Die Raucherlunge im Reagenzglas

In der Gesundheitsvorsorge hat St. Gallen in den vergangenen 25 Jahren Pionierarbeit geleistet. Die Präventionsarbeit hat sich in dieser Zeit stark gewandelt. Geblieben sind die Widerstände der Politik und das Desinteresse der Bevölkerung.

Andri Rostetter
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Initialzündung für die Präventionsarbeit im Kanton St. Gallen: Drogenelend im St. Galler «Bienenhüsli» im Jahr 1990. (Bild: Stadtpolizei St. Gallen)

Initialzündung für die Präventionsarbeit im Kanton St. Gallen: Drogenelend im St. Galler «Bienenhüsli» im Jahr 1990. (Bild: Stadtpolizei St. Gallen)

ST. GALLEN. Mitte Oktober, ein Schulzimmer in der Stadt St. Gallen, kurz nach 19 Uhr. Drei Kindergärtnerinnen, eine Schulärztin und eine Ernährungsberaterin haben eingeladen, um über ein Präventionsprojekt zu informieren. Der Elternabend sollte längst anfangen, doch Eltern sind keine in Sicht. Erste Zweifel kommen auf, ob man das richtige Datum kommuniziert hat. Schliesslich taucht doch noch ein einziger Vater auf. Die Gruppe diskutiert kurz, entscheidet sich dann, den Anlass in verkürzter Form durchzuführen.

Wenige Tage später, eine Pressekonferenz im St. Galler Gesundheitsdepartement. Thema: Die neuen Projekte von Gesundheitsförderung Schweiz, einer Stiftung von Bund, Kantonen und Versicherern. Auf einem Tisch stehen Kaffee und Gipfeli für Journalisten bereit. Am Ende kommt ein einziger.

Kampf um Aufmerksamkeit

Die beiden Szenen sind symptomatisch für die Präventionsarbeit: Wo immer Gesundheitsförderung betrieben wird, muss um Aufmerksamkeit regelrecht gekämpft werden. «Wenn es den Leuten gut geht, interessieren sie sich wenig für Prävention», sagt Stefan Kaufmann, Stiftungsrat von Gesundheitsförderung Schweiz. Präventionsprojekte würden heute zwar nicht mehr belächelt, für die Verantwortlichen sei es aber nach wie vor Knochenarbeit.

Auch in der Politik stossen Investitionen in die Gesundheitsvorsorge nach wie vor auf Skepsis. Hier lasse sich allerdings ein Umdenken beobachten, sagt Kaufmann: «In den Finanzdepartementen reift die Einsicht, dass es Ausgaben braucht, um die Gesundheitskosten zu minimieren.» Wirklich neu ist diese Erkenntnis indes nicht: Eine von Bundesamt für Gesundheit und Tabakpräventionsfonds in Auftrag gegebene Studie von 2009 zeigte am Beispiel von Alkohol und Tabak, wie sich Prävention finanziell lohnt. Das Ergebnis: Jeder in Prävention investierte Franken erspart ein Vielfaches an Folgekosten.

«Klassische Win-win-Situation»

Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz wird seit 2012 von der St. Galler Gesundheitschefin Heidi Hanselmann präsidiert. «Es ist ein grosser Vorteil für den Bund, wenn die grösste Stiftung für Gesundheitsförderung der Schweiz von einem grossen und aktiven Kanton geführt werden kann», sagt Hanselmann. Der Kanton sei nah bei allen Entwicklungen dabei, könne innovative Ideen schnell und auf kurzem Weg einbringen. Umgekehrt profitiere der Kanton schweizweit von Experten bis in die Spitze verschiedener Departemente – für Hanselmann «eine klassische Win-win-Situation».

Dass ein nationales Gremium seit Jahren von einer Ostschweizer Regierungsrätin geführt wird, ist an sich nichts Aussergewöhnliches. Im Fall von Gesundheitsförderung Schweiz ist es aber kaum Zufall: Von der breiten Öffentlichkeit praktisch unbemerkt hat sich der Kanton St. Gallen in den vergangenen Jahrzehnten in der nationalen Präventionspolitik eine Führungsposition erarbeitet.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die kantonale Präventionsfachstelle Zepra. Die Institution wurde vor 25 Jahren gegründet, mitten in der Debatte um die offenen Drogenszenen. Das Elend auf dem Zürcher Platzspitz und im St. Galler «Bienenhüsli» erregte damals international Aufmerksamkeit, «Zurich's Drug Hell» schaffte es bis in die «Los Angeles Times». «Sie führten zur Einsicht, dass Drogenprobleme mit Repression allein nicht in den Griff zu bekommen sind», sagt Hanselmann rückblickend. «Es war die Geburtsstunde von spezialisierten Präventionsfachstellen in der ganzen Schweiz.»

Aufklärung statt Abschreckung

Praktisch zeitgleich mit der Gründung von Zepra erweiterte sich der traditionelle Horizont der Prävention. Typisch waren damals Besuche in Schulklassen, bei denen Trinkerlebern und Raucherlungen in Reagenzgläsern gezeigt wurden. Auch ehemalige Drogenabhängige wurden engagiert, um über ihr Leben zu berichten. «Informationsvermittlung ist nach wie vor richtig», sagt Zepra-Leiter Stefan Christen, «aber die Abschreckungsstrategie fruchtete bei Jugendlichen nicht. Sie erreichte zum Teil sogar das Gegenteil.» Inzwischen hat St. Gallen an mehreren Fronten Pionierarbeit geleistet. Als erster – und neben Aargau einziger – Kanton hat er eine Plattform für Betriebliches Gesundheitsmanagement geschaffen. Auch was die Gesundheitsförderung auf Gemeindestufe oder die Entwicklung von Schulungen für Verkaufspersonal von Alkohol und Tabak angeht, ist St. Gallen führend.

«Wir sind nicht mehr mit dem Moralfinger unterwegs. Diese Zeiten sind vorbei», sagt Hanselmann. Es gehe bei der Prävention nie um Bevormundung. «Die Vorstellung, dass der Staat darüber entscheidet, ob man eine Bratwurst essen darf oder nicht, ist Unsinn.» Es gehe vielmehr darum, die Menschen zu befähigen, Entscheidungen für oder gegen eine gesunde Lebensweise zu treffen.

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