Die Totenglocken läuteten Tag für Tag: Als die Spanische Grippe in der Region Rorschach grassierte

Das neuartige Corona-Virus sorgt für Verunsicherung: Reihenweise werden Grossanlässe abgesagt, die Menschen werden zur Vorsicht aufgerufen, und auch in der Schweiz gibt es einen ersten Todesfall. Erinnerungen an eine Zeit, als die Spanische Influenza ihren Höhepunkt in unserer Region erreichte. In Rorschach und Goldach wurden gar Notspitäler eingerichtet.

Otmar Elsener
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Ein Lazarett zur Zeit der Spanischen Grippe in der Region Rorschach.
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Zeitungsausschnitte zeugen davon, dass in der Region Rorschach regelmässig über die Anzahl der Erkrankten berichtet wurde.
Das einstige Waisenhaus beherbergt heute die Musikschule Rorschach-Rorschacherberg. Während der Grippe 1918 diente es als Notspital.
Ein weiterer Zeitungsbericht zum Stand der Grippeepidemie.
Ein Lazarett mit Grippekranken in der Schweiz 1918.

Ein Lazarett zur Zeit der Spanischen Grippe in der Region Rorschach.

Bild: Archiv

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien erstmals am 1. November 2018.

Ein leichtes Fieber, Schnupfen, Schluckbeschwerden, Kopfweh, Husten – den im Juli 1918 von grippeähnlichen Symptomen betroffenen Menschen in unserer Region zeigte sich die Grippe vorerst als harmlos. Viele fanden es nicht notwendig, sofort einen Arzt zu konsultieren. Doch ohne diese Anzeichen ernst zu nehmen, begaben sie sich in Lebensgefahr, denn es gab kein Mittel, um einen Erkältungskatarrh von der epidemischen Grippe zu unterscheiden, die sich damals sehr rasch ausbreitete. Aus einem Grippefieber konnte aber eine gefährliche Lungenentzündung entstehen, die zu jener Zeit noch ohne Antibiotika häufig zum Tode führte.

Als diese Grippe-Epidemie in der Schweiz im Juni 1918 ausbrach, kannten weder die Ärzte noch die chemische Industrie Medikamente gegen die Ansteckung. Bei ganz schweren Lungenentzündungen standen die Ärzte machtlos da. Wie schnell sich die Krankheit ausbreitete, zeigten die wöchentlich im Ostschweizerischen Tagblatt publizierten Bulletins des Bezirksarztes über die Neuerkrankungen:

Am 20. Juli wurden im Bezirk 17 Erkrankungen verzeichnet, Ende August waren es bereits 73 in Rorschach und 173 im Bezirk.

Der Höhepunkt der Epidemie wurde in der letzten Oktoberwoche erreicht: 256 Neuerkrankungen in Rorschach und 577 im Bezirk. Die Zahl war aber beträchtlich höher (vermutlich 3000), denn nur etwa ein Drittel der Erkrankten war ärztlich angemeldet.

Waisenhaus wird Notspital

Die Behörden schlossen die Schulen und verboten den Vereinen alle Anlässe und Versammlungen. In allen Kirchen mussten die Gottesdienste gekürzt oder zum Teil abgesagt werden. Im Spital Rorschach wurden nur die schwer Erkrankten gepflegt. Das 1887 von der Ortsbürgergemeinde erbaute Waisenhaus (heute Musikschule) diente als Notspital:

Bild: Archiv Stadt Rorschach

Der Rorschacher Arzt Emil Klaus übernahm bereitwillig dessen Leitung als Anstaltsarzt. Im September und Oktober gab es wöchentlich bis zu 38 Grippe-Eintritte. Die im Waisenhaus von Ordensschwestern betreuten Waisen verlegte man ins Lehrerseminar, später ins 1914 neu erbaute Stella Maris Institut (heute PHS-Gebäude), wo dann alle Kinder ebenfalls an der Grippe erkrankten. Erst als die Influenza Ende November endlich abflaute, durften sie wieder ins Waisenhaus zurückkehren.

60 schwerkranke Soldaten in Feldbetten

Im Sommer 1918 waren wie anderswo auch in Rorschach und Umgebung viele Soldaten einquartiert worden, einerseits als Folge des – zu Ende gehenden – Ersten Weltkriegs, andererseits aufgrund des im November zu erwartenden Generalstreiks. Sie belegten mehrere Turnhallen, beispielsweise im Bedaschulhaus (heute Berufsschulzentrum Rorschach): Weil die meisten Soldaten an der Grippe erkrankten, wurde es zum Militärspital umfunktioniert. Zeitweise lagen dort 60 schwerkranke Soldaten in den Feldbetten.

Auch in Goldach kündigte ein Inserat der Gemeinde ein Grippespital an: «Der Einwohnerschaft zur Kenntnisnahme, dass unser Notspital im oberen Schulhaus in Betrieb gesetzt werden soll. Aufnahme finden alle Gemeindeeinwohner, die erkrankt sind und zu Hause nicht die genügende Pflege finden oder die es vorziehen, aus anderen Gründen der Spitalpflege teilhaftig zu werden. Gaben zwecks Einrichtung und Ausstattung des Spitals werden dankend entgegengenommen.»

Wegen der Ansteckungsgefahr wurden in einem anderen Inserat Personen aus Familien mit Grippekranken strengstens verboten, die damaligen kriegsbedingten Lebensmittel-Rationierungskarten persönlich abzuholen:

Bild: Tagblatt-Archiv 

Militärische Begräbnisse für Kriegsinternierte

Die ersten Todesfälle erschütterten und verängstigten die Bevölkerung, denn nun erschienen fast täglich Todesanzeigen in den zwei Rorschacher Tageszeitungen mit Texten wie «Die Grippe hat wieder zwei junge Menschenleben gefordert» oder «Die Grippe hat einem jungen, hoffnungsvoll in die Welt blickendem Menschenkind das Grab geöffnet».

Von den Kirchtürmen und Friedhöfen läuteten die Totenglocken häufiger. Es gab militärische Begräbnisse, auch für verstorbene Kriegsinternierte, die im alten und seit 1914 leer stehenden Stella Maris Institut an der Bäumlistorkelstrasse (heute Mobiliargebäude) untergebracht worden waren.

Teure Desinfektionsmittel

In der Antwort auf eine Interpellation im Gemeinderat erklärte Stadtammann Arnold Engensperger am 23. September, dass alle möglichen Massnahmen getroffen worden seien, um die Bevölkerung aufzuklären und zu vernünftigem Verhalten zu bewegen. Man habe gemäss der kantonalen Sanitätskommission Konzerte, Vergnügungsanlässe, Kinovorstellungen und Menschenansammlungen verboten und die Schulen geschlossen.

Desinfektionen werden auf Antrag jedes Arztes vorgenommen, die Desinfektionsmittel seien aber schwer erhältlich und teuer. Nach dem ersten Todesfall seien Massnahmen gefolgt betreffend Behandlung der Leichen: Einhüllen der Tücher in Karbollösung, sofortiges Einsargen, Verschrauben des Sarges und Transport in die Leichenhalle, Verbot der Menschenansammlungen auch auf dem Friedhof, nur noch stille Beerdigungen, Abdankung im Freien.

Wieder Schule nach 20 Wochen Unterbruch

Während im November in der Stadt und in den Dörfern des Bezirks noch wöchentlich bis zu sechs Menschen an den Folgen von Grippe-Lungenentzündungen gestorben waren, nahm die Zahl der Neuerkrankungen im Dezember ab.

In der zweitletzten Dezemberwoche wurden noch 87 gezählt, davon immerhin 53 allein in Rorschach. Kurz darauf hob der Stadtrat das Versammlungsverbot auf. Am 12. Dezember konnte auch der Schulbetrieb für die Mittel- und Oberstufe wieder reduziert aufgenommen werden, nach einem Unterbruch, der 20 Wochen gedauert hatte.

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