtschaftsdepartement erklärte jedoch auf Rekurs hin, die neue Gruppe sei grösser, und das gebe den Ausschlag. Es wies deshalb die Sache zurück an die Vorinstanz. Hierauf wandten sich die unterlegenen Bewerber an das Verwaltungsgericht.

Die Jagd hat im St. Gallerland eine bewegte Geschichte. Anfänglich durften alle Kantonsbürger frei jagen. Bald mussten sie allerdings ein Patent lösen und ein paar Franken dafür bezahlen. Die Studenten konnten immerhin noch gratis auf Singvögel schiessen. Als mehrere Tierarten fast ausgerottet waren, erhob sich eine öffentliche Diskussion, welches Jagdsystem am besten zur Regulierung des Wildbestandes geeignet sei. Es brauchte aber nicht weniger als neun Abstimmungen, bis das Volk sich im Jahre 1949 knapp für die Revierjagd aussprach.

Anschein willkürlicher Bevorzugung vermeiden

Seit kurzem ist nun das kantonale Amt für Natur, Jagd und Fischerei mit der Verpachtung der Jagdreviere betraut. Dabei hat es sich an bestimmte Vorgaben zu halten. Man wollte bei der Gesetzesrevision offenbar jeden Anschein einer willkürlichen Bevorzugung vermeiden – den sonst üblichen, an einen gewissen Familiennamen erinnernden Ausdruck dafür möchte ich lieber nicht verwenden. Nun steht Folgendes im Gesetz: Eine Jagdgesellschaft soll eine je nach Ausmass des Reviers festgelegte Mindestzahl von Mitgliedern haben und Gewähr für die Einhaltung der Jagdregeln bieten. Erfüllen mehrere Gruppen diese Grundanforderungen, so wird das Revier derjenigen zugewiesen, die am meisten Bewerber umfasst.

Die Beschwerdeführer meinten sinngemäss, es müsse auch weiterhin vor allem auf die Qualität der Jagdberechtigten ankommen und nicht bloss auf ihre Quantität. Sonst könnte ja im Extremfall eine Horde fanatischer Jäger ein Revier beanspruchen, die dann alles abschiessen würde, was ihr vor die Flinte käme. Das treffe nicht zu, entgegnet das Verwaltungsgericht gelassen, einer übermässig grossen oder sonst ungeeigneten Gruppe könne die Pacht durchaus verweigert werden. Danach erhalten die Beschwerdeführer Nachhilfeunterricht zur Gesetzesauslegung. Ausgangspunkt bildet immer der Wortlaut. Erweist dieser sich als eindeutig, so bleibt er mass­gebend. Erst wenn der Text verschiedene Lesarten zulässt, darf er nach dem Zweck der Norm interpretiert werden, und nur wenn triftige Gründe dafür sprechen, dass er gar nicht den wahren Sinn der Bestimmung wiedergibt, darf er ausnahmsweise korrigiert werden.

Hier erteilt das Gesetz die unmissverständliche Anweisung, ausschliesslich noch zu prüfen, welcher Jagdgesellschaft mehr auswärtige Bewerber angehören. Ihre Zahl zu erfassen, ist allerdings nicht ganz einfach. Es geht dabei zu wie in einem berühmten Abzählvers. Beide Gesellschaften haben je zehn Mitglieder. Bei der Gruppe A werden jedoch vier Jäger weggelassen: Eine Person ist mehr als 70 Jahre alt, eine wohnt nicht im Kanton, und zwei Leute sind Doppelpächter, welche ihrem anderen Revier den Vorrang gaben. Bei der Gruppe B werden zwei Jäger gestrichen, weil sie in der Standortgemeinde zu Hause sind.

Zwei weitere Personen haben zwar inzwischen auch das 70. Altersjahr vollendet. Sie feierten aber ihren runden Geburtstag erst im Laufe des Beschwerdeverfahrens, und das ist eine neue Tatsache, die nach dem sogenannten Novenverbot vom Verwaltungsgericht nicht mehr beachtet werden darf.

Der Richter rechnet nicht

Nun gehen die Akten zurück an die zuständige Amtsstelle. Eigentlich müsste man erwarten, dass sie ihrer neuen Verfügung den aktuellen Sachverhalt zugrunde legt. Dann würde sich zeigen, dass beide Jagdgesellschaften heute genau gleich gross sind, falls nicht zufällig noch ein Weidmann umgezogen ist. In einem oft zitierten lateinischen Sprichwort heisst es: «Judex non calculat» – der Richter rechnet nicht. Recht haben sie, die alten Römer! Das Rechnen lohnt sich nicht, wenn das Resultat jedes Mal anders ausfällt.

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