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Die Punk-Wachsfiguren im Sittertobel

1996 krönte das OpenAir St. Gallen die 20. Ausgabe mit den Sex Pistols. Die englischen Ur-Punks am Ostschweizer Woodstock – das versprach einen pikanten Zusammenprall der Jugendkulturen. Alles halb so schlimm, obwohl Johnny Rotten alle Schimpfregister zog.
Marcel Elsener
Gespielte Verachtung: John Lydon alias Johnny Rotten auf der St. Galler Bühne.

Gespielte Verachtung: John Lydon alias Johnny Rotten auf der St. Galler Bühne.

Die hätte man zuletzt erwartet: Ausgerechnet die Sex Pistols sollten 1996 dem 20jährigen OpenAir St.Gallen die Jubiläumskrone aufsetzen. Ein doppelt schiefes Bild, denn mit Jubiläen und Kronen hatte die Band nichts am Hut, wie ihre Hasstirade «God Save The Queen» unmissverständlich besagte. Und eigentlich auch nichts mit jenen Freiluftmusik-Festivals, wie sie allerorten entstanden waren. «Ziit vo Flower Power isch vebii, Woodstock isch Scheisse gsii»: Was die Zürcher Punkband Sperma 1977 sang, galt erst recht für ihre Vorbilder. Johnny Rotten im Sittertobel? Unvorstellbar. Und umso mehr ein Coup, «das perfekte Geburtstagsgeschenk», wie sich Andreas Müller erinnert, der in jenem Jahr die OpenAir-Geschäftsführung an Christof Huber übergab. «Als wir das Angebot erhielten, sagten wir zueinander: Das müssen wir machen, egal wie es herauskommt.»

Nach Chili Peppers und Cypress Hill

Ein programmierter Witz und ein Mutanfall, den sich das Festival leisten konnte: Schliesslich war die legendärste aller Punkbands, die sich aus Geldnot kurzfristig für eine Welttournée reformiert hatte (und das unter dem Titel «Filthy Lucre», schnöder Mammon, auch so deklarierte), nur der scharfe Senf auf einer reich gedeckten Festplatte: Die Red Hot Chili Peppers, B. B. King und Herbert Grönemeyer lockten die Massen, und Namen wie Fettes Brot oder Young Gods freuten spezialisierte Kreise. Da mochte es das absehbare Kasperlitheater mit den Sex Pistols leiden, und prompt schrieben die Zeitungen vor dem Jubiläumsfestival am meisten über John Lydon alias Johnny Rotten und seine Mitstreiter Steve Jones (Gitarre), Paul Cook (Schlagzeug) und Glen Matlock (Bass, bevor der berüchtigte Sid Vicious übernommen hatte).

Die Sex Pistols sind als krönender Abschluss am Sonntag programmiert: Vor ihnen rufen die US-Rapper Cypress Hill zum Kiffen auf und verteilen Riesenjoints, und nach den Pistols folgen noch die finnischen Rockclowns Leningrad Cowboys. Es liegt der Hauch einer Sensation, wenigstens eine nervöse Erwartungshaltung in der Luft, als die konservierten Punkveteranen spätnachmittags die Sitterbühne entern. Wer sich über die Reunion ein wenig schlau gemacht hat, fragt sich allerdings, wie lange es Rotten & Co dort aushalten würden. In Dänemark haben sie einen Gig nach 15 Minuten abgebrochen, weil sie mit Flaschen beworfen wurden.

Schunkelpunk zum Mitgrölen

Ein schlichtes «We are the Sex Pistols» und alle Zweifel weggepustet: Die Maschine läuft wie geschmiert, im schmalen Repertoire all die eigenen «Klassiker» von «Bodies» bis «Holidays In The Sun», dazu Covers wie das schon 1977 übliche «Steppin' Stone» der Monkees; samt und sonders Hymnen, Fussballfansongs, Schunkelpunk zum Mitgrölen, Bierzeltstimmung; tatsächlich wirken die drei Musiker wie eine gut geölte Coverband ihrer selbst. Alles solid heruntergespult, es sind keine schlechten Musiker, das hat man schon gewusst.

Dass der Auftritt nicht zur Dutzend-Rockshow verkommt, liegt am Chef: Mr. Rotten. Der begnadete Provokateur treibt noch einmal das alte Punk-Spiel: Wir sind Vollidioten, klar, aber ihr noch die grösseren, haha! Rotten spielt den Showmaster mit hochtoupierter Igelfrisur als zynisch abgeklärte Kanalratte und Rumpelstilzchen, das seine früheren Publikumsbeschimpfungen parodiert. «Hippies», ruft er, «Abschaum»; «was seid ihr nur für miese Langweiler», adressiert an die zwei Dutzend letzten Mohikaner, die es ernst nehmen und ihm ständig den Mittelfinger zeigen.

«Heim zu euren Kuckucksuhren!»

Wenn es zu kuschelig wird, geht Rotten näher an die Irokesenbande ran, braucht vermehrt noch das F-Wort und macht doofe Faxen, bis ihm Gegenstände um die Ohren fliegen, Bierdosen, Orangen, Äpfel. Doch hat er früh klar- gemacht: «Lektion eins: Ihr werft nichts nach uns, sonst gehen wir gleich wieder heim – die Gage haben wir nämlich schon im Sack!» Der Grossteil des Publikums ist halbwegs amüsiert, aber jener Teil, der sein Leben auf Punk eingeschworen hat, zusehends verärgert. Was wiederum die Sicherheitsleute sehr nervös macht. Doch das Konzert geht wacker weiter, am Ende sind es 40 Minuten, plus «Anarchy In The UK» obendrauf, die vertraglich geregelte Dauer. Nach einer Zugabe hat fast niemand gerufen, doch Rotten meint listig: «Ob ihr es wollt oder nicht, wir können auch weitermachen.» Bevor er verschwindet, lässt der in einem Londoner Arbeiterslum aufgewachsene Sohn irischer Eltern die «boring rich Swiss people» seine Verachtung spüren: «Bye, jetzt könnt ihr heimgehen zu euren verdammten Kuckucksuhren!» Es ist der alte angelsächsische Irrtum, doch vielleicht meint er tatsächlich die Schwarzwälder im Tobel-Publikum. Das reibt sich jetzt die Augen: Wow, waren das wirklich die Sex Pistols gewesen?

Noch alle Teetassen im Schrank

Na ja, so halb, ist der Tenor hernach in den Medien. Lydon kam der «Basler Zeitung» vor wie jene «Blechvögel, die, wenn man die Schraube loslässt, drauflospicken». Der Punkheld habe «damit rechnen müssen, seinen Ruf in den einer Witzfigur verwandelt zu sehen», meint die NZZ: «Die Punks witterten den Ausverkauf von Idealen, die zumindest bei den Sex Pistols nie bestanden haben.» Der «Tages-Anzeiger» meldete schon zuvor: «Man bekommt eine Punk-Revue, die Kreuzung aus Andrew Lloyd Webber und Madame Tussaud, bei der die Gruppe ein erdbebensicheres Punk-Simulat herunterspielt.» In Abwandlung des berühmten Spruches «Punk's not dead» liesse sich in bezug auf die Pistols kalauern: Punks nicht blöd. Das bestätigt Fritz Portner, langjähriger Bandbetreuer des OpenAir St. Gallen: John Lydon sei ihm im Gedächtnis haften geblieben. «Und zwar nicht als Punk, den er auf der Bühne gab, sondern als gebildeter, sehr nett mit mir plaudernder Brite. Ich staunte über die zwei Persönlichkeiten: zweimal Lydon, aber ganz andere Charaktere.» Eine «liberale Person», wie sie auch in manchen Artikeln beschrieben werde.

Als ihm Booker Huber und Festivalleiter Müller mitteilten, sie möchten die Sex Pistols buchen, habe er zunächst «ein flaues Gefühl im Bauch» gehabt, erinnert sich Portner. Doch sei das nach ersten Kontakten schnell verschwunden: aufgrund der renommierten Londoner Solo-Agency, mit der die St. Galler viel zu tun hatten, und weil «der Verkehr mit Tourmanager, Techniker usw. absolut normal verlief». Was sich schliesslich auch bei der – pünktlichen – Ankunft der Band zeigte: Im sogenannten Rider waren die Bedürfnisse in der Garderobe «manierlich aufgelistet: Servietten, Metallbesteck, Weingläser, Trinkgläser, Tee- und Kaffeetassen und alles bitte nicht in Plastik.» Auch sonst alles «im normalen Mass für Bands dieser Klasse. Keine Exzesse, nichts Verdächtiges. Alles lief normal. An Johnnys Mitstreiter kann ich mich nicht erinnern. Sie verhielten sich offenbar sehr dezent.»

Heisse Luft, aber Lydon bleibt

Christof Huber, seither OpenAir-Musikchef, hat den Pistols-Auftritt nicht als Highlight in Erinnerung: «Die Show war viel heisse Luft, viele Leute haben sie nicht zu Ende geschaut.» Er meint, gehört zu haben, wie die Drohung der Band widerhallte: «Go home!». In der Tageszeitung «Ostschweiz» kamen drei Basler Punks zu Wort: «Die Sex Pistols waren Scheisse, Scheisse, Scheisse. Die Party ist heiss. Drei Tage mit Alk und ohne die Alten ist eine geile Sache.» Immerhin das gilt bis heute, ob mit oder ohne «Punk» am OpenAir. Und Johnny Rotten macht immer noch Eindruck: mit seiner Postpunk-Band Public Image Limited (PIL) und seiner zweiten Autobiographie «Anger Is An Energy» (2015). Die erste, erschienen 1994, hiess: «No Irish, No Blacks, No Dogs». Man muss ihn einfach gern haben!

Bitterer Moment: Jüngere Punkfans zeigen ihren zynischen Helden im Sittertobel nur den Stinkefinger. (Bilder: Daniel Ammann)

Bitterer Moment: Jüngere Punkfans zeigen ihren zynischen Helden im Sittertobel nur den Stinkefinger. (Bilder: Daniel Ammann)

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