Interview

«Die Spendenaktion stärkte mein Bewusstsein für die Nöte der Menschen in der Region»: Marianne Kleiner blickt auf ihre Aufgabe als Beiratspräsidentin von OhO zurück

Marianne Kleiner amtete mit viel Herzblut als Beiratspräsidentin der Spendenaktion OhO. Ein Blick auf eine erfüllende und spannende Zeit.

Desirée Müller
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Marianne Kleiner ist sehr dankbar für die grosse Unterstützung, welche die Weihnachtsaktion OhO jährlich bekommt.

Marianne Kleiner ist sehr dankbar für die grosse Unterstützung, welche die Weihnachtsaktion OhO jährlich bekommt.

Bild: Urs Bucher

Wie erlebten Sie das vergangene OhO-Jahr 2019?

Es war ein sehr intensives Jahr und ich habe erneut miterlebt, wie wertvoll und auch wichtig die Weihnachtsaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern ist. Wir konnten über 2000 Gesuche von Menschen in der Region entgegennehmen, die es nicht einfach im Leben haben. Das Echo war erneut sehr gross, was uns besonders freut. Seitens der Antragssteller wie auch der Spenderinnen und Spender.

Wie kann man sich die Arbeit im OhO-Beirat vorstellen?

Die 16 Mitglieder arbeiteten wie jedes Jahr sehr seriös und auch kritisch. Das Geld der Spendenden soll schliesslich genau bei den Menschen ankommen, die Hilfe am nötigsten haben. Bei Gesuchen ab 2000 Franken entscheiden wir im Gremium über die Vergabe. Die Sitzungen waren wie die Jahre davor stets sehr konstruktiv, konzentriert und auch fröhlich. Schliesslich ist es eine wunderbare Arbeit, Menschen eine Freude zu machen. Sehr schön sind auch die Dankesbriefe der Spendenempfänger. Wenn wir mit den grosszügigen Spenden längerfristig etwas im Leben eines Menschen bewirken können, ist das sehr erfüllend. Da gibt es so viele Geschichten.

Möchten Sie eine der Geschichten erzählen?

Eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder verlor ihre Arbeitsstelle und musste eine kurze Zeit lang von der Sozialhilfe leben. Ihre Wohnung, die sie in besseren Tagen gemietet hatte, war nun zu teuer, und sie hätte sie verlassen müssen, wenn unsere Weihnachtsaktion ihr nicht mit einem Monatszins ausgeholfen hätte. Das wäre sehr schade gewesen, da ihre im selben Haus wohnende Mutter für die Kinderbetreuung zuständig ist. Zudem hatte sie bereits eine neue Arbeitsstelle gefunden. Für die kleine Familie hätte sich so vieles zum Negativen gewendet ohne die Spendenaktion.

Es gab erneut einen Spendenrekord. Wie erklären Sie sich das?

Uns geht es nicht darum, jährlich den Rekord zu knacken. Wir sind dankbar für jeden Franken, der gespendet wird. Dass sich so viele Menschen für eine Spende entschieden haben, ist aber wirklich berührend. Immer mehr Leute möchten Menschen in der eigenen Region unterstützen.

«Ostschweizer helfen Ostschweizern ist ein Hilfswerk, bei dem die gespendeten Gelder praktisch vollumfänglich direkt bei den Bedürftigen ankommen. »

Dank dem grosszügigen Engagement des Tagblatts können wir die Verwaltungskosten so klein halten. Das ist wohl zusätzlich ein Grund, warum die Spendenaktion so erfolgreich ist. Das Thema Armut in der Schweiz wird auch immer öfter in den Medien kommuniziert. So wird einem bewusster, dass es viele Leute gibt, die, oft nach Schicksalsschlägen, auf Hilfe angewiesen sind.

Möchten Sie den Spenderinnen und Spendern etwas sagen?

Unbedingt! Ein ganz grosses Dankeschön an alle, die unsere Weihnachtsaktion unterstützt haben! Es freut mich ausserordentlich, dass so viele Spenderinnen und Spender ihre Mitmenschen mit einem warmen Herzen und offenen Geldbeutel geholfen haben. Das ist ein sehr schöner Wesenszug unserer Bevölkerung, der mich persönlich jedes Jahr von neuem wieder sehr berührt.

2019 war Ihr letztes Jahr als Beiratspräsidentin der Weihnachtsaktion. Weshalb treten Sie zurück?

Bestimmt nicht, weil ich genug von der schönen Arbeit habe! Aber es wird Zeit, Platz für eine neue Präsidentin zu machen. Ich bin bereits seit acht Jahren weg von der aktiven Politik und wohl nicht mehr so im Bewusstsein der Bevölkerung. Ich finde, dass das Beiratspräsidium von jemandem ausgeführt werden sollte, der gut vernetzt, aber nicht mehr aktiv in der Politik ist. Meine designierte Nachfolgerin Marianne Koller war bis 2017 Regierungsrätin des Kantons Appenzell Ausserrhoden und bis 2013 Frau Landammann. Sie ist demnach noch näher an ihrer aktiven Phase als ich. Ich bin überzeugt, dass wir mit ihr eine sozial denkende, kompetente Nachfolgerin für mich gefunden haben. Sie bringt dazu bereits Erfahrung im Stiftungsrat einer gemeinnützigen Organisation mit.

Was wird Ihnen am meisten fehlen?

Zum einen sicherlich die wunderbare Zusammenarbeit mit dem Beirat. Und dann habe ich gerne die Spendenaktion mit meiner Zeit unterstützt. Auch die besondere Form der vorweihnachtlichen Besinnung fand ich stets sehr erfüllend. Ich werde die Spendenaktion selbstverständlich weiterhin verfolgen. Das soziale Engagement wird in meinem Leben jedoch nicht fehlen. Ich unterstütze weiterhin verschiedene Stiftungen und Hilfsorganisationen mit meiner Arbeit.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit bei OhO mit?

Ich gehe mit offeneren Augen durchs Leben. Es war mir absolut klar, dass es vielen Menschen in der Ostschweiz nicht gut geht. Doch, dass es so viele sind, die Hilfe benötigen, das war mir nicht klar. OhO stärkte mein Bewusstsein für die Nöte der Menschen in der Region.

Zur Person

Seit 2012 unterstützte Marianne Kleiner die Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» als Beiratspräsidentin. In all den Jahren investierte die Herisauerin mit viel Herzblut Hunderte von Arbeitsstunden für die Weihnachtsaktion. Nun tritt die einstige Finanzdirektorin der Ausserrhoder Regierung und Nationalrätin zurück und nimmt viele schöne Momente aus ihrer Zeit bei OhO mit.