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Interview

Regierungspräsident Fredy Fässler: "Die Radikalisierung muss viel früher verhindert werden"

Das Jahr als Regierungspräsident des Kantons St.Gallen neigt sich für Fredy Fässler dem Ende zu. Seine Veranstaltungsreihe «Das Fremde in mir» hat er am Freitag in Wildhaus abgeschlossen. Welche Momente ihn am meisten bewegt haben.
Odilia Hiller
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Das Fremde in mir" besuchte Regierungspräsident Fredy Fässler auch die Moschee in Oberuzwil. (Bild: Michel Canonica)

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Das Fremde in mir" besuchte Regierungspräsident Fredy Fässler auch die Moschee in Oberuzwil. (Bild: Michel Canonica)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Er ist nicht der erste St.Galler Regierungspräsident, der während seines Amtsjahres eine Veranstaltungsreihe organisiert. Fredy Fässler hat jedoch mit seinem Modell überrascht: Statt sich selber reden zu hören, wollte er Betroffenen Fragen stellen, die ihn umtreiben. In acht Veranstaltungen rund um Minderheiten und Missverständnisse.

Fredy Fässler, Sie haben in Ihrem Präsidialjahr mit Betroffenen über Demenz, den Islam, Leihmutterschaft oder Transsexualität gesprochen. Sind jetzt alle Ihre Fragen beantwortet?

Natürlich nicht. Ich habe noch viele Fragen. Aber ich habe etwas Wesentliches gelernt: Dass uns das Fremde – alles, was wir nicht kennen – Angst machen kann, ist normal. Und manchmal ­erschrickt man ob der eigenen Reaktion. Das Unbekannte dann wegzudrücken, ist der einfache Weg. Die Betroffenen anzusprechen und sie danach zu fragen, was man nicht versteht, kann jedoch viel bewirken. Man versteht viele Situationen besser. Es braucht nur etwas Mut. Ich kann es nur empfehlen.

Sie haben mit Ihrer Veranstaltungsreihe fast den ganzen Kanton bereist. Wie war das Echo?

Viele haben mir gesagt, dass sie es erfrischend finden, dass für einmal der Regierungsrat die ­Fragen stellt. Natürlich war die Beteiligung nicht überall gleich hoch. Wir hatten aber immer zwischen 40 und 200 Personen im Saal. Es gab intensive, gute und berührende Diskussionen.

Welcher Moment hat Sie am meisten berührt?

Einer von vielen, der mir in den Sinn kommt: Die Art und Weise, wie ein 70-jähriger Mann über die fortgeschrittene Demenzerkrankung seiner Frau sprach. Es gelang ihm, zu beschreiben, wie er eine neue Form der ­Beziehung zu seiner Frau fand, die nicht nur aus Verlust und Schmerz besteht. «Die Sterne sieht man erst, wenn es dunkel wird», sagte er. Man spürte, wie der ganze Saal mitgegangen ist.

Was hat Sie überrascht?

Beispielsweise, als uns zwei ­Musliminnen, eine Juristin und eine Naturwissenschafterin, erzählten, weshalb sie aus freien ­Stücken entschieden haben, das Kopftuch zu tragen. Sie sagten, die aktuelle Kopftuchdiskussion trage dazu bei, dass sie jetzt auf der Strasse weniger schief angesehen würden als früher. Ich hatte das Gegenteil erwartet: Dass sie sich beobachteter fühlen, seit so viel darüber geredet wird.

Am Freitag sind Sie ins Toggenburg zurückgekehrt, wo sich im Oktober 2016 rund 6000 Neonazis aus halb Europa zu einem Konzert versammelt hatten. Damals war die Polizei völlig überrumpelt. Haben Sie seither in Ihrem Departement die richtigen Fragen gestellt?

Ja. Es wurden unter anderem Gemeindeorgane wie auch Eigentümer von Eventhallen gezielt sensibilisiert, bei Veranstaltungen genauer hinzusehen, wer sie organisiert. Wie bei allen Ex­trempositionen genügt es aber nicht, Zusammenkünfte zu verhindern. Die Gesellschaft muss versuchen, zu einem viel früheren Zeitpunkt eine Radikalisierung zu verhindern. Indem man hinschaut, nachfragt und nicht gleichgültig ist, wenn sich jemand auffällig verändert. Da sind alle gefordert, auch in den Schulen. Wir müssen Verantwortung übernehmen und aktiv werden, bevor sich Menschen in den Radikalismus verabschieden.

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