«Die Sozialgeschichte ist nach wie vor unterbelichtet»: Buchautor Stefan Keller über Recherche zur Geschichte der Arbeit im Thurgau

Der Buchautor Stefan Keller im Interview über seine langjährige Recherche zur Geschichte der Arbeit im Thurgau. Manche Biographie, wie die des Arboner Mechanikers Hans Widmer, der in Paris mit seinem jüdischen Chef vor den Nazis flüchtete, wären ein eigenes Buch wert.

Marcel Elsener
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Buchautor Stefan Keller

Buchautor Stefan Keller

Bild: TZ

Was war im Laufe der Recherchen Ihre grösste Überraschung?

Stefan Keller: Neu für mich war, mit welcher Deutlichkeit der Thurgau lange Zeit als sehr ländliche Gegend angesehen wurde, während er doch sehr früh zu den stark industrialisierten Regionen gehörte. Neu war auch, wie zögerlich sich der thurgauische Staat nach der Gründung in der Helvetik in seine sozialpolitischen Aufgaben einfand. 1817, mitten in einer der schlimmsten Hungersnöte der Geschichte, machte der Kanton einen Gewinn, statt dass er die Verhungernden ernährte. Obwohl die verheerende Wirkung der Kinderarbeit bekannt war, tat der Staat fast nichts, um seine jungen Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Bis er 1877 durch das eidgenössische Fabrikgesetz buchstäblich gezwungen wurde. Auch die Gründung eines Arbeitsamtes 1920 erfolgte im Thurgau erst, als der Bund den Kanton dazu zwang. Und noch lange danach haben verantwortliche Politiker die Arbeitslosigkeit für eine Form von Faulheit gehalten.

Sie erzählen, in aller Kürze, viele Biografien. Gibt es solche, die allein ein Buch wert wären?

Ja, viele. Die Geschichte des Metzgers Karl Sonderegger, der die ehemalige Chefin seiner Braut schwer verletzt, weil sie ihm das Hochzeitskleid nicht herausrückt. Oder Rosa Fisch, die Textilarbeiterin in Romanshorn, die bei einem Arbeitsunfall einen Arm und eine Hand verliert, nie mehr arbeiten kann und bis vor Bundesgericht prozessieren muss, um anständig entschädigt zu werden. Oder die Geschichte von Hans Widmer: Er lernte Mechaniker bei Saurer, ging nach Paris, arbeitete in einer Garage. Als die Nazis einmarschierten, flohen er und sein jüdischer Chef in den beiden teuersten Limousinen nach Marseille. Später musste er in die Schweiz zurück und in die Rekrutenschule. Widmer habe ich über sein Leben interviewt. Er ist 2013 im Kantonsspital Münsterlingen gestorben und hätte ein Buch verdient.

Wo fanden sie kaum Material?

Am meisten fand ich über die Fischer am Bodensee, die nun im Buch gar nicht vorkommen. Natürlich findet man nichts über das Leben der Prostituierten: Jener Frauen, die wegen ihres Thurgauer Bürgerrechts aus Zürich nach Frauenfeld abgeschoben wurden und dort ins Gefängnis kamen. Was ist ihre Geschichte? Was wurde aus ihnen? Und fast nur in Psychiatrieakten fand ich Hinweise auf die Probleme von Hausfrauen an ihrem Arbeitsplatz.

Wie hat der Kanton als Auftraggeber das Werk aufgenommen?

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit musste vor allem aushalten, dass meine Arbeit viel länger dauerte, als ich versprochen hatte. Vielleicht zweifelten sie im Thurgau manchmal, ob da überhaupt noch etwas kommt. Es gab eine Begleitgruppe mit einer wunderbaren Sozialhistorikerin, Verena Rothenbühler, und einem wunderbaren Historiker, dem Staatsarchivar André Salathé, mit Leuten aus dem Departement. Sie haben mich beraten und aufgemuntert. Zu inhaltlichen Beschwerden oder Konflikten kam es nie. Nur eben, ich hätte früher abliefern müssen.

Welches Thema würden Sie einer jungen Thurgauer Historikerin, einem Historiker ans Herz legen?

Die Sozialgeschichte im Kanton ist nach wie vor unterbelichtet. Ich habe eine Festplatte voll mit Recherchen. Wer ein Thema sucht, kann gern zu mir kommen. Aber wohlverstanden: Der Thurgau an sich ist für mich nicht so wichtig. Ich bin kein Heimathistoriker. Ich habe die Region aus biografischen Gründen zum Feld meiner Forschung gemacht. Hier weiss ich am meisten, weil ich hier am längsten Material gesammelt habe. Was ich aus dem Thurgau erzähle, sollte schon exemplarisch sein. Schaut man eine Region, eine Begebenheit, ja das kleinste Ereignis genau genug an, dann entdeckt man darin die Weltgeschichte: Das ist meine Arbeitshypothese. (mel)