Interview

Die S-Bahn – ein Flickwerk? Der St.Galler Regierungsrat Bruno Damann wehrt sich: «Der Viertelstundentakt bleibt das Ziel»

Regierungsrat Bruno Damann nimmt im Interview Stellung zu Differenzen mit dem Kantonsrat. Und zu Vorwürfen rund um die S-Bahn St.Gallen.

Christoph Zweili
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Der Kanton St.Gallen will den 15-Minuten-Takt beim Bahnhof Haggen möglichst rasch umsetzen.

Der Kanton St.Gallen will den 15-Minuten-Takt beim Bahnhof Haggen möglichst rasch umsetzen.

Bild: Thomas Hary

Im Interview mit unserer Zeitung hat der ehemalige Geschäftsleiter der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee die S-Bahn als «Flickwerk» bezeichnet. Ist sie das?

Bruno Damann: Nicht im ganzen Kanton, nein. Allerdings hat die S-Bahn in der Stadt Verbesserungspotenzial.

Zwei Linien wurden ganz gestrichen.

Zwischen Herisau und St.Gallen haben wir die Linien S81 und S82 neu organisiert: Hier wurde der vom Gesetz über den öffentlichen Verkehr vorgegebene Kostendeckungsgrad nicht erreicht.

Die Regierung wurde im September 2018 per Postulat verpflichtet, die Neukonzeption der S-Bahn an die Hand zu nehmen. Seither herrscht Funkstille.

Da ist so. Aber im Hintergrund wird fleissig gearbeitet. Wir haben die Aufträge extern vergeben. Mitte Jahr liegen Resultate zur Erfolgskontrolle und zur Potenzialanalyse vor.

Der St.Galler Regierungsrat Bruno Damann.

Der St.Galler Regierungsrat Bruno Damann.

Bild: Urs Bucher

Das Wort «Erfolgskontrolle» hat den Namen verdient? Rund um die S-Bahn steht es nicht nur negativ?

Nein. Die Zahlen von 2019 weisen eine erhebliche Zunahme bei den Personenkilometern aus.

Das heisst?

Rund um St.Gallen haben wir je nach Linie ein Nachfragewachstum von 5 bis 15 Prozent.

Zwischen der Regierung einerseits und der Regio, der Stadt sowie dem Kantonsrat andererseits gibt es Differenzen. Beim Vollknoten St.Gallen, beim Bahnausbau 2035 und bei der S-Bahn wurden Sie contre cœur zu Ausbauten gezwungen.

Das geschah nicht contre cœur. Wir haben die Vollknoten-Thematik schon 2014 beim Bundesamt für Verkehr (BAV) eingespiesen. Der Knoten ist jetzt im Ausbauschritt 2035 drin ...

... aber nur dank massiver Hilfe der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee.

Stimmt. Auch der Kantonsrat hat uns sehr unterstützt. Wenn er einstimmig einen Beschluss fällt, so hat das Gewicht in Bern. Ich sehe da keine Differenzen.

Die Situation ist nicht verfahren?

Nein.

Man wirft Ihnen immer wieder vor, den Kanton St.Gallen in Bern nur mutlos zu vertreten.

Wir sind vielleicht zu wenig kommunikativ, aber nicht mutlos. Wir werden umgekehrt vom BAV immer wieder angesprochen, warum wir jetzt auch den Doppelspurausbau zwischen Rorschach und Rorschach-Stadt 2035 untergebracht haben wollen.

Das BAV nimmt den Kanton als progressiv wahr?

So ist es. Man darf den Bogen nicht überspannen.

Für den Hauseigentümerverband ist die S-Bahn zu wenig Treiber für die Entwicklung von Schlüsselarealen. Ist sie nur ein Transportmittel?

Nein. Sie kann durchaus weitere Entwicklungen fördern. Die S-Bahn Zürich ist ein gutes Beispiel dafür – die Gegend von Bubikon im Zürcher Oberland zum Beispiel ist in den letzten 20 Jahren explodiert.

Hätte eine Stadtbahn St.Gallen eine Katalysator-Wirkung?

Sie könnte die Strasse entlasten – die ist heute am Anschlag. Der Kanton St.Gallen will, dass 65 Prozent der künftigen Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung in den urbanen Räumen geschieht. Die S-Bahn ist das Rückgrat der weiteren Siedlungsentwicklung, heisst es im Raumkonzept des Kantons. Und die Busse übernehmen die Feinverteilung.

Dürfen die Regionen bei der Neukonzeption der S-Bahn nicht mitreden?

Doch. Das sollen sie – und das müssen sie. Wir haben den Regionen den Auftrag gegeben, dass sie ihre Angebotswünsche deponieren sollen. Wir haben ihnen angeboten, ihre Wünsche im Gespräch mit dem Amt für öffentlichen Verkehr zu definieren und zu diskutieren. Am Schluss muss es aber ein abgerundetes Paket geben, das die Anforderungen aller Regionen berücksichtigt.

Welche Vorgaben macht das Gesetz?

Das Gesetz über den öffentlichen Verkehr definiert Mindest- und Zielvorgaben je Linie: Je dichter das Angebot ist, desto höher muss der Mindestkostendeckungsgrad sein. Das haben die S81 und S82 nicht erreicht.

Die andern Linien schon?

Ja, alle. Aber wir können momentan den durchgehenden 30-Minuten-Takt zwischen Weinfelden und St.Gallen nicht bestellen, weil die Zielvorgabe für den Kostendeckungsgrad nicht erreicht wird. Das Gesetz und die Verordnung erlauben es nicht.

Auf einen grossen S-Bahn-Wurf müssen die St.Gallerinnen und St.Galler also bis 2035 warten?

Wir wollen das S-Bahn-Angebot natürlich vor 2035 verbessern – dort, wo es keine Infrastrukturausbauten braucht. Heute haben wir an den meisten Stationen ausser in Bruggen den 30-Minuten-Takt. In St.Fiden ist das Angebot sogar besser. Der 15-Minuten-Takt in St.Gallen-Haggen ist mit sehr wenig Ausbauten möglich. Ihn wollen wir möglichst rasch wieder umsetzen – aber auch dafür müssen wir allenfalls die Verordnung und das Gesetz anpassen.

Und in Bruggen?

Hier wird ab nächstem Fahrplanwechsel auch die S1 halten können – damit halten die S5 und die S1 je halbstündlich kurz hintereinander. 2035 ist in Bruggen und Winkeln ein 10-/20-Minuten-Takt möglich.

Der Bahnhof St.Gallen-Bruggen.

Der Bahnhof St.Gallen-Bruggen.

Bild: Ralph Ribi

Das grosse Ziel bleibt der Viertelstundentakt auf Stadtgebiet?

Ja. Er soll für die Stadtbahnhöfe zumindest annähernd erreicht werden. Das haben wir auch beim BAV gefordert. Das ist aber nicht eins zu eins umsetzbar, weil es dafür grosse Infrastrukturausbauten braucht. Aber wir haben auf Stadtgebiet ein dichtes Busangebot.

Eine Studie von Kanton, Stadt und Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee belegt allerdings, dass ein verbessertes S-Bahn-System ohne grosse Infrastrukturausbauten möglich wäre.

Die besagte Studie ist von einem externen Planungsbüro gemacht worden. Wir mussten sie usanzgemäss von den Bundesbahnen prüfen lassen – diese Fahrplanfachleute kamen zu einem ganz anderen Schluss.

Nämlich?

Dass es ohne grosse Infrastrukturmassnahmen nicht geht.

Um wie viel Geld geht es?

Die Rede ist von einem dreistelligen Millionenbetrag – unter anderem sprechen wir von einem dritten Gleis zwischen Gossau und St.Gallen und weiteren Infrastrukturmassnahmen in St.Gallen.

Stadt und Regio sind da allerdings anderer Meinung.

Die in der S-Bahn-Vorlage zugesagten Infrastrukturmassnahmen für den 15-Minuten-Takt gibt es bis heute nicht. Wir haben sie im Ausbauschritt 2035 eingegeben. Das BAV hat sie aber aufgrund des sehr schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnisses gestrichen, beziehungsweise nicht in die Botschaft des Bundesrates aufgenommen.

Der Kanton St.Gallen kann diesen Millionenbetrag nicht vorfinanzieren wie beim Start der S-Bahn St.Gallen?

Aus meiner Sicht nicht. Über 200 Millionen Franken sind ein sehr grosser Betrag – dieser müsste zudem aufwärtskompatibel sein.

Das heisst?

Die Gefahr ist gross, dass diese Investition mit dem Ausbauschritt 2035 nicht mehr zusammenpasst.

Denken Sie bei der Neukonzeption der S-Bahn rund um die Gründung des Metroraums Bodensee auch über die Grenzen hinaus?

Es ist ein grosses Anliegen des Kantons St.Gallen und des Landes Vorarlberg, dass die S-Bahn-Angebote abgestimmt und verdichtet werden. Da sind wir in engem Kontakt mit dem Bundesamt für Verkehr.

In St.Gallen bleibt die S-Bahn eine Sorgenbahn

Der Kanton hat von einem externen Beratungsbüro untersuchen lassen, ob im Westen der Stadt St.Gallen ein Viertelstundentakt der S-Bahn möglich wäre. Das Ergebnis ist ernüchternd, eine schnelle Lösung nicht in Sicht.
David Gadze