Die Risiken des Stromhandels

Sind Energiederivate so gefährlich wie strukturierte Lehman-Papiere? Dies wollten zwei Mitglieder des St. Galler Kantonsrats wissen. Die Regierung winkt ab. Sie sieht nur positive Aspekte.

Andreas Kneubühler
Drucken

ST. GALLEN. Betreiben die Stromunternehmen zu riskante Anlagegeschäfte? Das Thema brachte die «Sonntags-Zeitung» letzten Sommer auf den Tisch. Das Blatt zeigte auf, wie der Handel mit Energiederivaten bei der Axpo-Tochter EGL (Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg) zugenommen hat: Von 2004 bis 2008 stieg das Volumen der ausstehenden Energiederivate von 8 auf 72 Milliarden Franken.

Handel in kleinerem Umfang

Derivate sind Termingeschäfte mit Strom oder Gas, bei denen in diversen Variationen auf die zukünftige Preisentwicklung spekuliert wird. Auch aktive Stromunternehmen in der Region setzen auf den Handel mit Derivaten – allerdings mit deutlich kleineren Volumen. Dazu gehören die Nordostschweizer Kraftwerke (NOK), ein weiteres Unternehmen des Axpo-Konzerns, das seit dem 1. Oktober 2009 Axpo AG heisst.

Das Derivatgeschäft werde nicht als Eigenzweck, sondern zur Optimierung der Handelstätigkeit betrieben, erklärte ein Axpo-Sprecher den Unterschied zur EGL.

Klumpenrisiko für St. Gallen?

Wie riskant sind diese Termingeschäfte der Stromunternehmen? SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner (Basel-Stadt) reichte Ende September eine Motion ein, in der er vom Bundesrat klare Rahmenbedingungen fordert.

Seit dem Untergang von Enron müsse man zur Kenntnis nehmen, dass über Derivatgeschäfte Milliardenvermögen auf dem Spiel stünden, argumentierte Rechsteiner.

Die möglichen Risiken beschäftigten auch zwei Mitglieder des St. Galler Kantonsrats. «Welche Konsequenzen hätte ein Worst Case bei den EGL für den Kanton St. Gallen als indirekten Eigentümer?», wollte Ernst Dobler (CVP, Oberuzwil) in seinem Vorstoss wissen.

Ursula Graf Frei (SP, Diepoldsau) forderte die Regierung auf, bei der Axpo «wegen des Klumpenrisikos aus volkswirtschaftlichen Gründen zu intervenieren».

Inzwischen hat die St. Galler Regierung dazu Stellung genommen. Sie sieht im Derivatenhandel der Axpo Holding kein Problem. «Die Risiken sind überschaubar, limitiert und tragbar», schreibt sie. Im Gegensatz zu gewissen komplexen Derivaten der Finanzindustrie seien Energiederivate relativ einfache Produkte.

Die Regierung geht noch einen Schritt weiter: In liberalisierten Märkten wäre es wesentlich risikoreicher und gleichzeitig weniger profitabel, «wenn der Axpo- Konzern auf das Instrument der Derivate verzichten würde», schreibt sie. «Weil dann keine Absicherungsgeschäfte getätigt oder Möglichkeiten am Markt gezielt genutzt werden könnten.»

Energiederivate bringen Gewinn

Energiederivate hätten erheblich zum finanziellen Erfolg des Konzerns beigetragen und davon profitierten alle: «Sei es durch Steuern und Dividenden, sei es durch konkurrenzfähige Strompreise.»

Wesentlich zurückhaltender argumentierte der Bundesrat in seiner Antwort auf den Vorstoss von Rudolf Rechsteiner. Ob beim Geschäft mit Energiederivaten ein Systemrisiko bestehe oder ob nur kleinere einzelbetriebliche Marktpreis- oder Reputationsrisiken existierten, müsse erst noch abgeklärt werden. «Ohne das Vorliegen einer wissenschaftlichen Grundlage kann sich der Bundesrat nicht abschliessend äussern», heisst es in der Antwort.

Aktuelle Nachrichten