Die Ruhe vor dem Sturm

Mittwochmorgen, 8 Uhr. Noch gibt es keinen Extrabus zum OpenAir St. Gallen. Und im 1er bis zur Haltestelle Schönenwegen sind keine übergrossen Rucksäcke oder Zelte auszumachen.

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Am Mittwochmorgen ist die Warteschlange vor dem OpenAir noch überschaubar. (Bild: rr)

Am Mittwochmorgen ist die Warteschlange vor dem OpenAir noch überschaubar. (Bild: rr)

Mittwochmorgen, 8 Uhr. Noch gibt es keinen Extrabus zum OpenAir St. Gallen. Und im 1er bis zur Haltestelle Schönenwegen sind keine übergrossen Rucksäcke oder Zelte auszumachen. Nur die Absperrgitter entlang der Rechenwaldstrasse und die ungezählten Schilder zeigen, dass hier ein Grossereignis stattfinden wird.

Dann, nach rund fünfzig Metern, ziehen drei Personen einen umgebauten Leiterwagen, vollgepackt mit Bier, Zelt und Schlafsäcken, ins Tobel. Die vereinzelt vorbeifahrenden Lieferwagen deuten darauf hin, dass mehr Leute als nur diese drei erwartet werden. Um genau zu sein: Zehntausend mal mehr.

Nach einer Kurve dann ein erstes Zelt auf dem Trottoir. «Guten Morgen!» Die drei Personen unter dem Dach grüssen freundlich, die Stimmung ist gut. «Wir verbringen die Wartezeit mit Grillieren, Bier trinken und Kartenspielen», sagen sie. Die Motivation bei ihnen ist noch hoch, sie sind aber auch eben erst angekommen.

Lager-Atmosphäre

Etwas weiter vorne ist es ruhig. Von oben tropft es aus den Bäumen, von unten steigt Rauch aus den Grills. Gut eingepackt in Schlafsäcke und Jacken erwachen die ersten Leute vor dem noch verschlossenen Eingang. «Die erste Nacht war gar nicht so kalt», sagt ein Wartender an vorderster Front. Etwas übermüdet sei er schon, doch das gehöre halt dazu. Sagt's und nimmt einen Schluck aus der Bierdose. Das Feuer auf dem Wegwerfgrill verbreitet Lager-Atmosphäre. 9.30 Uhr. Unterdessen warten bereits knapp 60 Personen auf die Öffnung des Geländes.

Noch über 30 Stunden müssen sie sich gedulden. «Wir freuen uns insbesondere auf die Ärzte. Leider spielen die ja erst am Sonntag. Aber wirklich wichtig sind die Bands ja eh nicht», heisst es. Die meisten Leute hier unten haben einen Teil ihrer Ferien für das Anstehen geopfert. Wer das nicht konnte, hat sich bei der Arbeit krankgemeldet: «Das Warten, das Anstehen, die steigende Spannung – nur so wird es auch ein richtiges OpenAir. Könnte ich heute nicht schon hier sein, würde ich das Festival dieses Jahr ganz ausfallen lassen.»

Alte Bekannte

Die Wartenden kennen sich zum Teil bereits. Zumindest vom Sehen. Es seien jedes Jahr etwa die gleichen Leute. Für die meisten von ihnen ist es nicht das erste OpenAir: «Mindestens mein zehntes St. Galler OpenAir. Wahrscheinlich sogar mehr», sagt einer.

Sein Freund auf dem Klappstuhl neben ihm meint, dass er nach 15 OpenAirs aufgehört habe zu zählen. Aufgrund des geschätzten Alters der Wartenden muss man vermuten, dass sie bei diesen Angaben ein bisschen übertreiben. Auch wenn sie nach durchzechter Nacht sicherlich einige Jahre älter aussehen. René Rödiger