Die St.Galler Mundart gibt es gar nicht

Der St.Galler Dialekt wird von aussen gern verlacht. Aus einer Innensicht gibt es ihn aber schlicht nicht.

Noemi Heule
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Jeder kennt ihn, den Löwenzahn, aber kennt auch jeder die «Chettleblueme», «Schwiiblueme» oder «Söiblueme»? Die Namen der Blume unterscheiden sich teils von Dorf zu Dorf. Überschreitet man die Kantonsgrenzen, kommen weitere träf bildhafte Begriffe wie «Sonnwendlig» oder «Milchblueme» hinzu. Überhaupt sind es die alltäglichen Dinge, die allerorts andere Namen tragen.

Etwa der Brotanschnitt: «Chopf», «Gupf», «Böödeli», «Ahau» oder «Aschnitt», all diese Bezeichnungen kennt der Ringkanton für das, was beim Anschneiden des Brotes anfällt. Diese Begriffe hat das Schweizerische Idiotikon zusammen mit der Universität Zürich in einer Online-Umfrage erhoben. 

Für Bonbon sind es «Bolle», «Zückerli», «Zältli» oder «Chröömli», wobei Letzteres im Rheintal ein Guetzli meint.

Den St.Galler Dialekt, von aussen so gern verlacht, gibt es aus der Innensicht schlicht nicht. Er variiert zwischen dem Stadtsanktgaller, dem Unter- und dem Obertoggenburger, dem Fürstenländer, Rheintaler oder Sarganserländer Dialekt. Die Fürstenländerin und Mundartliebhaberin Susan Osterwalder zieht in ihrem Buch «Hopp Sanggale» ein Beispiel aus ihrer Heimat heran: Während man in Uzwil zum Wischen «wösche» sage, heisse es einige Kilometer weiter in Flawil «förbe». Das Buch ist eine Huldigung an den Dialekt – und soll dazu dienen, die regionalen Eigenheiten festzuhalten. «Schade nur, dass viele die alten Begriffe, Redensarten und Kraftausdrücke nicht mehr kennen», schreibt Osterwald im Vorwort. Stattdessen hätten Anglizismen und Denglizismen die Alltagssprache infiltriert.

Dass die Dialektvielfalt in der Deutschschweiz zu einem verwässerten Mittelland-Sprech verkommt, diese Befürchtung ist da und dort zu lesen. Das Hochdeutsche verdränge Helvetismen, heisst es. Aus hocken wird sitzen, aus der Stube das Wohnzimmer. Das grossmäulige Züridüütsch breite sich weit über die Grossregion Zürich aus, befürchten man im Westen wie im Osten. Und während die St.Galler Zürcher Einflüsse beklagen, befürchten die von St.Gallen eingekesselten Appenzeller, dass ihre Mundart zurückgedrängt wird.

Regionale Eigenheiten oder verwässerter Einheitsbrei?

«Die Angst, dass etwas verloren geht, gibt es seit 150 Jahren», sagt Martin Graf vom Schweizerischen Idiotikon. Bereits der Gründer des Schweizerdeutschen Wörterbuchs schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts den Niedergang der Mundart herbei. Der Grund: Die Eisenbahn. Er ging davon aus, dass das Schweizerdeutsche wegen den Bahnreisenden von der Schriftsprache verdrängt wird. Heute sind es die englischen Begriffe, die Sprachpuristen Sorgen bereiten.

Dabei haben es einige von ihnen längst so selbstbewusst in den Wortschatz eingenistet, dass sie der Laie gar nicht mehr als Fremdwörter erkennt.

So stammt «tschutte» vom englischen «to shoot».

Bei den englischen Lehnwörtern «google» oder «downloade» ist die Herkunft offensichtlicher. Während neue Wörter dazustossen, verschwinden andere tatsächlich, wie Forscher der Universität Zürich mit ihrer Online-Umfrage gezeigt haben. Insbesondere solche aus der Bauern- und Handwerkskultur.  

Thurgau oder St.Gallen ist vielen einerlei

Untergegangen ist der Dialekt noch lange nicht, trotz Eisenbahn und Anglizismen. Einige Grenzen haben sich zwar verschoben, an die Dorfgrenzen hält sich der Dialekt heute kaum mehr. Auch nicht an die Kantonsgrenzen. Jenseits von Winterthur bekunde man ohnehin Mühe, den St.Galler klanglich zu verorten. Der Rheintaler wird schnell einmal den Bündnern zugerechnet, dafür landet der Thurgauer im selben Dialekttopf. Martin Graf spricht von einem gemeinsamen Sprachraum von Schaffhausen bis ins Rheintal, wenn auch mit punktuellen Inseln im Toggenburg oder Appenzellerland.

Eine einheitliche Mundart lernen auch all jene, die sie im Schulzimmer erwerben. Die Migrosklubschule bietet genauso wie die HDS Kurse im St. Gallerdialekt an. Die Schwierigkeit sei, einen gemeinsamen Nenner zwischen den Ausprägungen zu finden und die per se gesprochene Sprache schriftlich festzuhalten, sind sich die Lehrpersonen einig. Ansonsten:

«Sprachenlernen ist Sprachenlernen, es ist nicht schwieriger als Lakhota, Hebräisch oder Vietnamesisch.»

Das neue St.Galler Selbstbewusstsein merkt man in den Klassenzimmern nicht; die Schülerzahlen sind seit Jahren konstant tief. Deutsche oder Romands seien besonders oft vertreten, nebst diversen Nationalitäten zwischen Nahost und Westeuropa. Nur ein Fall ist bislang einzigartig: Dass jemand den Kurs besuchen wollte, um seine eigene Schweizer Mundart zugunsten des St.Gallerdialekts abzulegen.

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