Die St.Galler Gemeinden haben den Integrationstopf von 15 Millionen Franken nur zu zwei Dritteln ausgeschöpft

Die Corona-Krise erschwert die Integration von Flüchtlingen, sind Kanton und Gemeinden überzeugt.

Katharina Brenner
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Die St.Galler Gemeinden haben mehr in Sprachkurse investiert.

Die St.Galler Gemeinden haben mehr in Sprachkurse investiert.

Gaetan Bally/KEYSTONE

Die St. Galler Gemeinden haben bei der Integration zugelegt. Die erhöhte Integrationspauschale des Bundes zeigt Wirkung, teilt der Kanton mit. 9,77 Millionen Franken hat er 2019 an die Gemeinden ausbezahlt, 5,5 Millionen mehr als im Vorjahr. «Vor allem bei den Sprachkursen haben die Gemeinden sehr viel gemacht», sagt Boris Tschirky, Präsident Vereinigung St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (siehe Zweittext). Allerdings haben die Gemeinden den Integrationstopf von 15 Millionen Franken nur zu zwei Dritteln ausgeschöpft. Das sei bei einer Verdreifachung klar, so Tschirky.

Boris Tschirky.

Boris Tschirky.

Benjamin Manser

Bis vor knapp einem Jahr zahlte der Bund pro Flüchtling und vorläufig aufgenommener Person einmalig 6000 Franken – viel zu wenig lautete die Kritik vielerorts. Neu sind es 18'000 Franken. Die Gemeinden schiessen das Geld vor und können sich bestimmte Massnahmen refinanzieren lassen. Dazugehören Sprachkurse, Kinderbetreuung und Vereinsmitgliedschaften sowie Vorlehren, Praktika und Bewerbungstrainings.

Fahrprüfung wird nicht refinanziert

«Die Gemeinden möchten, dass noch mehr Massnahmen in den Katalog aufgenommen werden», sagt Tschirky. Einige Gemeinden würden zusätzlich Geld ausgeben, weil der Kanton bestimmte Massnahmen wie beispielsweise eine Fahrprüfung nicht refinanziere. Eine solche sei aber für Praktika, eine Berufstätigkeit oder einfach im Alltag für viele notwendig. Mitarbeitende der Gemeinden, vor allem des Sozialamtes, setzen sich jeweils mit der Person hin und überlegen, was sie brauche. Jeder Plan sei individuell. Auch im laufenden Jahr stehen 15 Millionen Franken an Bundesmitteln für die Integration in St. Galler Gemeinden zur Verfügung.

Weniger Arbeitsplätze durch Corona-Krise

Der St. Galler Innenminister Martin Klöti sagt, die Gemeinden seien gut unterwegs, insbesondere im Rheintal. Das liege an der Industrie und den vielen beruflichen Möglichkeiten. Dass Gemeinden aber auch Zeit brauchten, um Angebote aufzubauen, sei klar. Klöti lobt die Quartierzentren und -schulen mit ihrem spielerischen Ansatz und Ausflüge mit Gemeindemitgliedern.

Ein grosses Ziel sei die Integration in den Arbeitsmarkt. «Das wird durch die Corona-Krise schwieriger», so Klöti. Diese werde leider zu Arbeitsplatzverlusten führen, insbesondere bei einfacheren Arbeitsplätzen und Personen fortgeschrittenen Alters. Für Flüchtlinge werde es dann enger auf dem Arbeitsmarkt.

Die Corona-Krise stellt die Integration vor Herausforderungen. «Sprachkurse fallen zur Zeit aus», sagt Boris Tschirky. «Und das soziale Leben ist eingeschränkt, an dem die Flüchtlinge normalerweise teilhaben sollten.»

Kontakt mit Einheimischen fehlt

Die erhöhte Integrationspauschale geht mit der Verpflichtung einher, die fünf Ziele der Integrationsagenda Schweiz zu verfolgen. Erstmals hat der Kanton die Einhaltung ausgewertet.

  1. Drei Jahre nach Einreise verfügen Flüchtlinge und vorläufig aufgenommenen Personen (FL/VA) mindestens über sprachliche Basiskenntnisse. Dieses Ziel erfüllen 34 Prozent der Gemeinden ganz, 53 Prozent teilweise.
  2. Beim Start der obligatorischen Schulzeit können sich 80 Prozent der Kinder von FL/VA in der Sprache des Wohnorts verständigen: 51 Prozent der Gemeinden erfüllen dieses Ziel vollständig, 22 teilweise.
  3. Fünf Jahre nach der Einreise befinden sich zwei Drittel aller FL/VA zwischen 16 und 25 Jahren in einer postobligatorischen Ausbildung: 43 Prozent der Gemeinden erfüllen dieses Ziel, 34 Prozent teilweise.
  4. Sieben Jahre nach Einreise ist die Hälfte aller erwachsenen FL/VA nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt integriert. Ende 2019 galt das für 42 Prozent der Gemeinden, für 8 Prozent teilweise. 34 Prozent hatten keine entsprechende Zielgruppe.
  5. Sieben Jahre nach Einreise haben die FL/VA soziale Kontakte zu Einheimischen: Nur gut ein Fünftel der Gemeinden erfüllte dieses Ziel, 44 Prozent teils, 21 Prozent verfehlten es. Als Gründe nannten Gemeinden das Desinteresse der FL/VA an «künstlichen» Kontakten in Freiwilligengruppen sowie die mangelnde Bereitschaft der Bevölkerung, ein Gespräch in Schriftsprache zu führen.