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«Die Schweiz wird aus China überflutet»: Der St.Galler Unternehmer und FDP-Nationalrat Marcel Dobler im Interview

Der Rapperswiler FDP-Nationalrat Marcel Dobler hat die Schweizer Filialen von Franz Carl Weber übernommen. Der Digitec-Gründer über den Detailhandel unter Druck, die Digitalisierung beim Bund und seine Ziele in Politik und Wirtschaft.
Benjamin Weinmann, Doris Kleck
Marcel Dobler am heimischen Zürichsee: «Die Digitalisierung ist keine Religion.» (Bild: Claudio Thoma)

Marcel Dobler am heimischen Zürichsee: «Die Digitalisierung ist keine Religion.» (Bild: Claudio Thoma)

Marcel Dobler, vor einigen Tagen haben Sie mit zwei Partnern Franz Carl Weber gekauft. Kennen Ihre Kinder den Laden überhaupt?

Da bin ich mir nicht so sicher. Denn hier in Rapperswil-Jona, wo wir wohnen, gibt es keine Filiale. Mein Sohn hat den Weihnachtskatalog zwar schon zigmal durchgeblättert. Er interessiert sich aber vor allem für den Inhalt, und weniger für das Logo mit dem Schaukelpferd.

Dass Sie, als Digitec-Gründer, in den kriselnden Detailhandel investieren, überrascht. Alibaba und Amazon sind auf dem Vormarsch, Toys’R’Us, der grösste US-Spielzeughändler, ist bankrottgegangen.

So viel vorweg: Franz Carl Weber schreibt schwarze Zahlen. Aber klar, ich hätte mir eine einfachere Aufgabe aussuchen und in den Onlinemarkt investieren können. Aber ich mag Herausforderungen, und ich finde Franz Carl Weber eine tolle Firma, mit der ich viele Kindheitserinnerungen verbinde. Diese Marke und die tollen Mitarbeiter möchte ich am Leben erhalten.

Wie sieht denn eine FCW-Filiale in fünf Jahren aus? Werden Sie Verkaufsroboter und Touchscreens installieren?

Ich will nichts ausschliessen. Es kann sein, dass es mehr Filialen geben wird, oder auch weniger. Überdenken müssen wir langfristig sicher die grossen Flächen. Vor allem in den Einkaufszentren sind diese eine Belastung. Und wir müssen uns auch die Frage stellen, welche Spielwaren wir im Geschäft präsentieren wollen. Ich finde, wir sollten Märklin-Züge wieder stärker ins Zentrum rücken. Ich denke auch, dass wir das Lego-Sortiment vergrössern müssen.

Viele Einkaufsstrassen veröden wegen des Onlinehandels und
des Einkaufstourismus. Bräuchte der Detailhandel mehr politische Rückendeckung?

Was wollen Sie denn politisch machen, wenn die Kunden aus Bequemlichkeit und Komfort immer mehr online statt offline einkaufen? Dieser Trend lässt sich nicht aufhalten. Das Problem ist, dass mit unfairen Mitteln gekämpft wird.

Inwiefern?

Die Schweiz wird von Päckli aus China überflutet, zum Beispiel Alibaba. Diese sind meist falsch deklariert, die Lieferanten zahlen keine Mehrwertsteuer. Weil sie vom Weltpostverein als Entwicklungsland eingestuft werden, bezahlen sie viel zu tiefe Portopreise. Sie zahlen keine Recyclinggebühren, und, und, und. Das ist eine totale Verzerrung des Marktes.

Was ist die Lösung?

Die Schweiz alleine kann nichts unternehmen. Die EU ist gefordert. 2018 werden erstmals mehr Pakete in die Schweiz importiert, als dass Pakete im Inland verschickt werden. Die Paketzahlen steigen rasant, aber die Mehrwertsteuereinnahmen nicht. Das ist offensichtlich Betrug. Amazon hingegen hält sich an die Deklarationsregeln.

Haben Sie selber schon mal auf Alibaba eingekauft?

Ja, einen USB-Stick für 2 Franken, ein absurd tiefer Preis. Es dauerte vier Wochen, bis er ankam. Aber auch die Lieferfristen werden sich ändern, und dann haben wir ein echtes Problem.

Auch Franz Carl Weber?

Das denke ich nicht. Gerade bei Kinderspielzeugen spielen Qualität und Sicherheit eine grosse Rolle. Bei chinesischen Spielzeugen weiss man nie recht, ob die Chemikalien gefährlich sind oder die Teile auseinanderfallen.

Dank dem Verkauf von Digitec an die Migros sind Sie zum Multimillionär geworden. Erhalten Sie viele Bettelbriefe?

Vor allem nach Interviews wie diesem; von Privatpersonen und Firmen. Alleine letzte Woche erhielt ich etwa zehn solcher Briefe. In der Regel lautet meine Antwort nein.

Wie gross war der Kulturschock für Sie damals: weg vom hippen Start-up-Gefilde hin zum grauen, langwierigen Bundesbetrieb in Bern?

Bei Digitec hatte ich jeden Abend das Gefühl, heute unmittelbar etwas bewegt zu haben. In Bern sind die Zeithorizonte länger, da braucht es oft mehrere Jahre, um ein Ziel zu erreichen. Ich bin immer noch daran, geduldig zu werden.

Wie gut ist die Schweiz für die Herausforderungen der Digitalisierung gerüstet?

Wir sind super darin, uns schlecht zu reden. Um die Digitalisierung wird mittlerweile ein Hype gemacht. Sie ist keine Religion, sondern einfach eine normale technologische Entwicklung, mit neuen Möglichkeiten.

Es scheint, als ob unsere Politik aus einer starken Abwehrhaltung heraus agiert, wie die Beispiele der Buchungsplattform Booking.com oder des Taxi-Dienstleisters Uber zeigen.

Die Reaktionen des Parlaments sind Ausdruck einer Ratlosigkeit gegenüber dieser neuen Geschäftsmodelle. Wenn es um reine Informatik-Themen geht, lassen sich andere Parlamentarier von uns technologieaffinen Nationalräten wie Franz Grüter (SVP/LU), Balthasar Glättli (G/ZH) oder mir überzeugen. Oft werden die IT-Themen jedoch von anderen Interessen überlagert – wie der Hotellerie bei Booking.com. Nun haben wir eine Lex-Booking.com gemacht. Bis das Gesetz in Kraft ist, kommt wohl bereits das nächste Unternehmen, welches ähnlich agieren wird.

Sie sind der Vater des elektronischen Dienstbüchleins. Wie viel Sparpotenzial liegt beim Staat brach, weil er mit der Digitalisierung nicht Schritt hält?

In jeder Firma gibt es eine Person, die für Innovation und den technologischen Fortschritt verantwortlich ist. Der Prozess ist organisiert: Was geschieht mit Ideen, wer und wie setzt Prioritäten. Was in der Bundesverwaltung in Sachen Digitalisierung geschieht, ist hingegen sehr zufällig.

Gibt es positive Digitalisierungsbeispiele in der Verwaltung?

Ja, nehmen Sie das Projekt DaziT. Bei der Eidgenössischen Zollverwaltung sollen bis 2026 viele Prozesse digitalisiert werden. Damit können 300 Stellen eingespart werden. Die Sicherheitspolitische Kommission fordert nun auf meinen Antrag hin, dass der Bundesrat prüft, ob man im Gegenzug das Grenzwachtkorps ausbauen kann. Dieser Ausbau ist nötig, aber blockiert. Denn das Parlament hat einen Personalplafond von 35000 Bundesangestellten durchgesetzt.

Das Leuchtturmprojekt ist für die Bundeskanzlei die elektronische Stimmabgabe. Weshalb stehen Sie dort auf die Bremse?

Für die Auslandschweizer macht E-Voting Sinn. Manipulationen von Abstimmungsresultaten sind bei diesem beschränkten Benutzerkreis nicht möglich. Innovationen setzen sich erfolgreich durch, wenn es einen Leidensdruck gibt oder grosse Vorteile vorhanden sind. Leider wurden bei E-Voting viele Hoffnungen widerlegt: Die Stimmbeteiligung wird nicht erhöht und günstiger wird das Abstimmen auch nicht. Man muss das System nicht abschiessen, aber Sicherheit vor Tempo. Die Verwaltung hat beim E-Voting grosse Eigeninteressen.

Das ist ein happiger Vorwurf.

E-Voting ist für die Bundeskanzlei ein Vorzeigeprojekt. In der Verwaltung fehlt aus meiner Sicht der Bad Cop: In jeder Firma übernimmt der Finanzchef diese Rolle und prüft die Ideen des Verkäufers. In der Verwaltung gibt es nur den Good Cop: Die Bundeskanzlei, die E-Voting baldmöglichst in den ordentlichen Betrieb überführen will.

Ihre Standes- und Parteikollegin Karin Keller-Sutter könnte bald Bundesrätin werden. Kandidieren Sie dann für den Ständerat?

Lassen Sie uns das anschauen, wenn es so weit ist. Ich habe sehr grossen Respekt vor der zeitlichen Belastung, weil ich kein Berufspolitiker werden möchte.

Digital-Unternehmer, Nationalrat, Sportler und Familienvater

Seit 2015 sitzt der 37-jährige Marcel Dobler für die St. Galler FDP im Nationalrat. Doch lange zuvor hatte sich der Rapperswiler einen Namen als Digitalexperte gemacht. Mit zwei Kollegen gründete er 2001 den Online-Elektronikshop Digitec und lehrte damit innert kürzester Zeit andere Branchengrössen das Fürchten. 2012 verkauften die Gründer einen Grossteil ihrer Anteile an die Migros. 2015 übernahm die Migros die Mehrheit. Dobler wurde dadurch ein reicher Mann. Anstatt auf der faulen Haut zu liegen, entschloss sich der gelernte Informatiker, in die Politik einzusteigen. Nun wagt er erneut ein unternehmerisches Abenteuer: Dobler übernimmt die Schweizer Filialen von Franz Carl Weber, zusammen mit dem bisherigen FCW-Chef Yves Burger und dem deutschen Spielwarenhersteller Simba Dickie. Eine wichtige Rolle im Leben des zweifachen Familienvaters spielt der Sport: 2009 wurde er Schweizer Meister im Zehnkampf, zuletzt gewann er den Titel im 4er-Bob als Anschieber an den Meisterschaften in St. Moritz. (bwe)

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