Die Stare verlassen das Transitland Schweiz

Alle Jahre wieder machen sich die Zugvögel im Spätsommer für die Überwinterung auf den Weg in den Süden. Laut Ostschweizer Experten könnte sich der Klimawandel in Zukunft jedoch darauf auswirken.

Natascha Arsic
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Sie sind bereits weg: Die Mauersegler und Schwarzmilane haben die Region schon vor rund einem Monat verlassen. Sie sind die ersten Langstreckenzieher, die für die Überwinterung nach Afrika fliegen. Zu den letzten Kurzstreckenziehern des Herbstzuges gehören Ende Oktober die Stare und Ende November die Bergfinken.

Laut Lorenzo Vinciguerra von der Stiftung Naturmuseum St. Gallen dient die Schweiz den Zugvögeln zurzeit vor allem als Transitland. Vögel, die vom Norden her in den Süden fliegen, würden beispielsweise den Bodensee als Rastplatz nutzen und dann ihre Reise fortsetzen. «Das schöne an der Ostschweiz ist die Vielfalt der Region», meint Vinciguerra. So werde vom Bodensee bis zum Säntis jeder Lebensraum geboten.

Stare auf einem Kabel. (Bild: epa)

Stare auf einem Kabel. (Bild: epa)

«Im Moment sind wahrscheinlich weniger Zugvögel zu beobachten, denn sie profitieren vom guten Wetter und fliegen hoch», sagt Livio Rey, diplomierter Biologe der Schweizerischen Vogelwarte. Bei schlechten Wetterverhältnissen, wie beispielsweise Regen, müssen sie hingegen rasten und sind dadurch öfters anzutreffen.

Mehr Nachwuchs durch Hitzesommer

Der trockene Sommer war auch für die Brut vorteilhaft. Im Allgemeinen haben die meisten Vögel davon profitiert, dass es keine Kälteperiode gegeben hat. «Wegen der Temperaturen und der guten Nahrungsgrundlage haben viele Vögel schneller gebrütet und sogar eine Nachbrut versucht», meint Jonas Barandun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Naturmuseum St. Gallen. Die Vögel hätten versucht, das Beste herauszuholen. So gab es gemäss Barandun insgesamt mehr Nachwuchs als in einem durchschnittlichen Jahr.

Durch die fehlenden Signale eines Kälteeinbruchs waren die Zugvögel auch nicht unter Druck, schnell zu gehen. Vor allem Schwalben reagieren darauf und sind deshalb auch jetzt noch häufig zu sehen. Aber auch sie werden voraussichtlich in den nächsten Tagen gehen, meint Barandun. Andere Vogelarten würden aber «nach einem inneren Programm» fliegen. Da habe die Witterung nichts zu sagen. Dem stimmt auch Vinciguerra zu: «Der Zug wird durch die Anzahl Sonnenstunden pro Tag beeinflusst.» Somit sei beispielsweise der Mauersegler immer Ende Juli weg, egal, wie warm es ist.

«Inneres Programm wird jedes Jahr geeicht»

«Vögel passen sich an ihr Umfeld an», so Vinciguerra. Wenn gewisse Baumarten absterben, weil es zu trocken ist oder gewisse Gräserarten nicht mehr wachsen, gibt es eine neue Flora. Dies führe dazu, dass sich einige Vogelarten anpassen. Auch könnten neue Arten dazukommen, da die Lebensbedingungen mittlerweile ähnlich sind wie im Mittelmeer. Wiederum andere Vögel würden vielleicht sogar ganz verschwinden. Ein Beispiel dafür sei das Alpenschneehuhn. Die Schneefallgrenze steige immer höher, ebenso die Vegetation. «Das Alpenschneehuhn wird im Winter weiss und ist dadurch gut getarnt», sagt Rey. Bei immer weniger Schnee in den Bergen sei der Vogel jedoch für Räuber extrem gut sichtbar und habe ein höheres Risiko, gefressen zu werden. Wenn sich die Vögel immer weiter in die Höhe zurückziehen müssen, finden sie nicht mehr genügend Lebensraum und sterben aus.

«Es gibt jedoch auch Vögel, die hierbleiben, je wärmer der Winter ist», sagt Rey. Dazu gehöre unter anderem der Weissstorch oder der Rotmilan. Während sie früher noch nach Südfrankreich und Spanien flogen, finden sie mittlerweile im Winter immer noch Nahrung in der Schweiz. Somit ziehen sie nicht mehr so weit in den Süden. Bei den Rotmilanen würden nur noch die Jungvögel nach Spanien ziehen, da sie nicht genug erfahren sind, um im Schweizer Winter genügend Nahrung zu finden.

Wenn es nun jedes Jahr einen solchen Hitzesommer gibt, könnte sich dies also auch auf das Verhalten der Vögel auswirken. Das «innere Programm» werde jedes Jahr ein wenig geeicht, sagt Barandun. Es sei bekannt, dass bereits einige Zugvögel im Frühling früher zurückkommen. Das liege daran, dass die Bedingungen besser sind und die Vögel schon früher wieder Futter finden. «Wenn im Herbst auch gute Bedingungen herrschen, ist es denkbar, dass gewisse Arten gar nicht mehr ziehen», meint Barandun. Jedoch gäbe es in der Schweiz alle paar Jahre im September einen Kälteeinbruch, wodurch die meisten Vögel weggehen, denn sie finden keine Nahrung mehr. Wenn es also weiterhin hin und wieder einen Kälteeinbruch und harten Winter gibt, werde sich nicht allzu viel ändern.