«Die meisten Fälle verlaufen mild»: St.Galler Infektiologe Pietro Vernazza sieht keinen Grund für ernsthafte Coronabesorgnis

Im TVO-Talk vom Mittwoch betont der St.Galler Chefarzt den grösstenteils milden Verlauf vieler Fälle der angelaufenen zweiten Coronawelle. Weder Vernazza noch der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin wünschen verschärfte Massnahmen, doch solle die Bevölkerung die Schutzvorschriften ernst nehmen.

Marcel Elsener
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Die Coronalage in der Schweiz ist laut Bundesrat schlecht und ungemütlich, die Fallzahlen steigen auch in der Ostschweiz rasant an, am Mittwoch über 400 neue Fälle im Kanton St.Gallen, über 100 im Thurgau. Ob der Chef-Infektiologe des Kantonsspitals St.Gallen immer noch nüchtern bleibe, will Moderator Stefan Schmid, Chefredaktor des «St.Galler Tagblatts», im TVO-Corona-Talk von Pietro Vernazza wissen. «Genau so nüchtern», antwortet der Chefarzt und relativiert die Zahlen: In der ersten Welle seien die Hospitalisationen getestet worden, jetzt gebe es täglich 10'000 bis 20'000 Tests von Menschen mit leichten Symptomen. Dass die Zahlen stiegen, sei normal:

«Jedes Jahr im Herbst verbreiten sich die respiratorischen Viren.»

Auch das Spital verzeichnet laut Vernazza einen raschen Anstieg der Fallzahlen, 25 bis 28 Prozent des getesteten Personals sei positiv. Doch der grösste Teil davon seien milde Fälle mit etwas Husten und leichtem Fieber. Auf den Einwand des SVP-Regierungsrats, dass diese Woche im Thurgau eine unter 40-Jährige schwer erkrankt sei, betont Vernazza:

«Die schweren Fälle steigen auch und die müssen wir im Auge behalten. Aber die Belegung der Intensivstationen ist bei den Jungen deutlich geringer. Und wir sind gut vorbereitet.»

Ostschweizer Gesundheitsdirektoren lehnen regionalen Kurz-Lockdown ab

Im Wallis werden Bars und Sportstätten geschlossen, Basel-Stadt beschränkt das Fussballpublikum wieder auf 1000 Personen. Ob in der Ostschweiz, die in Innerrhoden oder im Toggenburg gefährdete Gebiete aufweist, nicht auch schärfere Massnahmen nötig seien, erkundigt sich Schmid. Die Gesundheitsdirektoren hätten dies diskutiert, aber vorläufig verneint, sagt Martin: «Ein regionaler Kurz-Lockdown kommt für uns nicht in Frage. Wir haben ein gutes, dezentrales Gesundheitssystem und können zuwarten und schauen, bevor wir dreinschiessen.»

Alles andere als Alarmisten: Infektiologe Pietro Vernazza (links) im TVO-Studiogespräch mit Moderator Stefan Schmid und dem Thurgauer Gesundheitschef Urs Martin.

Alles andere als Alarmisten: Infektiologe Pietro Vernazza (links) im TVO-Studiogespräch mit Moderator Stefan Schmid und dem Thurgauer Gesundheitschef Urs Martin.

Bild: TVO

Seit dem letzten Lockdown habe sich die Übertragungsrate von 3 auf 1 verringert, erklärt Infektiologe Vernazza. Demnach habe der motivierende Aufruf an die Bevölkerung für Schutzmassnahmen wie Maskentragen geholfen. «Die Leute sind reif genug, sich damit auseinanderzusetzen.» Ob Masken nützten, hakt Schmid nach. Vernazza bleibt nüchtern: «Wahrscheinlich reduziert sich die Schwere der Krankheit. Aber eine Maskenpflicht wird unser Covid-19-Problem nicht wesentlich verändern.»

Das Leben zulassen, aber keine Superspreader-Events wie Partys

Als Gesundheitsdirektor, der auch Finanzchef und Steuerverwalter sei, müsse er die Verhältnismässigkeit der Massnahmen wahren und die Folgen austarieren, sagt Urs Martin. «Anders als im Frühling herrscht in der Bevölkerung heute grosse Skepsis. Darum müssen wir noch mehr Aufklärungsarbeit leisten. Die meisten Leute verstehen aber, dass es fünf vor zwölf ist.» Ist die Lage denn so ernst? «Gemessen an der Entwicklung der Todesfälle ist sie nicht ernst», sagt Vernazza. Im Frühling habe es die nichtimmunen Personen getroffen, «nun aber wird der Schweregrad immer milder werden und die Immunität zunehmen». Zwar gebe es mehr Erkrankungen, aber das «Aufschrecken» mit Fällen schwerer Langzeitfolgen sei unangebracht, gibt Vernazza zu verstehen:

«Ich habe viele Patienten mit postinfektiösen Zuständen, die psychisch angeschlagen sind und IV brauchen, das ist nicht neu und wird es auch in Zukunft geben.»

Die pragmatisch-liberale Haltung Martins, das Leben auch bei Grossveranstaltungen so weit wie möglich zuzulassen, aber die Risiken zu minimieren, findet Vernazza «super». Einschränkungen verlangten vor allem «gewisse Superspreader-Events», was Fussballspiele bisher nicht seien. Anders dagegen Chorkonzerte: Vernazza selber wird am Wochenende drei Tage im Chor wirken, «Singen ist maximal infektiös, darum testen wir jeden Sänger eine Stunde vor dem Auftritt». Was erst recht für Blasmusiker wie Tubaspieler gelte, meint Martin mit leichtem Neid auf die privilegierte Position des Chefarztes mit Tests zur Evaluation eines möglichen Einsatzes:

«Ich hätte auch gern einen Schnelltestkoffer.»

Am Ende appelliert der SVP-Gesundheitschef an die Bevölkerung, die Coronaregeln wieder ernsthafter zu respektieren - «und bitte keine Partys». Vernazza ruft zur Hygiene auf: «Hände waschen und nicht ins Gesicht langen. Und lüften, lüften, lüften!»