Die St.Galler Parteien im Formtest vor den Wahlen: Die Bürgerlichen sind im Verteidigungsmodus

Die grösste Partei im Kanton St.Gallen muss mit einem Sitzverlust rechnen. Hoffen dürfen dafür die Grünen und die Grünliberalen.

Janina Gehrig, Adrian Lemmenmeier, Andri Rostetter
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Wer bleibt, wer kommt? Barbara Keller-Inhelder (links), Yvonne Gilli.  Bilder: Keystone, Ralph Ribi

Wer bleibt, wer kommt? Barbara Keller-Inhelder (links), Yvonne Gilli. Bilder: Keystone, Ralph Ribi

Wie stehen die St.Galler Kantonal­parteien vor den Wahlen da? Wer ist in Form, wer muss mit Verlusten rechnen? Wer steckt sich zu hohe Ziele? Die Parteien im Formtest.

GLP: Mit Zuversicht in den Angriffsmodus

Nach dem Wahlerfolg 2011 erlitt die noch junge Partei 2015 ein Desaster. Schweizweit büssten die Grünliberalen fast die Hälfte ihrer einst zwölf Nationalratssitze ein. Auch die St. Galler GLP verlor mit der Patientenschützerin Margrit Kessler ihren einzigen Nationalratssitz. Das führten Experten auch auf die «halsbrecherische Listenverbindung» mit der serbelnden Piratenpartei zurück. Auch bei den Kantonsratswahlen 2016 verlor die GLP gleich drei von fünf Sitzen und damit die Fraktionsstärke. Dieses Jahr ist die Ausgangslage für die Grünliberalen deutlich komfortabler. Klima- und Energiethemen verschaffen der Partei Aufwind, die Grün im Namen trägt. Ziel der St.Galler GLP ist es, den vor vier Jahren verlorenen Sitz zurückzuerobern. Zwar dürfte die Partei bei den eidgenössischen Wahlen nicht im gleichen Masse zulegen wie etwa bei den kantonalen Wahlen in Zürich. Neben Sitzgewinnen in Zürich ist je ein Sitzgewinn in St. Gallen, im Thurgau und in Luzern aber nicht unrealistisch.

FDP: Mit zwei ehrgeizigen Kandidatinnen solide unterwegs

Für den St. Galler Freisinn hat das Jahr schlecht begonnen. Das erklärte Ziel, den Ständeratssitz nach Karin Keller-Sutters Wahl in den Bundesrat zu halten, wurde verfehlt. Ansonsten steht die FDP im Kanton einigermassen solide da. Im Kantonsrat holte die Partei in den Wahlen 2016 die CVP ein und liegt nun mit den Christlichdemokraten gleich auf. Auch den zweiten Nationalratssitz, der 2007 an die SVP verloren gegangen war, konnte der Freisinn 2015 zurückholen. Und die Chancen stehen gut, dass die FDP diese Sitze halten kann. Den einen dürfte der Bisherige Marcel Dobler verteidigen, der auch für den Ständerat kandidiert. Um den zweiten, freien Sitz ringen mit Susanne Vincenz-Stauffacher und Karin Weigelt zwei Frauen, die einen engagierten Wahlkampf führen. Gut möglich, dass einer dieser beiden der Sprung nach Bern gelingt.

SVP: Vor der Parteisonne ziehen Wolken auf

Im Kanton St.Gallen ist die SVP die mit Abstand wählerstärkste Partei. Ob es ihr allerdings gelingt, ihre fünf Nationalratssitze zu halten, ist fraglich – zumal dieser Sitz schon vor vier Jahren ein Restmandat war. Statt über Migration und fremde Richter dreht sich die öffentliche Debatte dieses Jahr um das Klima. Gemäss nationalen Umfragen wackeln schweizweit einige SVP-­Sitze. Im Kanton müssen Mike Egger und Barbara Keller-Inhelder zittern. Egger ist erst seit kurzem im Nationalrat, und Keller-Inhelder fällt in Bern wenig auf. Im Kampf um einen Sitz im Ständerat hat SVP-Kandidat Roland Rino Büchel einen schweren Stand. Würth und Rechsteiner sind die Favoriten, Marcel Dobler ein valabler Gegner innerhalb des bürgerlichen Lagers.


Das Tagblatt-Wahldossier


BDP: Nach kurzer Glanzzeit ein jahrelanger Krebsgang

Im Kanton St.Gallen ist die BDP nie auf einen grünen Zweig gekommen. Querelen waren eher die Regel als die Ausnahme, die Partei war ein Sammelbecken für politisch unerfahrene Quereinsteiger, die den raschen Aufstieg suchten. Eine kurze Glanzzeit erlebte die Partei in den Jahren von 2012 bis 2016. Der Widmer-Schlumpf-Effekt wirkte noch nach, und mit Richard Ammann hatte die BDP einen Sympathieträger im Kantonsrat. Bei den Wahlen 2015 erreichte die Partei einen Wähleranteil von immerhin 3,6 Prozent. Ein Jahr später war der Höhenflug vorbei. Bei den kantonalen Wahlen 2016 verlor die Partei sämtliche Mandate im Kantonsparlament, Aushängeschild Ammann wechselte später zur CVP. Seither ist die St.Galler BDP im Krebsgang. Da wird auch die Listenverbindung mit CVP, GLP und EVP nicht helfen.

SP: Zurück auf stabilem Kurs, aber zu hohe Ziele

Bei den nationalen Wahlen vor vier Jahren hatte die Partei noch drei Sitzverluste zu beklagen. Seither hat die SP bei kantonalen Wahlen schweizweit 18 Sitze dazugewonnen. Laut Umfragen dürfte sie ihren Wähleranteil leicht steigern und im Idealfall mit Sitzgewinnen rechnen, zumindest aber die verlorenen Mandate zurückholen, wie Auswertungen zeigen. Im bürgerlich geprägten Kanton St. Gallen ist das Ziel von Parteichef Christian Levrat, den Wähleranteil auf über 20 Prozent zu steigern, ein zu hoch gestecktes Ziel. Die Wiederwahl der St.Galler Bisherigen Barbara Gysi und Claudia Friedl ist aber so gut wie gesichert. Ein drittes Mandat scheint jedoch illusorisch. Daran dürfte auch die Listenverbindung mit den Grünen nichts ändern.

CVP: Drei Sitzen halten ist das oberste Ziel

Wahlerfolge waren für die CVP in den letzten Jahren selten. Eine Ausnahme ist der Einzug von Benedikt Würth in den Ständerat. Bei den Nationalratswahlen zeigt der Trend seit fast 20 Jahren nach unten. Deshalb ist es alles andere als sicher, dass die St.Galler Christdemokraten im Herbst ihre drei Sitze werden halten können. Die natürliche Basis der CVP – das katholische Milieu – schwindet seit Jahrzehnten. CVP-Schweiz Präsident Gerhard Pfister will die Partei deshalb von der Milieu- zur Wertepartei umbauen. Im Kanton St.Gallen funktioniert das bis jetzt mässig. Eine klar konservative Werthaltung zeigte die St.Galler CVP mit der Unterstützung des Burkaverbots. Im jetzigen Wahlkampf präsentiert sich die Partei eher von ihrer sozialliberalen Seite. Der oberste Slogan auf ihrer Internetseite lautet: «Mehr Solidarität».

Grüne: Dank Klimadebatte die Partei der Stunde

Genau vor 40 Jahren sind die Grünen mit ihrem ersten Sitz in den Nationalrat eingezogen. Heute halten sie elf Sitze in der grossen Kammer – und die Zeichen stehen gut, dass sie dank Klimadebatte zulegen können. In elf Kantonen haben sie Chancen auf einen Sitzgewinn. 2015 haben die St.Galler Grünen noch eine herbe Niederlage einstecken müssen: Yvonne Gilli verlor trotz Spitzenresultat ihren Sitz. Schweizweit hat die Partei bei den kantonalen Wahlen seit 2015 aber kräftig zugelegt und 41 Sitze gewonnen. So ist einer der angestrebten Sitzgewinne auch in St.Gallen realistisch. Die Partei tritt mit den Spitzenkandidatinnen Franziska Ryser und Yvonne Gilli an. Dass eine der beiden den Sprung nach Bern schafft, ist realistisch.

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